″Die Idealisten trifft es besonders hart″ | Deutschland | DW | 10.07.2018
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Bildung

"Die Idealisten trifft es besonders hart"

Endlich Sommerferien! Doch die Vorfreude dürfte bei tausenden Lehrern bundesweit mehr als getrübt sein. Sie müssen nun um Einkommen und Jobs bangen, klagt Heinz-Peter Meidinger vom Deutschen Lehrerverband.

Deutsche Welle: Wieder einmal werden Lehrer vor den Sommerferien entlassen, um Personalkosten während dieser Zeit zu sparen. Welche Lehrer trifft das denn besonders?

Meidinger: Das sind natürlich in erster Linie die Lehrer in befristeten Arbeitsverhältnissen; insbesondere die Lehrkräfte, die erst im Laufe des Schuljahres eingestellt worden sind. Doch es gibt auch Länder, bei denen Lehrkräfte mit einem Einjahresvertrag die großen Sommerferien nicht bezahlt bekommen, sondern bereits vor Ferienbeginn entlassen werden.

Laut der Bundesagentur für Arbeit liegt die Arbeitslosenzahl in den Sommerferien bei etwa 5000 arbeitslosen Lehrern. Das sind jedoch nur die offiziellen Zahlen, daneben gibt es eine hohe Dunkelziffer. Denn nur ein Teil der Lehrkräfte hat auch etwas davon, wenn er oder sie sich arbeitslos melden. Arbeitslosengeld erhält ja zum Beispiel nur derjenige, der mindestens ein Jahr beschäftigt gewesen ist - was bei vielen Vertretungslehrern eben nicht der Fall ist. Nur selten läuft so ein Vertrag bereits ab dem ersten Schultag, denn die Vertretungslehrer springen ja bei Krankheit oder Schwangerschaft ein. Das lässt sich vorher nicht absehen. Dadurch fallen viele Lehrer durch den Rost.

Bildung ist ja in Deutschland Ländersache. In welchen Bundesländern sind die Lehrer denn besonders von solchen Regelungen betroffen?

Generell ist es ein bundesweites Problem. Doch es gibt auch ein eindeutiges Negativbeispiel: Baden-Württemberg. Es setzt offensichtlich sehr stark auf befristete Verträge. In meinem Bundesland Bayern läuft es anders. Es gibt Planstellen, die als sogenannte mobile Reserve dienen. Wenn Lehrer als mobile Reserve eingestellt werden, werden sie für zwei, drei Jahre wie befristet Beschäftigte an verschiedenen Schulen eingesetzt. Danach bekommen sie jedoch eine ordentliche Planstelle und bleiben an einer Schule. Dadurch ist es für die Betroffenen deutlich lukrativer - und sie erhalten eine Perspektive. 

Heinz-Peter Meidinger (dphv.de/S. Kuhn)

Heinz-Peter Meidinger

Aber man darf sich von der Statistik auch nicht täuschen lassen. Denn auf den ersten Blick sieht es so aus, als ob in den neuen Bundesländern oder den Stadtstaaten weniger Vertretungslehrer in die Arbeitslosigkeit geschickt werden. Doch das sind genau die Länder, die auch den größten Lehrermangel zu verzeichnen haben. Oftmals finden die Schulen deshalb gar keine Vertretungslehrer und lassen Unterricht ausfallen. Zudem: Über die Hälfte der neu eingestellten Lehrkräfte an sächsischen Grundschulen sind Quereinsteiger, also gar keine ausgebildeten Lehrkräfte. Da finden also andere 'Sünden' statt.

Welche Folgen hat denn die Hire-and-fire-Mentalität für die entlassenen Lehrer? 

Erstens ist das eine Geldfrage. Dabei geht es nicht nur um die nicht bezahlten Sommerferien. Auch die Vertretungsstellen an sich sind wenig lukrativ, da sie oftmals nur einen geringen Stellenumfang haben.

Zum anderen hängen die betroffenen Lehrer vollkommen in der Luft. Denn in aller Regel wissen die Schulen in den großen Ferien noch nicht, welchen Aushilfsbedarf sie haben werden. Drittens fehlt die langfristige Perspektive. Wir haben teilweise Lehrkräfte, die das schon seit acht Jahren mitmachen. Meist sind es junge Menschen, die mit Herzblut an dem Beruf hängen. Die echt Berufenen und Idealisten trifft es besonders hart. Junge Leute, die den Beruf eher aus Verlegenheit ergriffen haben, entscheiden sich in der vergleichbaren Situation für einen anderen Job.

Welches Signal geht von solchen Aktionen für angehende Lehrer und Studenten aus? Immerhin sprechen wir hier in Deutschland von Lehrermangel und massivem Unterrichtsausfall. Wie passt das zusammen?

Wir haben natürlich dieses Nebeneinander: Auf der einen Seite massiven Lehrermangel vor allem an Grundschulen, Förderschulen und Berufsschulen und auf der anderen Seite ein Überangebot vor allem an sprachlichen und gesellschaftswissenschaftlichen Fächern an Gymnasien und teilweise auch an anderen weiterführenden Schulen.

Symbolbild | Schule Unterricht Schulklasse Schüler (imago/photothek/M. Gottschalk)

Wo werden Lehrer gebraucht? Noch immer sind die Prognosen höchst unsicher

Die betroffenen Lehrer haben oftmals sehr gute Noten, die zweifeln natürlich an sich selbst.Das ist ein Signal der mangelnden Wertschätzung. Von Seiten des Staates ist esauf der anderen Seite auch einfach eine Sorglosigkeit. Man muss sich um die Leute nicht kümmern, es funktioniert ja irgendwie.

Machen solche Entlassungen vor den Sommerferien den Beruf für Abiturienten langfristig unattraktiv und verstärken damit den Nachwuchsmangel? 

Leider bekommt der Staat es bis heute nicht hin, langfristige Bedarfsprognosen zu machen. Das heißt: Es gibt ein Auf und Ab und große Unsicherheit. Heute kann man nicht sagen, was morgen ist, und morgen stellt sich die Situation wieder ganz anders dar. 

Das Gefühl, dass der Staat die Verantwortung für diese wachsende Berufsgruppe nicht wahrnimmt, führt natürlich schon dazu, dass manche junge Leute dann sagen, dass es ihnen zu unsicher ist und dass es nicht der Arbeitgeber ist, den sie sich wünschen. Bei einer boomenden Wirtschaft könnte sich der Nachwuchsmangel noch weiter verstärken. Attraktiver machen solche Regelungen den Beruf sicherlich nicht.

Heinz-Peter Meidinger ist Präsident des Deutschen Lehrerverbands. Daneben ist er Schulleiter eines Gymnasiums in Niederbayern. 

Das Interview führte Stephanie Höppner. 

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