Die kurdische Sprache in der Türkei | Europa | DW | 25.10.2013
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Europa

Die kurdische Sprache in der Türkei

Für Kurden in der Türkei ist die Frage nach der Anerkennung der kurdischen Sprache ein zentrales Thema. Mittlerweile wird Kurdisch - einst verboten - auch an den Schulen gelehrt. Aber nur als Fremdsprache.

"Rojbas!" - heißt "Guten Tag" auf Kurdisch. Mit dieser Begrüßung beginnt der Kurdischunterricht des Vereins Kurdi-Der in der Kurden-Hochburg Diyarbakir. Die Teilnehmer sind ausschließlich Kurden im Alter zwischen 24 und 30 Jahren. Ihre Bücher haben sie bereits aufgeschlagen. Mit dabei: die Medizinstudentin Derya Can. Sie absolviert seit einigen Wochen ein Praktikum in einem Krankenhaus in Diyarbakir. "Dort habe ich gemerkt, wie begrenzt meine Kurdisch-Kenntnisse sind." Das erschwere die Kommunikation mit ihren Patienten und könne zu Problemen im ganzen System führen. "Deshalb habe ich beschlossen, besonders gut Kurdisch zu lernen und eine Ärztin zu werden, die sich hervorragend mit ihren Patienten verständigen kann", sagt die angehende Ärztin. Als sie noch ein kleines Kind war, war es in der Türkei verboten, Kurdisch zu sprechen. Aus diesem Grund konnte Derya Can ihre Muttersprache nicht erlernen und spricht deshalb Türkisch.

Die Verfassung erkennt nur Türkisch an

Nicht nur die Sprache, selbst kurdische Namen, die Buchstaben wie Q,W oder X enthielten, waren lange Zeit verboten. Erst vor wenigen Wochen gab die türkische Regierung bekannt, ein Reformpaket verabschieden zu wollen, das die Aufhebung dieses Verbots vorsieht.

Ein Übersetzer sitzt mit seiner Schreibmaschine am Straßenrand (Foto: DW/Nalan Sipar)

Gesuche an das Gericht werden vom Kurdischen ins Türkische übersetzt

Offiziell darf man den "muttersprachlichen Kurdischunterricht" im Verein Kurdi-Der in Diyarbakir nicht als einen "Sprachkurs" bezeichnen, denn das Bildungsministerium, das für die Genehmigung sowie für die Durchführung der Sprachkurse verantwortlich zeichnet, erkennt in der Türkei keine weitere Sprache außer Türkisch als Muttersprache an. Dies ist auf Artikel 42 der türkischen Verfassung zurückzuführen. Hier heißt es: "Außer Türkisch darf den türkischen Bürgern in den Bildungsstätten keine weitere Sprache als Muttersprache gelehrt werden." Auch nach dem Reformpaket von Erdogan hat sich im Zusammenhang mit diesem Artikel wenig getan. Zwar darf in Privatschulen auf Kurdisch unterrichtet werden, doch es hagelt Kritik seitens der Kurden. Der Grund: die Mehrheit der Kurden könne sich sich keine Privatschulen leisten.

Um Artikel 42 der türkischen Verfassung gerecht zu werden, wird der Unterricht im Kurdi-Der nicht als "Kurs", sondern als Workshop angeboten. Aber selbst diese Bezeichnung habe Konsequenzen nach sich gezogen, erklärt Serhat Boz vom Vorstand des Vereins Kurdi-Der: "Wir haben sehr viele Probleme erlebt, als wir das Institut aufgebaut und eröffnet haben. Es wurden Ermittlungen gegen unsere Mitarbeiter eingeleitet. Einige wurden sogar bestraft.“ Boz meint, dass sie lediglich aufgrund ihrer Tätigkeit für den Verein ins Visier der Polizei geraten seien und selbst ihre harmloseste Presseerklärung zur Anerkennung von Kurdisch als Muttersprache ausreiche, sie im Rahmen der Anti-Terror-Gesetze zu verfolgen.

"Die Demokratieschritte sind nicht ernst gemeint"

Dabei hat die türkische Regierung im Zuge von "Demokratisierungsbemühungen" bereits einige Schritte in der Richtung Anerkennung der kurdischen Sprache unternommen: Vor vier Jahren startete sie den ersten kurdischsprachigen Fernsehsender, TRT 6. Außerdem wurde die Möglichkeit geschaffen, Kurdisch als Zusatzkurs in den Schulen anzubieten.

Allerdings sind die Sendungen von TRT 6 nicht verfassungsrechtlich abgesichert; die türkische Regierung kann den Sender also jederzeit abschalten. Und an den Schulen wird Kurdisch nur im Rahmen des Fremdsprachenunterrichts angeboten, etwa wie Englisch oder Deutsch. Ein Schüler, der nun vor der Wahl steht, sich für Englisch oder Kurdisch zu entscheiden, wird sich eher am Marktwert einer Sprache orientieren - und der englischen Sprache den Vorrang geben..

Hasanpaşa Hani, eine Art traditionelles Café, in Diyarbarkir (Foto: DW/Nalan Sipar)

Diyarbakir gilt als Hochburg der Kurden in der Türkei

Mehmet Kaya vom Tigris Zentrum für Sozialforschung findet das Handeln der Regierung unglaubwürdig. Das zeige sich auch in öffentlichen Behörden. Dort bestünden keine Angebote, Dienstleistungen in Kurdisch abzuwickeln. "Wenn die Regierung lediglich symbolisch Kurse anbietet und sagt 'Lernt die Sprache, wenn ihr wollt‘, wozu soll man sie denn dann lernen? Also die Schritte müssen ernst gemeint sein."

Die Sprache als Verbindung zur Vergangenheit

Für den weiteren Verlauf des Friedensprozesses stellen die Kurden vier grundlegende Forderungen an die türkischen Regierung: Die kurdische Identität soll offiziell anerkannt und Kurdisch als Muttersprache in den Schulen unterrichtet werden; politische Gefangene sollen freigelassen und die Rechte von Minderheiten verfassungsrechtlich gestärkt werden.

Für die Medizinstudentin Derya gibt es -neben dem beruflichen - auch einen ganz persönlichen Grund, Kurdisch zu lernen. Als sie ein kleines Kind war, sprachen ihre Eltern mit ihr Kurdisch. Doch nach der Einschulung habe sie dann Türkisch lernen müssen und habe ihre Muttersprache verlernt. "Ich bin nicht in der Lage, mich mit meinen Großeltern zu unterhalten. Man hat mich dazu gebracht, meine eigene Sprache zu verlieren." Dabei sei doch die Sprache die größte Verbindung zur eigenen Vergangenheit . "Sie hilft dir, deine Herkunft zu verstehen."

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