Deutschtürken haben die Wahl | Deutschland | DW | 07.06.2018
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Start der Türkei-Abstimmung

Deutschtürken haben die Wahl

Seit Donnerstag dürfen Türken in Deutschland über die Zukunft ihres Herkunftslandes abstimmen. Ein tiefer Riss geht dabei durch die deutsch-türkische Community, wie auch ein Besuch des Generalkonsulats in Berlin zeigt.

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Urnengang in Berlin - Deutschtürken haben die Wahl

Sie steht fast ganz vorne in der Schlange vor dem türkischen Generalkonsulat in Berlin, eine der Ersten, die an diesem Morgen wählen wird. Für wen genau, will Ezgi Dikdun nicht verraten. Nur so viel: "Für die Hoffnung, für einen Wechsel, für eine bessere Zukunft für meine Freunde und meine Familie." Die 31-Jährige, braunes, leicht gelocktes Haar bis zum Kinn, runde Sonnenbrille, dunkelblaue Jeansjacke, ist vor eineinhalb Jahren vom türkischen Izmir nach Berlin gezogen.

"Ich bin wegen der Unruhen, der Terror- und Bombenanschläge hierher gekommen. Als progressive türkische Frau fühlte ich mich in der Türkei nicht repräsentiert. Ich dachte, Deutschland würde mir eine Chance geben." In der Nacht zuvor habe sie nicht gut geschlafen, erklärt sie. Und dann: "Entschuldigung, ich muss jetzt gleich weinen."

Wahlen Berlin Türkei (DW/K. Brady)

Ezgi Dikdun hofft auf eine "bessere Zukunft" für die Türkei

Wählen gehen ist in diesen Tagen für viele in Deutschland lebende Türken kein rein bürokratischer Akt. Wie Ezgi Dikdun dürfen ab diesem Donnerstag mehr als 1,4 Millionen Türkischstämmige ihre Stimme abgeben. Doch die Meinungen darüber, wie die Türkei nach dem 24. Juni, dem Wahltag im Land selbst, aussehen soll, gehen weit auseinander. Beim Verfassungsreferendum im vergangenen Jahr unterstützten fast zwei Drittel aller Deutschtürken das von Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan gewünschte Präsidialsystem.

Bei der Wahl 2014 stimmten zwei Drittel der Deutschtürken für Erdogan

Vor vier Jahren durften Deutschtürken bei der Präsidentschaftswahl zum ersten Mal direkt in Deutschland ihre Stimme abgeben. Eingeführt hat diese Neuerung der damals amtierende Ministerpräsident Erdogan - nicht ganz uneigennützig. Von denen, die in Deutschland zur Wahl gingen, stimmten 69 Prozent für ihn. Das war bedeutend mehr als in der Türkei selbst.

Berlin Wahlen Türkei (DW/J. Danisman)

Eine Kandidatin und fünf Kandidaten stehen in der Türkei zur Wahl

In diesem Jahr findet die Präsidentschaftswahl auf seinen Wunsch gleichzeitig mit der Parlamentswahl statt. Fünf Kandidaten und eine Kandidatin stehen zur Wahl. Um die Macht Erdogans und der AKP zu brechen, haben sich vier sehr unterschiedliche Parteien zu einem Oppositionsbündnis zusammengeschlossen. Befürchtungen um mögliche Manipulationen der Türkei-Wahlen auf deutschem Boden weist der der türkische Generalkonsul in Deutschland, Muhammet Mustafa Çelik, als "Gerüchte" zurück. "Jeden Abend werden die Wahlurnen, ohne geöffnet zu werden, versiegelt und dann am 20. Juni alle ungeöffnet in die Türkei verfrachtet", erklärt Çelik. 

Wenn die Urnen dann dort wieder geöffnet werden, hoffen die Ardics, die ebenfalls an diesem Donnerstag in Berlin wählen gegangen sind, dass darin viele Stimmen für Erdogan und die AKP zu finden sind. Vater Mehmet, Mutter Hamide und Tochter Fatima halten den bisher amtierenden für den bestmöglichen türkischen Präsidenten und seine islamisch-konservative AKP für "die beste Partei in der Türkei". Seit Erdogan 2002 zum Ministerpräsidenten gewählt wurde, gehören sie zu seinen Anhängern. Die AKP habe in dieser Zeit vieles für die Menschen in Deutschland und der Türkei erreicht, übersetzt Fatima Ardic für ihren Vater vom Türkischen ins Deutsche. Krankenhäuser und Straßen in der Türkei, die sich vorher im maroden Zustand befunden hätten, seien saniert worden. 

Wahlen Berlin Türkei (DW/K. Brady)

Die Ardic-Familie aus Berlin hält Erdogan für den "bestmöglichen Präsidenten"

Auch Berlin ist gespalten

Mehmet Ardic kam Ende der 1960er wie viele Türken damals als Gastarbeiter nach Deutschland und arbeitete jahrelang als Kraftfahrer bei der Polizei. Immer wieder erwähnt er, wie froh sie alle seien, dass seine Tochter hier in Deutschland und in der Türkei ein Kopftuch tragen dürfe. Auch ein Verdienst Erdogans, der dafür gesorgt hat, dass sich das Land nach und nach vom laizistischen Staatsmodell abgewendet hat. Fatima selbst ist in Deutschland geboren, besitzt keinen türkischen Pass, darf also auch nicht wählen. Ihr Zahnmedizinstudium hat sie aber in der Türkei absolviert. Sie geht davon aus, dass die dort inhaftierten Journalisten unter anderem den Putsch 2016 unterstützt haben und daher rechtmäßig im Gefängnis sitzen.

Ezgi Dikdun auf der einen Seite, die Ardic-Familie auf der anderen: Diese beiden Beispiele zeigen, wie unterschiedlich Türken in Deutschland geprägt sind und wie unterschiedlich sie auf die Lage in der Türkei blicken. Generalkonsul Muhammet Mustafa Çelik rechnet damit, dass allein in Berlin bis zum 19. Juni rund 60.000 Menschen von ihrem Wahlrecht Gebrauch machen werden. Es ist sehr wahrscheinlich, dass sie in den extra dafür aufstellten Containern im Hof des türkischen Generalkonsulats ihre Kreuze an sehr unterschiedlichen Stellen setzen werden.

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