Die Atombomben bleiben | Politik | DW | 01.07.2018
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Rüstung

Die Atombomben bleiben

Am 1. Juli 1968 wurde der Atomwaffensperrvertrag unterzeichnet. 50 Jahre später gibt es immer noch etwa 15.000 Atomwaffen auf der Welt. Eine vollständige nukleare Abrüstung halten Experten für unwahrscheinlich.

Von Büchel, einem kleinen Ort zwischen Koblenz und Trier, würde kaum jemand Notiz nehmen, wäre er nicht Schauplatz eines historischen Anachronismus: Dort lagern die letzten Atombomben, die nach dem Ende des Kalten Krieges in Deutschland verblieben sind. Etwa 20 Fliegerbomben vom Typ B61 sollen es sein, die genaue Zahl ist geheim. Sicher ist aber: Jede einzelne von ihnen ist um ein Vielfaches zerstörerischer als die Bomben von Hiroshima und Nagasaki.

Die Atombomben gehören der US-Armee, aber im Ernstfall würden deutsche Tornado-Jagdbomber sie zum Ziel fliegen und abwerfen. Dafür üben Piloten des Taktischen Luftwaffengeschwaders 33 in Büchel seit Jahrzehnten regelmäßig mit Bombenattrappen. Das Geschwader ist der größte Arbeitgeber am Ort, über die Existenz der Atomwaffen steht allerdings nichts auf der Homepage des Eifel-Ortes.

Abschreckung mit Nuklearwaffen

"Nukleare Teilhabe" heißt dieses Konstrukt, an dem noch weitere NATO-Staaten partizipieren: Auch Belgien, die Niederlande, Italien und die Türkei halten auf ihrem Staatsgebiet US-amerikanische Atomwaffen vor. Das Konzept der nuklearen Abschreckung, das dieser Strategie zugrunde liegt, hat weiter Konjunktur: Die NATO hat es erst 2012 als ein "Kernelement der kollektiven Verteidigung" bestätigt.

Fliegerhorst Büchel (picture alliance / dpa)

Der Fliegerhorst der Bundeswehr in Büchel mit dem angrenzenden Depotgelände, wo die Atombomben lagern sollen

Ursprüngliches Ziel: Nukleare Abrüstung

Vor 50 Jahren waren die Hoffnungen ganz andere: Im Atomwaffensperrvertrag, der am 1. Juli 1968 unter seinem englischen Namen "Non-Proliferation Treaty" von den USA, Großbritannien und der Sowjetunion unterzeichnet wurde, verpflichteten sich die Vertragsstaaten, die Verbreitung von Nuklearwaffen zu verhindern. Sie strebten außerdem eine vollständige nukleare Abrüstung an. Deutschland trat 1975 dem Atomwaffensperrvertrag bei, der inzwischen von mehr als 190 Staaten unterzeichnet wurde.

Der Vertrag galt lange als Eckpfeiler der weltweiten Abrüstungsbemühungen - und wirkt heute wie ein zahnloser Tiger. Knapp 15.000 Atomwaffen gibt es noch weltweit, schätzt das schwedische Friedenforschungsinstitut SIPRI. Demnach besitzen die USA (6.800) und Russland (7.000) die größten Bestände.

In den Nuklear-Planungen beider Seiten sei "ein Restbestand mindestens in der jetzigen Höhe fest vorgesehen", kritisiert der Theologe Eberhard Schockenhoff, Professor an der Universität Freiburg und langjähriges Mitglied des Deutschen Ethikrats. "Das ist ethisch nicht akzeptabel." Das Ziel der nuklearen Abrüstung hätten die Atommächte "innerlich abgeschrieben".

Atomtest auf dem Mururoa-Atoll (picture-alliance/dpa)

Waffen von unvergleichlicher Zerstörungskraft: Atompilz auf dem Mururoa-Atoll nach Test Frankreichs 1971

"Zwei Minuten vor Zwölf"

Der Vertrag sei "in einer totalen Krise", konstatiert auch der Politologe und Abrüstungsexperte Tom Sauer von der Universität Antwerpen. Die letzte Überprüfungskonferenz im Jahr 2015 sei gescheitert, für die nächste im Jahr 2020 sei das gleiche zu befürchten. Das werde auch so bleiben, mutmaßt Sauer, bis die Vertragsstaaten ihre Verpflichtungen endlich erfüllten, zu denen eine massive Reduktion der Sprengköpfe bis auf Null gehöre. "Das haben sie 1968 versprochen, aber sie tun es nicht."  

Mehr noch: Derzeit modernisieren die Atomwaffenstaaten ihre Bestände und bauen neue Technik - etwa ausgeklügelte Lenksysteme - in die Atomwaffen ein. Die Gefahr eines Atomkriegs schätzen Experten so hoch ein wie seit Jahrzehnten nicht mehr: Im Januar 2018 stellte ein Gremium aus Wissenschaftlern, darunter 17 Nobelpreisträger, die "Atomkriegsuhr" (Englisch: "Doomsday Clock") auf zwei Minuten vor 12.

Doomsday Clock (picture alliance/AP Images/C. Kaster)

Die "Doomsday Clock" steht aktuell auf nur zwei Minuten vor 12.

"Symbolische Gründe"

Zurück nach Büchel in der Eifel, wo die Friedensbewegung derzeit unter dem Motto "20 Wochen gegen 20 Atombomben" gegen die Nuklearwaffen protestiert, die ebenfalls modernisiert werden sollen. "Primär aus symbolischen Gründen" seien die Bomben noch da, sagt Karl-Heinz Kamp, Präsident der Bundesakademie für Sicherheitspolitik in Berlin. Vor allem die Osteuropäer in der NATO legten Wert auf "ein Symbol für das amerikanische Nuklearversprechen". Da die NATO Russland nach dem Fall des Eisernen Vorhangs zugesagt hat, keine Atomwaffen auf dem Territorium der neu hinzugekommenen osteuropäischen Mitgliedsländer zu stationieren, seien diese in Mittel- und Südeuropa geblieben.

Wen aber sollen diese Atomwaffen einschüchtern? Den Tornados der Bundeswehr, die die Bomben im Ernstfall transportieren würden, ginge vermutlich schon über der Ukraine der Sprit aus. Dennoch toleriert die Bundesregierung, die im Koalitionsvertrag das Ziel einer nuklearwaffenfreien Welt hochhält, die Existenz der Bomben auf deutschem Boden. Deutschland habe "ein Interesse daran, an den strategischen Diskussionen und Planungsprozessen" in der NATO teilzuhaben, lautet die Begründung der Regierungsparteien CDU/CSU und SPD. 

Deutschland Friedensaktion am Fliegerhorst Büchel | Protest gegen Atomwaffen in der Eifel (picture-alliance/dpa/T. Frey)

Protest von Atomwaffengegnern in Büchel in Rheinland-Pfalz

Neun Atomwaffenstaaten

Eigene Atomwaffen besitzen in der NATO neben den USA nur Frankreich und Großbritannien. Außerdem gehören noch China, Indien, Pakistan, Israel und Nordkorea zu den insgesamt neun Atommächten der Welt. Keiner dieser Staaten hat die Absicht, seine Atomwaffen aufzugeben, weil sie als unverzichtbar für die eigenen Sicherheitsinteressen gelten. Eine Welt ohne Atomwaffen, für die US-Präsident Barack Obama 2009 unter großem Beifall warb, hält Sicherheitsexperte Karl-Heinz Kamp daher für kein realistisches Ziel.

"Der nukleare Geist ist aus der Flasche", argumentiert er, das Wissen und die Materialien seien in der Welt. Selbst im unwahrscheinlichen Fall einer Abrüstung auf null Sprengköpfe könnten sie jederzeit wieder aktiviert werden. Nicht nur von Regierungen, sondern theoretisch auch von vermögenden Großkonzernen. Die nötige Expertise und das spaltbare Material könnten auch sie sich beschaffen. Kamp hält daher die These für fraglich, dass eine atomwaffenfreie Welt tatsächlich stabiler wäre.

Neuer Anlauf der UN 

Wird 50 Jahre nach der Unterzeichnung des Atomwaffensperrvertrags die Gefahr, die von der fortdauernden Existenz der Nuklearwaffen ausgeht, verkannt? Das befürchtet der Antwerpener Politologe und Abrüstungsexperte Tom Sauer. Ihn beunruhigt, dass die Abrüstungsgespräche zwischen den USA und Russland derzeit auf Eis liegen und weitere Länder nach Atomwaffen streben könnten, vor allem der Iran und Saudi-Arabien.

Hoffnung setzt er auf darauf, dass sich die Vereinten Nationen mit den Stimmen von 122 ihrer 193 Mitgliedsländer für ein vollständiges Verbot von Nuklearwaffen ausgesprochen haben. Das war im Jahr 2017, Deutschland war nicht dabei. Sobald 50 Länder diesen Vertrag ratifiziert haben, werde er rechtlich bindend. "All diese Länder werden Nuklearwaffen dann als illegal ansehen", betont Abrüstungsexperte Sauer. "Der Wind dreht sich und die Atomwaffenmächte geraten in die Defensive."       

 

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