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Leerstelle Europa

Andrea Kasiske17. Mai 2014

Vor den Europawahlen wagt der Schweizer Regisseur Milo Rau mit seinem neuen Stück "The Civil Wars" eine radikale Gesellschaftsdiagnose. Ausgehend von den Biografien der Schauspieler entwirft er ein Tableau Europas.

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Milo Rau - The civil wars, Foto: Marc Stefan
Bild: Marc Stephan

Im Juni 2013 ging ein Video durch die belgischen Medien. Junge Milizionäre enthaupten einen Funktionär Assads. Im Hintergrund rufen Dschihadisten auf Flämisch "Dreht ihn um!". Ein Schauspieler erzählt diese Geschichte, ohne große Emotionen, fast nüchtern in Richtung Publikum. Der Anfang des Stückes "The Civil Wars", "die Bürgerkriege", das jetzt im Brüsseler Beursschouwburg-Theater Vorpremiere hat. Mehrere Monate hat der Schweizer Regisseur Milo Rau im belgischen Salafisten- und Rechtsradikalenmilieu recherchiert. Er hat mit Anwälten und Eltern gesprochen, deren Söhne konvertiert und in den "Dschihad", den "heiligen Krieg", nach Syrien gegangen sind. Was bringt junge Europäer dazu, sich zu radikalisieren, religiös oder politisch - das sei die Ausgangsfrage gewesen, berichtet er. Doch im Laufe der Proben ist ein anderes Stück entstanden.

Das Politische im Privaten

Angesichts der "großen Fragen" von einem Europa, das auseinander zu brechen scheint, sich gegen Migranten und Flüchtlinge abschirmt, das offenbar keine gemeinsamen Werte hat, wo politischer und religiöser Extremismus boomt, wagt Milo Rau eine "Binnenschau" , die sich an den Biografien der vier Schauspieler orientiert. Anders als in früheren Stücken, wie dem gefeierten "Hate Radio", wo es um den Genozid in Ruanda ging oder "Breivik", die Protokolle des norwegischen rechtsgerichteten Attentäters, der ein Massaker in einem sozialistischen Jugendcamp angerichtet hatte, konzentriert sich dieses Stück auf die Erzählungen der Schauspieler. Sie reden über ihr Leben, über ihre Kindheit, ihre Erfahrungen mit den Eltern und sind plötzlich mitten drin in den "großen politischen Themen".

Wenn Karim Bel Kacem, Franzose marokkanischer Herkunft, über sein Leben zwischen zwei Kulturen spricht, dann spiegelt das die Situation vieler Migranten. Sein Vater, haltlos, Trinker, kann ihm kein Vorbild sein. Einen Ersatzvater findet Karim in einem Imam. Eine kurze, pubertäre Phase, wie er selbst sagt. Aber der charismatische Lehrer habe ihm klar gemacht, welche Macht Worte haben können. Und wie klein der Schritt zu einer Radikalisierung sein kann, wenn man keinen anderen Rückhalt hat. Karim fand ihn in seinen fünf Schwestern.

Schweizer Regisseur Milo Rau. Foto: Picture Alliance/dpa
Suche nach Werten: Milo RauBild: picture-alliance/dpa

Die jungen Islamisten, die er getroffen hat oder von denen er gehört hat, hätten alle keine Väter gehabt, denen sie irgendwie hätten nacheifern können, sagt Milo Rau. Und diese Struktur habe er auch bei seinen Schauspielern gefunden. Tatsächlich sind zwei der Väter in der Psychiatrie gelandet, ein anderer früh bei einem Autounfall ums Leben gekommen.

Der Belgierin Sara De Bosschere fällt es offensichtlich nicht leicht, über das Scheitern ihres Vater zu sprechen. Sie kommt aus einem linken Haushalt, die Mutter frauenbewegt, der Vater Trotzkist. Er zerbricht an dem Abstand zwischen Idealen und Wirklichkeit, wird verrückt. Sie sei früh erwachsen geworden, sagt sie. Und, man müsse eben damit leben, wie man geworden sei.

Was unsere Gesellschaft zusammenhält

Das Scheitern der großen, nicht nur linken Bewegungen, Migration, drohende Klimakriege, die Frage, was hält diese Gesellschaft, was hält Europa noch zusammen, das alles streift das Stück in den privaten Geschichten.

Dass die Erzählungen spannend bleiben, liegt auch an der Inszenierung. Milo Rau hat ein strenges Kammerspiel entworfen. Ein spärlich beleuchteter Salon mit Sofa, ein Sideboard, darauf afrikanische Figuren, exotische Vasen, Marienfiguren und ein Foto der New Yorker Freiheitsstatue, die als apokalyptisches Relikt aus dem Sand ragt. Die vier Schauspieler sprechen abwechselnd in eine Kamera. Jede Regung ihres Gesichts wird übergroß auf eine Leinwand projiziert. Der Regisseur erreicht damit eine Intensität, die unter die Haut geht.

Milo Rau - The civil wars Foto: Marc Stefan
Bühnenbild: Balance zwischen Emotion und DistanzBild: Marc Stephan

Er falle ihm immer noch schwer, die richtige Erzählhaltung zu finden, meint Sébastien Foucault, dessen Vater zufälligerweise Michel Foucault, wie der große französische Philosoph, hieß. Seine Erinnerungen an früher musste er erst mal mit Hilfe seiner Familie rekonstruieren. Um sie dann wieder lebendig zu machen. Auch ein schmerzlicher Prozess. Die richtige Balance zwischen Emotionen und Distanz auf der Bühne herzustellen, sei die große Herausforderung gewesen. Auch Johan Leysen, der mit großen Regisseuren wie Godard und Heiner Goebbels gearbeitet hat, war skeptisch, ob die "kleinen" Geschichten der Schauspieler das Stück tragen, ob sie eine größere Dimension eröffnen. Doch er habe Milo Rau und seinem dokumentarischen Konzept vertraut, sagt er. Das Ergebnis gibt ihm recht. "The civil wars" ist das bisher persönlichste Stück, das der Regisseur auf die Bühne bringt. Er setzt auf die Schauspieler als Menschen, die, indem sie ihr Leben mitteilen, auch etwas Universelles über unsere Zeit und über Europa sagen. Kein heiterer Abend, aber ein wichtiger. Wer bin ich, wie bin ich geworden, was ich bin. Das geht alle an.