Die Hagia Sophia ist wieder eine Moschee | Europa | DW | 24.07.2020
  1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages
Anzeige

Türkei

Die Hagia Sophia ist wieder eine Moschee

Zum ersten Mal seit 86 Jahren haben sich wieder Muslime zum Freitagsgebet in dem Gebäude versammelt. Die Umwandlung von einem Museum in ein muslimisches Gotteshaus wird auch in der Türkei von vielen kritisch gesehen.

Video ansehen 02:49

Zehntausende strömen zum Freitagsgebet in die Hagia Sophia

Zum Freitagsgebet zur Wiedereröffnung der Hagia Sophia ist auch der türkische Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan nach Istanbul gekommen. Er trug, wie die anderen Gläubigen auch, einen Mund-Nasen-Schutz. Das Gebet wurde per Livestream im Internet übertragen. Für die Zeremonie waren christliche Figuren und Fresken innerhalb des Gotteshauses verdeckt worden.

Türkei Istanbul Hagia Sophia soll Moschee werden (picture-alliance/dpa/Tass/D. Solovykh)

Auf dem Platz vor der Moschee haben sich zahllose Gläubige zum Gebet versammelt

Schon Stunden zuvor waren Tausende Menschen auf dem Sultanahmet-Platz am Fuße der Hagia Sofia zusammengekommen. Mehr als 20.000 Polizisten sorgen laut türkischen Medienbereichten vor der Moschee für Sicherheit. 

Erst vor zwei Wochen hatte die türkische Regierung die Erlaubnis erhalten, die Hagia Sophia in eine Moschee umzuwandeln. Das höchste Verwaltungsgericht der Türkei gab am 10. Juli grünes Licht dafür.

Türkei Istanbul | Hagia Sophia | Gläubige vor erstem Freitagsgebet (picture-alliance/AA/M. Kamaci)

Noch vor wenigen Tagen diente die Hagia Sophia als Museum, nun zieht es Betende dorthin

Politik unter der Kuppel

Das monumentale Bauwerk und architektonische Meisterwerk, das im 6. Jahrhundert nach Christus vom byzantinischen Kaiser Justinian errichtet wurde, war immer wieder Gegenstand von Symbolpolitik. Als die Osmanen Konstantinopel 1453 eroberten, verwandelte Sultan Mehmed II. die Kirche kurzerhand in eine Moschee.

Auch der Gründer der türkischen Republik, Mustafa Kemal Atatürk, nutzte das Gotteshaus für einen Akt von hoher symbolischer Bedeutung: Im Jahr 1935 machte er aus der Hagia Sophia ein Museum. Die moderne Türkei sei ein säkulares Land, lautete die Botschaft von damals.

Die Hagia Sophia in Istanbul (picture-alliance/Geisler-Fotopress)

Die Hagia Sophia: Weltkulturerbe zweier Weltreligionen

Nun bedient sich auch Erdogan der Symbolkraft des Weltkulturerbes. Für viele seiner nationalistisch-islamistisch gesinnten Wähler steht die Hagia Sophia für die Eroberung des christlichen Konstantinopels durch die Osmanen und für die Überlegenheit der islamischen Welt.

"Mit dem Schwert erobert"

Begleitet wurde die AKP-Initiative von nationalistischer Rhetorik. "Die Hagia Sophia ist unser geographischer Besitz. Wer es mit dem Schwert erobert hat, besitzt auch die Eigentumsrechte", polterte etwa der stellvertretende AKP-Vorsitzende Numan Kurtulmuş. "Die Hagia Sophia ist Teil unserer Souveränität."

Die Regierungspartei gab sich schon vor der Entscheidung siegesgewiss: Am 567. Jahrestag der Eroberung Konstantinopels ließ sie einen Imam einige Koran-Suren in der Hagia Sophia sprechen. In der türkischen Öffentlichkeit wurde anschließend bereits darüber spekuliert, ob die Entscheidung schon gefallen sei und daher bereits erste Vorbereitungen getroffen würden.

Erdogan bei einem Besuch der Hagia Sophia am 19. Juli (picture-alliance/dpa/AP/Turkish Presidency)

"Geschenk" an seine Wähler: Präsident Erdogan ordnete an, die Hagia Sophia als Moschee zu nutzen

Kritik von der Orthodoxen Kirche

Der Versuch riss neue Gräben auf. Patriarch Bartholomaios von Konstantinopel, das Oberhaupt der Orthodoxen Kirche, hatte sich strikt gegen eine Umwandlung der Hagia Sophia in eine Moschee ausgesprochen.

Die Hagia sei eines der bedeutendsten Baudenkmäler der menschlichen Zivilisation und gehöre nicht bloß ihren unmittelbaren Eignern, sondern "der ganzen Menschheit", so der Patriarch bei einem Gottesdienst in Istanbul.

Auch Nikolas Uzunoglu, der Vorsitzende der Föderation griechischstämmiger Türken (IREF), sagte der DW noch vor dem Gerichtsentscheid, dass er es für falsch halte, dass die Hagia Sophia zum politischen Zankapfel werde. Das Bauwerk stehe für den Frieden zwischen den Religionen und Zivilisationen.

Hilferufe an den Papst

Auch die russisch-orthodoxe Kirche hat die Umwandlung scharf kritisiert. "Die Sorgen von Millionen von Christen wurden nicht gehört", sagte Wladimir Legoida vom Moskauer Patriarchat der Agentur Interfax in Moskau. "Die Gerichtsentscheidung zeigt, dass alle Forderungen nach Zurückhaltung ignoriert wurden."

Griechenlands Staatspräsidentin Katerina Sakellaropoulou bat Papst Franziskus um Beistand, im Streit um die Hagia Sophia seinen internationalen Einfluss geltend zu machen. Die türkische Regierung müsse ihre Entscheidung revidieren und den Status des Bauwerks als Kulturdenkmal wiederherstellen, sagte Sakellaropoulou laut griechischen Medien in einem Gespräch mit Franziskus Anfang der Woche.

Griechenland hat mit Katerina Sakellaropoulou erstmals eine Frau an der Staatsspitze (picture-alliance/AP Photo/T. Stavrakis)

Hilferuf an den Papst: Griechenlands Staatspräsidentin Katerina Sakellaropoulou bat Franziskus, zu intervenieren

Papst Franziskus hatte bereits am Sonntag nach der Entscheidung über die Umwandlung der Hagia Sophia auf dem Petersplatz gesagt, er empfinde einen "großen Schmerz", wenn er an das Wahrzeichen in Istanbul denke.

Ein Gebäude, zwei Religionen

Auch in der akademischen Welt hatte man sich besorgt über die mögliche Umwandlung des Museums geäußert. "Das Gebäude dient seit 1500 Jahren gleich zwei Weltreligionen, ohne dass seine Architektur grundlegend geändert werden musste", sagte der Historiker Edhem Eldem von der Istanbuler Bogazici-Universität.

"Von dieser Art Gebäuden gibt es nur eine Handvoll auf der ganzen Welt. Und die muss man schützen." Die Hagia Sophia stehe zudem für ein gemeinsames, universelles Menschheitserbe. "Möchten wir dieses Erbe abschotten und verbergen - oder nicht lieber der ganzen Welt präsentieren?", fragt Eldem.

Auch der Name des Predigers für die Einweihung dürfte vielen säkularen Türken ein Dorn im Auge gewesen sein: Diyanet-Präsident Ali Erbas ist bekannt für seine konservative Auslegung des Islams. Die oberste islamische Autorität der Türkei geriet erst im April dieses Jahres nach einer Predigt anlässlich des Fastenmonats Ramadan heftig in die Kritik. Der Grund: Erbas führte den Ausbruch des Coronavirus auf Homosexualität und Ehelosigkeit zurück.

Die Redaktion empfiehlt

Audio und Video zum Thema

Anzeige