Deutschlands einzige Fabrik für Aluminiumoxid | Wirtschaft | DW | 10.01.2020
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Rohstoffe

Deutschlands einzige Fabrik für Aluminiumoxid

Das Werk in Stade ist der einzige Standort in Deutschland, an dem noch Aluminiumoxid hergestellt wird. Bei der Produktion fallen große Mengen Rotschlamm an. Er wird hinter 15 Meter hohen Dämmen entsorgt.

Auf dem Gelände der Aluminiumoxidwerke in Stade (AOS) in Niedersachsen wirkt alles riesig und überdimensioniert. 30 Meter hohe Silos stehen in Reih und Glied neben silberfarbenen Rohrsystemen, die sich über mehrere Ebenen schlangenförmig hin und her winden. Über allem thront ein 70 Meter hoher Turm, gekrönt von zwei Schloten, die unentwegt weißen Dampf in den Himmel pusten. 55 Hektar groß ist das Firmenareal.

Das Werk wurde 1973 gegründet, heute ist es Deutschlands letzter Standort, an dem Aluminiumoxid, der Ausgangsstoff für Aluminium, gewonnen wird. Das AOS-Firmengelände liegt direkt am Ufer der Unterelbe - mit eigenem Hafen; die Seeschiffe, die das Bauxit aus Guinea nach Stade bringen, machen direkt am Firmengelände fest - logistisch gesehen ein großer Vorteil, erklären die Geschäftsführer Volker Richter und Hartmut Borchers. "Das spricht wohl auch für diesen Standort, dass wir hier heute noch arbeiten."

Das Areal des Aluminiumoxidwerkes in Stade

Das Areal des Aluminiumoxidwerkes in Stade

Bauxit aus Guinea

Aluminiumoxid zu gewinnen ist sehr energieintensiv. Pro Tonne wird die gleiche Menge an Energie benötigt, die ein vierköpfiger Haushalt in einem Jahr verbraucht. Eine Million Tonnen Aluminiumoxid stellt das Werk pro Jahr her. Aluminiumoxid wird aus Bauxit gewonnen. Die ergiebigsten Bauxit-Vorkommen liegen im Äquatorialgürtel. Die Stader importieren das rote Gestein aus dem westafrikanischen Guinea. In letzter Zeit kam es dort zu Protesten, berichtet Michael Reckorth: "In den Abbaugebieten wurden Menschen umgesiedelt, Wasserquellen werden verseucht durch den Einsatz von Chemikalien bei der Bauxitgewinnung, Anwohner klagen über Luftverschmutzung."

Reckorth arbeitet als Rohstoffexperte bei PowerShift, einem Verein, der sich für eine gerechtere Energie- und Weltwirtschaft einsetzt. "Es gibt in Guinea gerade eine Klage gegen die Weltbank, wo sich 540 Personen aus der Bauxitminen-Region im Nordosten Guineas zusammengeschlossen haben." Verhandelt wird in Washington, dem Sitz der Weltbank. Im Unterschied zu den Kritikern in den NGOs sieht die Weltbank im Bauxit-Geschäft in Guinea einen Beitrag zur Entwicklung. Daher hat sie vor kurzem dem größten Bergbauunternehmen des Landes einen Kredit in Höhe von 900 Millionen Dollar eingeräumt. Für ein Drittel des Kredites bürgt die Bundesrepublik Deutschland - mit der Bedingung, dass Bauxit auch an die Elbe verschifft wird. Garantierte Laufzeit: Zehn Jahre.

Wichtiger Arbeitgeber in der Region

Das Bauxit aus Guinea wird in Stade gemahlen und unter hohem Druck und einer Temperatur von bis zu 270 Grad aufgebrochen. Als Lösungsmittel dient Natronlauge. 100.000 Kubikmeter benötigt das Werk davon pro Jahr. 500 Beschäftigte arbeiten in den Aluminiumoxidwerken in Stade; AOS ist der drittgrößte Arbeitgeber in der Region, 50 junge Menschen werden derzeit ausgebildet. Jurik Mendel ist im 2. Ausbildungsjahr. "Ich lerne den Beruf des Elektronikers für Automatisierungstechnik." Einen Stock tiefer werkeln die Metalltechniker und Industriemechaniker an den Werkbänken. Geschäftsführer Borchers weiß, als letzte Oxid-Fabrik in Deutschland muss das Unternehmen für gut ausgebildetes Personal selbst sorgen.

Anlandestelle für den Ausgangsstoff Bauxit: Der Hafen an der Unterelbe

Anlandestelle für den Ausgangsstoff Bauxit: Der Hafen an der Unterelbe

Die Konkurrenz sitzt im Nacken

Der AOS sitzt die Konkurrenz im Nacken, vor allem die aus China. Die Hälfte des weltweiten Aluminiumoxids stammt bereits von dort. Für eine Tonne Aluminiumoxid wird die doppelte Menge Bauxit benötigt. Als Produktionsabfall fällt Rotschlamm an. Er wird auf eine Deponie gebracht. Fünf Kilometer vom Werk entfernt erhebt sich inmitten des flachen Moores eine 15 Meter hohe Front - die Dämme, die den roten Schlamm zurückhalten. Rot ist er, erklärt Geschäftsführer Hartmut Borchers, weil das Bauxit aus Guinea sehr eisenhaltig sei. "Wir stehen hier auf der Deichkrone auf einer Höhe von 15 Metern."

Dreckige Brühe: Die Rotschlamm-Deponie des Werkes

Dreckige Brühe: Die Rotschlamm-Deponie des Werkes

Der Deponiekörper wächst von Jahr zu Jahr. Genehmigt ist derzeit ein Ausbau bis zu 21 Meter. 2010 brach in Kolontar in Westungarn ein Damm einer Rotschlamm-Deponie und begrub die umliegende Umgebung unter einer natronlaugen-haltigen Schlammschicht. Borchers schließt einen vergleichbaren Vorfall für die Deponie in Stade aus. "Die Dichtheit wird durch Kontrollbrunnen, die rund herum um die Deponie errichtet sind, sichergestellt und behördlich überwacht." Und in den 45 Jahren der Betriebsdauer habe es nie einen Punkt der Beanstandung gegeben.

Größere Gefahr, erklärt Geschäftsführer Hartmut Borchers, droht vielmehr von anderer Seite. Sollte sich hier in Deutschland im Zuge der Energiewende die Strom- und Gaspreise ein weiteres Mal erhöhen, könnte dies das Ende der heimischen Aluminiumherstellung einläuten. Noch ist es nicht soweit. Noch werden in Stade über eine Million Tonnen Aluminiumoxid hergestellt. Die Bundesregierung scheint ein Interesse zu haben, dass das so bleibt. Ohne Aluminiumoxid kein Aluminium. Aluminium ist ein Produkt, von dem wir alle gut leben - in der Küche, am Bau, im Flugzeug, und das meiste Aluminium wird verbaut in Autos. Da will man nicht gänzlich abhängig sein von ausländischen Anbietern.

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