Die Dolmetscherin Europas | Europa | DW | 11.08.2019
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Europa

Die Dolmetscherin Europas

Renée Haferkamp war dabei, als die Römischen Verträge verhandelt wurden. Trotz Brexit und neuem Nationalismus bleibt die 90-Jährige gelassen – und hat einen Rat. Ein Porträt aus Brüssel von Frank Hofmann.

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Belgien: Geburtshelferin der EU

Das für einen deutschen Besucher bedrückendste Thema im Gespräch mit Renée Haferkamp scheint in ihrem Haus im Brüsseler Stadtteil Uccle am wenigsten präsent zu sein: Die Holocaust-Überlebende entging der Ermordung der Nazis allein durch die weise Voraussicht ihres Vaters, einem Unternehmer aus dem westdeutschen Köln.

Die Eltern siedelten in die Niederlande um, kurz nachdem der Reichstag Adolf Hitler die Macht übertragen hatte. Als dann die deutsche Wehrmacht Holland angriff, flüchtete die Familie weiter ins benachbarte Belgien. Die unabhängige Schweiz verweigerte die Einreise. Also versteckten sie sich jahrelang in der belgischen Hauptstadt Brüssel – und überlebten die Judenverfolgungen Nazi-Deutschlands.

Ein Glücksfall für Europas Einigung. Denn die Fluchtgeschichte der Familie brachte Renée Haferkamp dazu, neben Deutsch fließend Niederländisch und Französisch zu sprechen. Englisch studierte sie. Am Ende ihres Studiums wurde der belgische Exil-Ministerpräsident der Kriegszeit, Paul-Henri Spaak, auf sie aufmerksam – zufällig.

Deutschland Still DW Interview | Frank Hofmann - Renée Haferkamp (DW)

Renée Haferkamp im DW-Interview in ihrem Brüsseler Haus

"Wir waren gemeinsam auf einem Schiff", sagt Haferkamp während des Gesprächs im Wohnzimmer. "Er war ein Europäer. Und als jemand, der den ganzen Krieg in England verbracht hatte, verstand er auch die Engländer sehr gut. Und dennoch konnte er nur eine Sprache sprechen: Nur Französisch, kein Wort Flämisch, kein Wort Englisch, auch nach fünf Jahren in England nicht."

Europas Einigung nach dem Zweiten Weltkrieg war also eine Frage der Mentalität und ein politisches Projekt, nicht der Sprache. Das sei bis in die 1990er Jahre so geblieben, sagt die Dolmetscherin. Helmut Kohl, Margret Thatcher – sie alle brauchten Hilfe.

Deshalb war die Dolmetscherin Renée Haferkamp so wichtig – sie hat, wie sie sagt, dafür gesorgt, dass sich die Staats- und Regierungschefs verstanden haben. Denn Dolmetschen, das sei nicht übersetzen, sondern verstehen, was der andere meint.

Deutschland Still DW Interview | Frank Hofmann - Renée Haferkamp (DW)

Der erste deutsche Bundespräsident Theodor Heuss (l), der belgische Exil-Ministerpräsident der Kriegszeit Paul-Henri Spaak (m) und Renée Haferkamp

Option für den Westen

Der Belgier und Europa-Gründer Spaak sammelte zunächst für das UN-Kinderhilfswerk Unicef Spenden, um Europas hungernden Kindern zu helfen. Dann wurde er zum Regisseur der europäischen Einigung. Zunächst als erster Vorsitzender der Versammlung der Gemeinschaft für Kohle und Stahl, dem Vorgänger der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft. Schließlich verhandelte er maßgeblich die Römischen Verträge – das Gründungsdokument der heutigen Europäischen Union.

Damals ebneten die europäischen Partner Westdeutschland den Weg zurück in die Gemeinschaft der zivilisierten Staaten. Der erste westdeutsche Bundeskanzler Konrad Adenauer optierte klar für die Westintegration. Die Partner der Westdeutschen verdrängten, dass ihnen da zum Teil auch ehemalige Anhänger der Nazi-Diktatur gegenüber saßen. "Natürlich hatten die Deutschen alle eine Vergangenheit", sagt Haferkamp. Auch der erste Präsident der Brüsseler Kommission, der deutsche Walter Hallstein.

"Ich höre mehr und mehr, dass er wirklich nicht so sauber war, wie wir dachten. Man hat ihn gesucht, man hat ihn gewollt, und zehn Jahre war er da – aber man hat bei ihm nie an eine Nazi-Verbindung gedacht, jetzt kommt heraus, dass er nicht ganz so koscher war", sagt Haferkamp.

Der Vertrauensvorschuss für die Westdeutschen und ihren Bundeskanzler Konrad Adenauer war groß. Vor allem aber: Die Hoffnung, den Krieg und das Morden der Deutschen hinter sich zu lassen. Es sei ihre Mutter gewesen, die sie aufgefordert habe, für Europas Einigung zu arbeiten, sagt Renée Haferkamp: "Als Antwort auf die beiden Weltkriege".

Deutschland Still DW Interview | Frank Hofmann - Renée Haferkamp (DW)

Einzige Frau am Tisch der ersten Brüsseler Kommission unter Vorsitz des Deutschen Hallstein: Renée Haferkamp

Im ersten Weltkrieg hatte ihr Vater noch auf Seite der Deutschen gekämpft und trug wie so viele deutsche Juden das Eiserne Kreuz als Veteran. Er hatte in Belgien gekämpft. Dass die Familie später in der belgischen Hauptstadt Brüssel vor den Nazis versteckt worden war – ist eine weitere Markierung in dieser so europäischen Biographie Renée Haferkamps.

Erste Karrierefrau in Brüssel

Nach der Gründung der EU macht sie rasant Karriere: In der Brüsseler Kommission wird sie die erste Frau an der Spitze einer Generaldirektion – dem Dolmetscherdienst. Ihren heutigen Nachnamen hat sie von ihrem zweiten Mann, dem langjährigen EU-Kommissar Wilhelm Haferkamp.

Der deutsche Gewerkschafter war Anfang der 1970er Jahre vom Friedensnobelpreisträger, Kanzler und SPD-Vorsitzenden Willy Brandt nach Brüssel geschickt und vom späteren konservativen Bundeskanzler Helmut Kohl (CDU) bestätigt worden. Das sind fast sieben Jahrzehnte europäische Einigungsgeschichte.

Dass Europa jetzt von so vielen wieder in Frage gestellt wird und Rechtspopulisten die Integration der EU zurück drehen möchten – dafür hat die letzte lebende Zeitzeugin der Gründung Europas eine überraschende Erklärung: Viel Integration sei versprochen und nicht eingehalten worden.

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Europa ohne Grenzen- das Schengen-Abkommen

"Wir haben eben nicht geschafft, was wir uns vorgenommen haben" – eine politische Union Europas mit einer gemeinsamen Europäischen Außenpolitik, sicheren Außengrenzen und auch einem Ausgleich zwischen Ost und West, zwischen Nord und Süd", meint Haferkamp. Das Atomabkommen mit dem Iran sei das einzige Beispiel, bei dem die 28-EU-Staaten eine gemeinsame Linie gefunden hätten – zunächst.

Doch das Abkommen sei eben schlecht – und die USA deshalb auch ausgestiegen. Im Umkehrschluss heißt das: Wenn die Europäer sich behaupten wollten, müssten sie ihre Versprechen eben auch umsetzen. Ansonsten bliebe Europa eben auf dem bisher Erreichten stehen: Eine Freihandelszone, "ist das so schlecht?" Die Frage stellt die 90jährige Europäerin gerne auch mal als bewusste Provokation. Wer Europa will, soll das heißen, muss auch die Menschen dafür gewinnen und es umsetzen.

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