Deutschlands Brücken müssen saniert werden | Politik | DW | 15.08.2018
  1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Infrastruktur

Deutschlands Brücken müssen saniert werden

Der verheerende Einsturz der Autobahnbrücke im italienischen Genua lenkt den Blick auf die Sicherheit der Brücken in Deutschland. Kann so etwas auch hierzulande passieren, im Transitland des europäischen LKW-Verkehrs?

Video ansehen 07:23
Jetzt live
07:23 Min.

Viele Tote bei Brückeneinsturz in Genua: Gespräch mit Ellen Trapp (ARD Rom)

Das Urteil der ADAC-Prüfer im Brückentest 2014 fiel verheerend aus: Von den 30 kommunalen Brücken waren sieben glatt durchgefallen, nur vier Brücken erhielten von den Testern ein gutes Urteil. 19 Brücken, also fast zwei Drittel, wurde immerhin mit "ausreichend" bewertet. Besonders schlechte Noten gingen an Brücken in Lübeck und Schwerin. 2016 brach eine im Bau befindliche Autobahnbrücke bei Werneck in Bayern teilweise ein. 14 Menschen wurden verletzt, ein Arbeiter kam ums Leben. Eine Gerüststütze hatte dem Gewicht der Brücke nicht standgehalten. Es hat also gravierende Mängel gegeben. Insofern fragen sich viele Deutsche, ob das, was in Italien geschehen ist, auch in Deutschland möglich sein könnte?

"Das kann in Deutschland so nicht passieren" ist sich Balthasar Novak sicher. Der Ingenieur ist Mitglied in europäischen Gremien, die für die Standards von Brücken verantwortlich sind. "Wir haben gute Strategien, um die Bauqualität der Brücken einschätzen zu können." In Deutschland gibt es dafür eine eigene Norm für die Brückensicherheit: die DIN 1076. Demnach werden Brücken nach dem Vier-Augen-Prinzip geprüft, also immer durch zwei Personen. Eventuelle Schäden werden aufgenommen und später katalogisiert, daraus entsteht dann eine Zustandsnote für eine Brücke.

Ausgeklügeltes System, an das sich nicht alle halten

Alle sechs Jahre werden die Brücken in Deutschland genau unter die Lupe genommen, Ingenieure führen eine sogenannte Hauptprüfung durch. Alle drei Jahre folgt eine einfache Prüfung, jährlich kontrollieren Straßen- und Autobahnmeistereien die Brücken, dazu kommen halbjährliche Besichtigungen, bei denen nach sichtbaren Schäden gesucht wird. So die Theorie. Die Praxis sieht manchmal anders aus: "Es gibt Kommunen, die sich aus Kostengründen nicht daran halten", sagt Heinrich Bökamp, Präsident der Ingenieurkammer Bau in Nordrhein-Westfalen. "Weil es kein verbindliches Gesetz, sondern nur eine Empfehlung ist, die Brücken turnusgemäß zu überprüfen. Jede Kommune macht das anders."

Deutschland Autobahnbrücke A1 Leverkusen (picture-alliance/dpa/H. Ossinger)

Eines der größten Sorgenkinder bei den Brücken: die Leverkusener Rheinbrücke, die für Lastwagen ab 3,5 Tonnen gesperrt ist

Schwere Lastkraftwagen dürfen auf Brücken wie der im Zuge der A1 über den Rhein bei Leverkusen nicht fahren, auf mehreren Dutzend deutschen Autobahnbrücken gelten Beschränkungen bei Gewicht und Geschwindigkeit für LKW. "Brücken werden hauptsächlich durch LKW belastet, jeder Laster bringt eine Brücke in Schwingung" sagt Ingenieur Bökamp "Und diese Schwingungen, diese dynamischen Vorgänge, tun den Brücken weh, vor allem, wenn schon Risse im Bauwerk vorhanden sind."

Entwicklung im Straßenverkehr unterschätzt

Auch die Bundesanstalt für Straßenwesen, kurz BAST, sieht großen Bedarf für Instandsetzungen. Die Behörde hat alle knapp 40.000 Brücken an Bundesfernstraßen untersucht. Demnach sind mehr als 5.000 Brücken in marodem und sehr schlechtem Zustand. Neun Brücken erhielten die schlechteste Zustandsnote: darunter die Rheinbrücke Duisburg-Neuenkamp, über welche der viel befahrene Ruhrschnellweg A 40 führt. Täglich 100.000 Fahrzeuge aus ganz Europa nutzen diese Strecke, der geplante Neubau kommt erst 2026.

Deutschland Rheinbrücke der A40 bei Duisburg (picture-alliance/dpa/R. Weihrauch)

Stahlträger mit schadhafter Schweißnaht: die Rheinbrücke der A40 bei Duisburg ist nur begrenzt befahrbar

Deutsche Brücken sind alt, die meisten 30 Jahre oder sogar älter. Nur sechs Prozent der Autobahnbrücken wurden in den letzten acht Jahren gebaut. Diese neuen Brücken sind noch über keinen längeren Zeitraum Umwelteinflüssen ausgesetzt gewesen, müssen dementsprechend nicht so häufig kontrolliert werden. Der hohe Zuwachs an Schwerlastverkehr tut ein Übriges: "Das sind mehrere Hundert Prozent Zuwachs in den vergangenen 25 Jahren. Die Prognosen waren damals andere, eine solche Entwicklung konnte nicht vorhergesehen werden", erklärt Ingenieur Balthasar Novak.

Minister muss Brückensicherheit im Auge behalten

Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer ist also gefordert. Schon sein Vorgänger Alexander Dobrindt hatte ein "Sonderprogramm Brückenmodernisierung" aufgelegt. "Die Infrastruktur ist das zentrale Nervensystem unseres Landes", sagte Dobrindt 2015 und stellte für vier Jahre 1,5 Milliarden Euro Jahren zur Verfügung. Doch dies kann nur ein Anfang sein, die deutschen Brücken werden auch in Zukunft vor allem unter der Last der LKW ächzen: Allein in Deutschland sind fast drei Millionen Lastkraftwagen unterwegs, Tendenz steigend. Hinzu kommen die LKW aus dem europäischen Ausland, die Deutschland als Transitland benutzen.

Deutschland | Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (picture-alliance/dpa/R. Hirschberger)

Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer muss vielleicht ein neues Brückenmodernierungsprojekt auflegen

"Die vielen Baustellen, die für den Verkehr verengten Brücken - im Moment ist Chaos", warnt Bökamp, "Wir müssen die Verkehrsströme in Zukunft besser koordinieren." Man habe die Sanierung der Brücken insgesamt lange Zeit nicht richtig ernst genommen, unter dem Motto "Da passiert schon nichts". Bundesverkehrsminister Scheuer müsse beim Thema Brückenmodernisierung deswegen dran bleiben: "Er muss Dampf machen und großflächig den Zustand der Brücken untersuchen. Und die Kommunen an ihre Verantwortung erinnern."

Die Redaktion empfiehlt

Audio und Video zum Thema