Die katholische Kirche und die Scheidung | Kultur | DW | 09.10.2013
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Kultur

Die katholische Kirche und die Scheidung

Freiburgs Erzdiözese geht auf wiederverheiratete Geschiedene zu. Unter anderem sollen sie an der Heiligen Kommunion teilnehmen können. Wohin steuert die Katholische Kirche Deutschlands unter dem neuen Papst Franziskus?

Das Erzbistum Freiburg will wiederverheirateten Geschiedenen die Möglichkeit eröffnen, die Kommunion zu empfangen. Das sieht eine "Handreichung für die Seelsorge" vor. Wiederverheiratete und Geschiedene gehörten "ganz zur Kirche", sagt einer der Autoren, Domkapitular Andreas Möhrle. Derzeit sind Katholiken, die nach einer Scheidung in zweiter staatlicher Ehe leben, von den Sakramenten ausgeschlossen. So will es das geltende Kirchenrecht.

WUERZBURG, GERMANY - FEBRUARY 12: Robert Zollitsch, Bishop of Freiburg and new head of the German Bishop's conference laughs after his election on February 12, 2008 in Wuerzburg, Germany. The election took place during the annual plenary assembly of the German Bishop's conference at monastery Himmelpforten. (Photo by Johannes Simon/Getty Images)

Bischof Robert Zollitsch

Freiburg ist nicht irgendein Erzbistum. Die zweitgrößte deutsche Diözese wird geleitet von Erzbischof Robert Zollitsch. Der 75-Jährige ist seit wenigen Wochen emeritiert, wurde jedoch von Papst Franziskus beauftragt, als "Apostolischer Administrator" das Erzbistum weiter zu leiten. Außerdem bleibt er vorläufig Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz und somit eine gewichtige katholische Stimme. Grundsatzentscheidungen darf er indes nicht mehr treffen. Unter dem jetzt veröffentlichten Papier steht freilich nicht Zollitsch's Name. Autoren sind zwei leitende Geistliche der Bistumsverwaltung.

Ratzingers Antwort fiel hart aus

Der Disput um den Sakramentenempfang wiederverheirateter Geschiedener beschäftigt die deutschen Katholiken seit 20 Jahren. Freiburg spielt darin eine besondere Rolle. Bereits 1993 hatten die damaligen Bischöfe von Freiburg, Mainz und Rottenburg-Stuttgart in einem gemeinsamen Hirtenbrief Perspektiven für die Betroffenen aufgezeigt. Sie warben für die Möglichkeit des Sakramentenempfangs. Ein Jahr darauf kam die Antwort aus Rom, vom damaligen Präfekten der Glaubenkongregation, Kardinal Joseph Ratzinger. "Wenn Geschiedene zivil wiederverheiratet sind, befinden sie sich in einer Situation, die dem Gesetz Gottes objektiv widerspricht. Darum dürfen sie, solange diese Situation andauert, nicht die Kommunion empfangen", erklärte der spätere Papst Benedikt in einem "an alle Bischöfe der Weltkirche" gerichteten Schreiben.

Papst Benedikt XVI. traegt sich am Freitag (23.09.11) in Erfurt bei seinem Besuch im Dom St. Marien in das Goldene Buch der Stadt ein. Foto: Thomas Lohnes/dapd

Papst Benedikt XVI auf Deutschlandbesuch

In Deutschland empfanden viele diese Erwiderung als Ohrfeige an drei wichtige Ortsbischöfe. Zwei der drei Oberhirten, die sich damals vorwagten, wurden später übrigens doch Kardinäle - schließlich gehören der heutige Mainzer Bischof Kardinal Karl Lehmann (77) und der mittlerweile pensionierte Kurienkardinal Walter Kasper (80) zu den wichtigen und auch international anerkannten Theologen der vergangenen Jahrzehnte.

Gesellschaftliche Realität

Die offizielle Diskussion im deutschen Katholizismus war vorerst beendet, die Herausforderungen für die Seelsorge jedoch nicht aus der Welt. Scheidungen und die Hoffnung auf gelingendes Glück in einer neuen Beziehung gehören in Deutschland zur gesellschaftlichen Realität. Allein im Jahr 2012 gab es nach Angaben des Statistischen Bundesamtes gut 179.000 Scheidungen. Mehr als jede dritte Ehe, so die Statistiker, landen binnen 25 Jahren vor dem Scheidungsrichter.

Während Scheidungen im staatlichen Recht eindeutig geregelt sind, tut sich die katholische Kirche mit einer solchen Regelung schwer. Da ist die Ehe ein Sakrament, geschlossen vor Gott und also göttliches Recht. Eine Scheidung gibt es nicht. In einem eigenen kirchlichen Verfahren kann allein die "Nichtigkeit" einer Ehe festgestellt werden. Danach besteht die Möglichkeit zu einer zweiten kirchlichen Eheschließung.

An der Realität in vielen Gemeinden geht das vorbei. Auch Ehen engagierter Kirchgänger können scheitern. Auch katholische Herzen verlieben sich neu. Viele Geistliche kennen die Zerrissenheit mancher Gottesdienstbesucher.

ARCHIV - Bundespräsident Christian Wulff und seine Frau Bettina besichtigen am 15.02.2012 die Altstadt von Bari in Italien. Der frühere Bundespräsident Christian Wulff und seine Ehefrau Bettina haben sich offiziell getrennt. Das berichtet die «Bild»-Zeitung am Montag (07.01.2013). Die Trennung kommt fast ein Jahr nach dem Rücktritt Wulffs vom Amt des Bundespräsidenten. Foto: Wolfgang Kumm dpa (zu dpa 0164 vom 07.01.2013) +++(c) dpa - Bildfunk+++

Prominentes Scheidungspaar: Ex-Präsident Wulff und Gattin Christina

Als im September 2011 Papst Benedikt nach Berlin kam, konfrontierte ihn der damalige Bundespräsident Christian Wulff, selbst geschiedener Katholik in zweiter ziviler Ehe, mit diesem Thema: "Kirche ist keine Parallelgesellschaft. Sie lebt mitten in dieser Gesellschaft, mitten in dieser Welt und mitten in dieser Zeit. Deswegen ist sie auch selbst immer wieder von neuen Fragen herausgefordert: Wie barmherzig geht sie mit Brüchen in den Lebensgeschichten von Menschen um?" Das war ungewöhnlich für eine solche Begrüßungsrede, bei der in der Regel diplomatische Floskeln dahinplätschern.

Wie sehr das Thema die Kirchen bewegt, zeigen Debatten auch auf protestantischer Seite. Die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) veröffentlichte im Juni eine "Orientierungshilfe" und thematisierte darin in einer Abkehr vom einzigen Ideal der Ehe die Vielfalt der Lebensformen in Deutschland. Nicht wenige Seelsorger und Kirchenmitglieder waren darüber erleichtert – doch bescherte das Dokument der Kirche monatelange Kontroversen. Von katholischer Seite kam deutliche Kritik.

Alles andere als eine Revolution

Der neue Vorstoß nun aus dem Erzbistum Freiburg bedeutet alles andere als eine Revolution. Mancher Moraltheologe zeigte sich am Tage danach erleichtert. Mehrere erfahrene Theologen äußerten sich auf Anfrage skeptisch, ob es in dieser Sache einen Konsens der katholischen deutschen Bischöfe geben werde.


Die Freiburger Experten für Familienpastoral öffnen die Tür für eine Reform und für eine Neuausrichtung. Sie betonen das Gewissen des einzelnen Gläubigen – und setzen sich damit von einem langjährigen amtskirchlichen Kurs ab, jede moraltheologische Vorgabe über das Gewissen des Einzelnen zu stellen. Aus anderen Diözesen kommt Zustimmung. Jene, die diese Öffnung kritisch sehen, schweigen vorerst.

All das gehört zu einer weltkirchlichen Gemenge-Lage. Von Papst Franziskus, der sich selbst sehr betont einen "Mann der Kirche" nennt, kursieren Worte, die vor kirchlicher Hartherzigkeit warnen. Bislang formuliert der Papst aus Argentinien den kirchlichen Umgang mit frommen Katholiken, die in einer zweiten Beziehung leben, nachdenklich eher als Frage und Anfrage. Bei der ersten Weltbischofssynode in der Amtszeit von Franziskus soll es im Jahr 2014 um Familienpastoral gehen. Da kommt die Frage der wiederverheirateten Geschiedenen auf das große katholische Tableau.

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