″Die Konjunktur ist sehr gut aufgestellt″ | Wirtschaft | DW | 19.04.2018
  1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Wirtschaft

"Die Konjunktur ist sehr gut aufgestellt"

Die führenden Forschungsinstitute haben ihre Wachstumsprognose für 2018 und 2019 leicht angehoben. Im Interview mit der DW warnt Timo Wollmershäuser, Konjunkturchef des Ifo-Instituts, aber vor Risiken.

DW: Herr Professor Wollmershäuser, die deutsche Wirtschaft erlebt gerade eine ungewöhnlich lange Boomphase. Laut Ihrer Prognose soll der Boom noch eine Weile anhalten. Was treibt die deutsche Konjunktur dermaßen an?

Wollmershäuser: Die deutsche Konjunktur ist zur Zeit sehr gut aufgestellt. Wir haben eine starke Binnenwirtschaft. Wir haben einen starken Beschäftigungsaufbau in allen Wirtschaftsbereichen. Wir haben relativ starke Lohnzuwächse. Das heißt, die Einkommen der Haushalte nehmen ordentlich zu und das treibt den privaten Konsum an. Auf der anderen Seite haben wir nach wie vor niedrige Zinsen in Deutschland. Das ist wichtig für die Baukonjunktur. Auch hier sehen wir noch nicht das Ende der Fahnenstange. Also, die Bauinvestitionen der Haushalte und der Unternehmen werden weiter gehen. Last but not least haben wir auch eine starke Weltkonjunktur. Das ist für ein Land wie Deutschland mit einer exportorientierten Industrie natürlich wichtig. Die Konjunktur bei unseren Handelspartnern läuft extrem gut und das beflügelt unsere Exporte. Das sind die wichtigsten Stützen für den Aufschwung in Deutschland.

Sie haben bereits die niedrigen Zinsen angesprochen. Sie rechnen vor Ende 2019 nicht mit einer Zinswende bei der EZB. Gleichzeitig nähert sich die Inflation hierzulande der Zwei-Prozent-Marke. Droht der Konjunkturmotor nicht zu heiß zu laufen?

 Timo Wollmershäuser (picture-alliance/dpa/B. Pedersen)

Wirtschaftsforscher Timo Wollmershäuser, ifo-Institut

Ja, das ist sicherlich eine Gefahr, das muss man im Blick haben. Natürlich muss man zunächst sehen, dass die Europäische Zentralbank Geldpolitik nicht für Deutschland, sondern für den gesamten Währungsraum macht. In der Eurozone ist Deutschland derzeit das Zugpferd. Unser Konjunkturzyklus ist schon weiter vorangeschritten als der in vielen anderen Ländern. Insbesondere Italien hinkt noch deutlich hinterher. Im Durchschnitt des Euroraumes besteht noch keine Überhitzungsgefahr. Wenn man sich aber Deutschland alleine anschaut, da sind die Anzeichen schon anders. Wir haben für 2019 eine Inflationsrate in Höhe von 1,9 Prozent prognostiziert. Für deutsche Verhältnisse ist das relativ hoch. Wir sehen die gut laufende Konjunktur schon in den Löhnen und auch in den Preisen. Die Politik muss hier wachsam bleiben.

Sie werden heute überall zitiert mit dem Satz: "Allerdings wird die Luft dünner, da die noch verfügbaren gesamtwirtschaftlichen Kapazitäten knapper werden." Was genau meinen Sie damit?

Um das Bruttoinlandsprodukt weiter zu steigern, brauchen wir natürlich Produktionskapazitäten. Das sind Maschinen. Das sind aber auch Köpfe, die die Maschinen bedienen. Je weiter wir uns im Konjunkturzyklus nach oben bewegen, je weiter wir den Konjunkturberg hoch steigen, desto dünner wird die Luft. Desto schwieriger fällt es uns, noch weiter hoch zu kommen, weil wir zum Beispiel händeringend nach Beschäftigten suchen, die eine steigende Nachfrage befriedigen.

Die Hans-Böckler-Stiftung sieht das Risiko einer Rezession bereits in den kommenden Monaten steigen und das Konjunkturbarometer des Mannheimer Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung ist im April sehr stark gefallen. Wie passt das alles mit dem grundoptimistischen Ton Ihres Gutachtens zusammen?

Wir sehen natürlich auch schon die Indikatoren, auch am Ifo-Institut haben wir das Ifo-Geschäftsklima, das in den letzten Monaten leicht zurückgegangen ist. Wenn wir uns da die Komponenten anschauen, dann haben wir immer eine Frage nach der Einschätzung der aktuellen Lage und die ist bei den Unternehmen noch sehr, sehr gut. Was wir aber auch sehen, ist, dass die Unternehmer pessimistischer werden, was die kommenden Monate betrifft. Das haben wir tatsächlich auch in unsere Prognose eingestellt und das passt ja auch zu dem Bild, dass wir sagen, die Luft wird dünner. Je höher wir sind, desto schwerer fällt es uns, einen weiteren Schritt zu machen. Das kommt eben auch in unserer Prognose zum Ausdruck. Wir haben zwar noch ganz ordentliche Wachstumsraten, 2,2 Prozent in diesem Jahr, aber nur noch 2,0 Prozent im nächsten Jahr. Das heißt, wir haben schon eine leichte Abschwächung angelegt, weil wir davon ausgehen, dass es auf Grund der Kapazitätsengpässe dazu kommen muss. Gleichwohl rechnen wir nicht schon in den nächsten Monaten mit einer Rezession, dafür sind die Indikatoren noch nicht aussagekräftig genug. Einer der Gründe für die schlechtere Stimmung bei den Unternehmen ist sicherlich auch die derzeitige Debatte über die handelspolitischen Konflikte, und der drohende Protektionismus.

Für wie wahrscheinlich halten Sie einen handfesten Handelskonflikt zwischen den USA und der EU?

Wir haben in unserer Prognose angenommen, dass es zu einem solchen Handelskonflikt nicht kommt. Das heißt, wir sind davon ausgegangen, dass sich diese Diskussion, die wir haben, in den kommenden Monaten nicht weiter fortsetzt. Es ist natürlich ein Risiko für unsere Prognose, das ist ganz klar. Wenn es zu einem solchen Handelskonflikt kommen sollte, wenn wir eine Kaskade von weiteren Maßnahmen und Gegenmaßnahmen bekommen sollten, dann wird das natürlich die Konjunktur beeinflussen. Gerade Deutschland als ein Land, das sehr stark von der Globalisierung profitiert, würde sowohl kurzfristig als auch langfristig darunter leiden, wenn die Globalisierung wieder zurückgefahren würde. Das wäre schlecht für die Konjunktur und das würde natürlich dazu beitragen, dass das Wachstum vermutlich niedriger ausfallen würde als wir angenommen haben.