Die einsamen Toten Deutschlands | Meine Oma, das Regime und ich: Deutschland | DW | 25.11.2018
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Trauerkultur

Die einsamen Toten Deutschlands

Der November ist in Deutschland ein Monat des Gedenkens an die Verstorbenen, den Abschluss bildet der Totensonntag. Doch gerade in deutschen Großstädten gibt es immer mehr Menschen, die ohne Angehörige bestattet werden.

Deutschland Ruhesteine auf dem Friedhof Gelsenkirchen-Buer (Z. Hanussek)

"Ruhesteine" auf dem Friedhof Gelsenkirchen-Buer im Ruhrgebiet

Niemand hat ihn vermisst. Erst nach mehr als acht Monaten wurde der Leichnam eines mit nur 46 Jahren verstorbenen Mannes gefunden - in seiner Wohnung mitten in Gelsenkirchen, einer Großstadt im Ruhrgebiet. Wenn die evangelische Pastorin Zuzanna Hanussek davon erzählt, wird ihre sonst so lebhafte und energische Stimme viel leiser. "Ich bin erschüttert, dass selbst die Nachbarn oft nichts wahrnehmen oder völlig gleichgültig sind. Es gibt immer mehr Menschen, die aus unserer Gesellschaft verschwinden - ohne dass es jemanden interessiert. Nicht nur im Tod haben sie keine Aufmerksamkeit von anderen bekommen, sondern auch im Leben", sagt die Pfarrerin im DW-Interview.                    

Keine Angehörigen und Freunde am Grab

Zuzanna Hanussek kennt nur den Namen und die Adresse dieses einsamen Mannes aus Gelsenkirchen. Kein Angehöriger, kein Freund oder Bekannter war zu finden, selbst die Nachbarn konnten oder wollten nichts Weiteres über den Verstorbenen sagen. Umso wichtiger ist es der evangelischen Pastorin, dass auch er würdevoll verabschiedet wird: Gemeinsam mit einem katholischen Pfarrer hat sie die Urne mit seiner Asche auf dem Friedhof in Gelsenkirchen-Buer bestattet - im Rahmen einer "ordnungsamtlichen Bestattung". Hinter diesem trockenen bürokratischen Begriff stecken oftmals tragische Schicksale wie das des 46-Jährigen aus Gelsenkirchen: Es geht um Beerdigungen, die vom Ordnungsamt der jeweiligen Kommune finanziert werden. Der Bestatter wird nicht von den Angehörigen des Verstorbenen beauftragt und bezahlt, sondern vom Ordnungsamt.   

Bundesweite Statistiken zu dieser Art von Bestattungen gibt es zwar nicht, erläutert Stephan Neuser, Generalsekretär des Bundesverbandes Deutscher Bestatter, im Gespräch mit der DW: "Dadurch, dass mehr als 81 Prozent der Bestatter in Deutschland Mitglieder unseres Verbands sind, haben wir aber einen Überblick darüber, dass es immer mehr Ordungsamtsbestattungen gibt."

Das gelte vor allem für Ballungszentren. Besonders auffällig ist die Entwicklung in Hamburg, der zweitgrößten Metropole Deutschlands: Laut einer Statistik der Hamburger Friedhöfe ist die Zahl der Ordnungsamtsbestattungen zwischen 2007 und 2017 auf mehr als das Doppelte gestiegen (über 1.200 im vergangenen Jahr). Die Berliner Senatsverwaltung für Gesundheit, Pflege und Gleichstellung teilte auf Anfrage der DW mit, dass auch in der Hauptstadt die Zahl der ordnungsbehördlichen Bestattungen gestiegen ist, allerdings weniger dramatisch als in Hamburg - von 1.979 im Jahr 2012 auf über 2.300 im Jahr 2016. Eine Statistik des Ordnungsamts Köln zeigt eine ähnliche steigende Tendenz für die größte Metropole in Nordrhein-Westfalen: von 486 im Jahr 2007 auf 636 im vergangenen Jahr. 

Isolation und Armut 

"Der Anstieg dieser Zahlen liegt unter anderem daran, dass immer mehr Menschen ein hohes Alter erreichen, oftmals aber ganz allein sind, wenn sie sterben", erläutert Stephan Neuser. Er erinnert aber auch daran, dass finanzielle Aspekte eine viel größere Rolle spielen als in der Zeit vor 2004, als die gesetzlichen Krankenkassen die Kosten für eine Bestattung getragen hatten. Zwar können bestattungspflichtige Angehörige (also Verwandte ersten Grades, die Reihenfolge wird vom jeweiligen Bundesland geregelt) mit einem sehr geringen Einkommen beantragen, dass das Sozialamt die Kosten übernimmt: Das sei dann eine Sozialbestattung, nicht eine Ordnungsamtsbestattung, erklärt Stephan Neuser.

Zu Letzterer kommt es nur dann, wenn sich innerhalb einer bestimmten Frist gar keine Angehörigen melden - oder wenn sie nicht bereit sind, sich um die Trauerfeier zu kümmern. Ordnungsamtsbestattungen sind eine Folge von Isolation und Armut, gibt die Pastorin Zuzanna Hanussek zu bedenken. Arme Angehörige würden sich manchmal scheuen, eine Sozialbestattung zu beantragen, "weil die Hürden hoch sind, es eine gewisse Zeit dauert und alle Einkommensbescheide überprüft werden müssen". Vor diesem Hintergrund gebe es auch Angehörige, die nicht in der Lage seien, sich um die Bestattung eines Verstorbenen zu kümmern.  

Ob die Toten bei Bestattungen "von Amts wegen" anonym beigesetzt werden oder ob zumindest ein Name an sie erinnert, bleibt den Kommunen überlassen. In Hamburg gibt es seit Mitte 2014 Grabsteine für diese einsamen Verstorbenen, mit Namen und Lebensdaten. Am Totensonntag werden ihre Vornamen in der Hamburger Hauptkirche Sankt Petri feierlich verlesen, um an sie zu erinnern. Auch viele der Bestatter, die ordnungsamtliche Beisetzungen durchführen, organisieren einmal im Jahr Gedenkveranstaltungen für die einsamen Verstorbenen, sagt Stephan Neuser. In Gelsenkirchen werden die Namen dieser Toten auf sogenannte "Ruhesteine" eingraviert - die Kosten trägt aber nicht die Kommune, sondern die Initiative Ruhesteine e.V., die von Zuzanna Hanussek mitbegründet wurde und sich durch Spenden finanziert.

"Achtet mehr auf andere Menschen" 

Engagierte Menschen wie die Pastorin aus Gelsenkirchen sorgen dafür, dass die einsamsten Toten Deutschlands nicht vergessen werden. In den Predigten für diese Verstorbenen können Zuzanna Hanussek und ihr katholischer Amtskollege meistens wenig über sie sagen, weil kaum etwas über ihr Leben bekannt ist. "Aber wir appellieren in unseren Trauerfeiern und anderen Gottesdiensten an alle, mehr auf andere Menschen zu achten, in der Umgebung, in der man lebt", sagt die Pastorin. 

Zuzanna Hanussek Pastorin (Privat)

Zuzanna Hanussek setzt sich für einsame Verstorbene ein - und für einsame Lebende

Die Mauern der Isolation niederreißen, damit es erst gar nicht zum einsamen Tod kommt: Dafür kann jeder etwas tun. Auch Einfaches, wie mit den Nachbarn zu reden. Um Menschen einander näherzubringen, hat Zuzanna Hanussek das Projekt "Nachbarn helfen Nachbarn" in Gelsenkirchen initiiert: "In der ersten Phase macht eine Sozialarbeiterin regelmäßig Hausbesuche, in der nächsten werden Nachbarn bewusst zusammengeführt. Wenn sie sich ein paar Mal getroffen haben, nehmen sie Beziehungen auf, aber allein tun sie das nicht." Ein anderes Projekt, das sie gestartet hat: Ein kostenloses Cafe, in dem sich Menschen zwei Mal die Woche treffen können, die sich wegen ihrer Armut sonst nie Lokalbesuche leisten: "Damit kann man nicht die Welt retten, aber es ist ein Versuch, Menschen aus ihrer Isolation herauszuhelfen."      

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