Die katholischen deutschen Bischöfe brechen mit Traditionen | Deutschland | DW | 14.03.2019
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Deutschland

Die katholischen deutschen Bischöfe brechen mit Traditionen

Vor dem Hintergrund des massiven Missbrauchsskandals gehen die deutschen Bischöfe einen deutlichen Schritt. Sie wollen offen über die Streitthemen Zölibat und über die strenge kirchliche Sexualmoral diskutieren.

Deutschland Abschluss Deutsche Bischofskonferenz (picture-alliance/dpa/M. Assanimoghaddam)

Kardinal Reinhard Marx (m.) beantwortet Fragen von Journalisten

Wenn sich die katholische Deutsche Bischofskonferenz zweimal im Jahr zu ihren viertägigen Vollversammlungen trifft,  dann ähnelt die Abschluss-Pressekonferenz oft einem ermüdenden Vortrag. An diesem Donnerstag ist alles anders. Die Bischöfe selbst sprechen von einer "tiefen Zäsur" und wollen mit Gläubigen und Laien über die Verpflichtung von Priestern zur Ehelosigkeit (Zölibat), über die bislang strenge Sexualmoral und männliche Machtstrukturen in der Kirche sprechen.

Kardinal Reinhard Marx, der Vorsitzende der Bischofskonferenz, begann mit einem persönlich gehaltenen Vorwort und wandte sich an die deutschen Katholiken und an die vielen von der Missbrauchskrise erschütterten Gläubigen: "Wir sehen und hören Sie. Ihre Kritik, Sorgen, Nöte, Zweifel und Ihre Forderungen. Ich sage Ihnen aufrichtig: Wir haben es verstanden." Und den Opfern von Missbrauch durch Geistliche versprach er mehr Engagement der Kirche bei Hilfen.

Ergebnisoffener Austausch

Seit neun Jahren betonen die deutschen Bischöfe ihren entschiedenen Einsatz gegen sexuellen Missbrauch in der Kirche. Anfang 2010 hatte eine Berliner Schule des Jesuitenordens hunderte Fälle von sexueller Gewalt an Minderjährigen durch Ordensleute bekannt gemacht und eine Lawine angestoßen. Mehr und mehr solcher Fälle wurden bekannt, tausende Opfer gab es wohl seit 1950. Die Bischöfe reagierten oft zögerlich. Sie ließen das Thema wissenschaftlich erforschen, sie boten den Opfern geringe Anerkennungszahlungen und sorgten erst allmählich für von der Kirche unabhängige Anlaufstellen und eine strengere Ausbildung künftiger Priester. Aber die Debatte über kirchliche Kernfragen wie den Zölibat und patriarchale Macht bei Klerikern lehnten sie ab.

Herbstvollversammlung Deutsche Bischofskonferenz (picture-alliance/dpa/A. Dedert)

Die deutschen Bischöfe in Lingen

Bis jetzt. Denn Marx kündigte einen ergebnisoffenen Austausch über heiße Eisen der katholischen Kirche an. Dabei sollten Bischöfe und Laien über die Frage der Zölibatsverpflichtung als Voraussetzung der Priesterweihe, über die Sexualmoral und über die Macht von Priestern und Bischöfen in der Kirche sprechen. Beispiel Sexualmoral: Die Lehraussagen der Kirche, die im sogenannten Katechismus festgeschrieben sind, und der humanwissenschaftliche Stand fielen "auseinander. Und wir schweigen darüber. Das hat keinen Sinn." 

Die Erschütterung

Solche Worte sind einmalig in einem solchen Rahmen. So wie manches neu war am Treffen der 67 Bischöfe. Als sie am Montagabend ihren Auftaktgottesdienst feierten, demonstrierten vor der Tür 300 Frauen, engagierte Katholikinnen, und forderten beim Auszug der Bischöfe lautstark Reformen und strikte Aufarbeitung des Missbrauchsskandals. Die Bischöfe winkten ihnen verlegen aus dem Bus. Am Dienstag standen mittags Dutzende kirchliche Angestellte vor dem Tagungshaus der Bischöfe. Eine Mahnwache als Hinweis auf die tiefe Erschütterung der Kirchenbasis. 

Frühjahrsvollversammlung der Deutschen Bischofskonferenz (DW/Christoph Strack)

Hunderte Frauen demonstrierten vor den Bischöfen gegen Missbrauch und klerikale Macht

Und am Mittwoch gab es einen sogenannten Studientag, bei dem die Bischöfe wie üblich hinter verschlossenen Türen miteinander diskutierten und stritten. Dazu waren vier Theologen als Experten eingeladen, deren Beiträge das Sekretariat der Bischofskonferenz im Anschluss veröffentlichte. Sie äußerten sich weit deutlicher, als man es in diesem Kreis gewohnt ist. Die Erfurter Theologin Julia Knop sprach von einem "destruktiven Zusammenhang" zwischen Macht, Zölibat und Sexualmoral. Die Debatte darüber sei in der Kirche lange "tabuisiert" gewesen. "Ich gehe davon aus, dass einige von Ihnen diese Tradition der Tabuisierung gern fortgeschrieben hätten."

"Grauenhaft, widerwärtig"

Australien Justiz l Missbrauchsprozess gegen Kardinal George Pell (Getty Images/AFP/C. Chronis)

Während die Bischöfe in Deutschland debattierten, wurde Kardinal George Pell in Australien wegen sexuellem Missbrauch zu einer Haftstrafe verurteilt.

Die Aufdeckung von vielfachem Missbrauch habe "grauenhafte und widerwärtige Untaten von Geistlichen in einem Ausmaß ans Licht gebracht, dass die katholische Kirche in Deutschland jeglichen Kredit verloren hat", so Knop. Auch die anderen katholischen Theologen, die teilnehmen durften, plädierten in ungewöhnlicher Offenheit für eine andere katholische Sexualmoral oder beklagten die "Verselbstständigung einer unheiligen Macht, die an ihre Heiligkeit noch glauben kann, wenn sie diese missbraucht". Und es gab auch das Plädoyer, über die Weihe verheirateter Männer zu Priestern nachzudenken.

Weltweite Dimension

Für jede dieser Forderungen wäre ein Theologe vor zehn oder 20 Jahren aus dem Vatikan gerüffelt worden. Nun sind die deutschen Bischöfe die ersten weltweit, die drei Wochen nach dem Krisentreffen im Vatikan angesichts des Missbrauchs durch Priester zu ganz neuen Debatten aufrufen. Dass sie damit eine Vorreiterrolle einnehmen, ist deutlich. An diesem Donnerstag legten die polnischen Bischöfe neue Zahlen zum Missbrauch vor, am Montag debattieren die Bischöfe in Österreich Konsequenzen. Während in diversen Ländern die Justiz Kirchenleute, auch Kardinäle, für Missbrauch oder Vertuschung bestraft, kommt aus dem deutschen Sprachraum nun der Ruf nach einer neuen offenen Debatte. Bischöfe in vielen Ländern werden nun auf Deutschland schauen.

Vatikan Missbrauchs-Gipfel: Papst fordert konkrete Maßnahmen von Bischöfen (Reuters/Vatican Media)

Der Anti-Missbrauchs-Gipfel im Vatikan Ende Februar zeigte, dass die Kirche weltweit mit dem Thema zu tun hat

"Jetzt ist die Zeit"

Aber draußen vor der Tür der Bischöfe standen mehrmals Frauen und Männer aus kleinen Orten seines Bistums, Meppen und Merzen, Rhede, aus Hagen am Teutoburger Wald. Treue Katholiken, wie man im Deutschen sagt. Mit den Medien wollten sie eigentlich gar nicht reden, nur demonstrieren. Erst in den vergangenen Wochen wurde bekannt, dass noch in den 1980er- und 1990er-Jahren Priester, die Missbrauch verübten, vom Bistum einfach versetzt wurden an andere Orte - und in ihrer Gemeinde sich wieder an Kindern vergingen. 

"So kann es nicht weitergehen", sagt Marx. "Jetzt ist die Zeit, wo die Leute sagen: So geht es nicht weiter." Und nach seiner Überzeugung sei "die Zeit vorbei", in der Bischöfe noch sagen könnten, bestimmte Themen wollten sie "einfach nicht ansprechen". "Jetzt ist die Zeit", meint der Kardinal.