Deutschlands Biennale-Kurator Yilmaz Dziewior über die Kunst nach Corona | Kultur | DW | 12.05.2020
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Kultur

Deutschlands Biennale-Kurator Yilmaz Dziewior über die Kunst nach Corona

Findet die 59. Kunst-Biennale von Venedig nächstes Jahr statt? "Ja", glaubt der neue Kurator des Deutschen Pavillons, Yilmaz Dziewior. Doch die Kunst werde nach der Corona-Pandemie eine andere sein.

Bis 2021 könnte sich manches ändern, nicht zuletzt infolge der Corona-Pandemie. "May You Live In Interesting Times" ("Mögest Du in interessanten Zeiten leben") so hieß noch das nachdenkliche Motto der letztjährigen Kunst-Biennale. Angeblich war es eine alte chinesische Fluchformel, die der New Yorker Ausstellungsmacher Ralph Rugoff für seine vielbeachtete Zentralausstellung wählte. Prophetie? Wohl kaum. Niemand konnte ahnen, wie aktuell der Satz schon wenige Monate später sein würde.

Dr. Yil­maz Dziewior (Museum Ludwig/ Oliver Abraham)

Kuratiert den Deutschen Pavillon auf der nächsten Kunst-Biennale in Venedig: Yil­maz Dziewior

Auch nicht Yilmaz Dziewior. Der Direktor des Kölner Museums Ludwig ist von Bundesaußenminister Heiko Maas zum Kurator des Deutschen Biennale-Pavillons berufen worden. "Die Kunstwelt ist durch Corona - wie alles andere auch - nachhaltig beeinflusst", sagt er im DW-Gespräch. "Die letzten Wochen haben viel verändert und der Kunst einen digitalen Schub gegeben. Gleichzeitig ist uns aber bewusst geworden, wie sehr wir das Original brauchen." 

"Die Kunstwelt braucht den Austausch"

So werden wohl auch 2021 wieder hunderttausende Kunstliebhaber nach Venedig pilgern. Für die Lagunenstadt ist der Touristenansturm gleichwohl Fluch wie Segen. Kulturelle Großevents wie die Biennale sind in die Kritik geraten, weil sie den Ausstoß klimaschädlicher Gase fördern, während die Klimakatastrophe näherrückt. Einen Vorgeschmack bekam Venedig mit dem verheerenden Hochwasser im Herbst 2019. Jedoch: "Zu unserer Kunstwelt gehören Treffen", sagt Dziewior, "und der Austausch mit Menschen."

Konzipiert als ein internationales Kunsttreffen öffnete die "L'Esposizione Internazionale d'Arte, La Biennale di Venezia" 1895 zum ersten Mal ihre Pforten. Seither findet sie alle zwei Jahre statt und gilt als das weltgrößte Kunstspektakel neben der Kasseler documenta. Ihren Kern bilden die Pavillons der verschiedenen Länder in den Giardini di Castello, ergänzt um eine von Kuratoren eingerichtete Themenausstellung im Arsenal, der Schiffswerft und Flottenbasis der ehemaligen Republik Venedig (697-1797). Seit den 1930er Jahren gesellten sich weitere Events hinzu, darunter das Filmfestival, das Theaterfestival und seit 1975 auch die Architekturbiennale. Geblieben aber ist das Konzept der Kunst-Biennale - als ein Schaulaufen der Nationen.

Deutsche Erfolgsbilanz bei de Kunst-Biennale

Italien Künstlerin Anne Imhof auf der 57. Kunstbiennale Venedig (picture alliance/dpa/F. Hörhager)

Die "Faust"-Installation von Anne Imhof sorgte bei der Kunst-Biennale 2017 für Furore

Diesen Wettbewerb, bei dem der Sieger-Pavillon mit einem Goldenen Löwen belohnt wird, sieht Dziewior einerseits kritisch. "Das ist dem Wesen der Kunst fremd", sagt der Kunsthistoriker, der vor sechs Jahren bereits den österreichischen Pavillon kuratierte, als er noch das Kunsthaus Bregenz leitete. Der von ihm ausgewählte Heimo Zobernig setzte damals mit einem fast leeren Pavillon, in dem er ein Blumenfeld installierte, einen poetischen Kontrapunkt zum stressigen Biennale-Geschehen. "Andererseits", so Dziewior, "gibt es den Wettbewerb. Und es wäre naiv, das ignorieren zu wollen." Schließlich sei der Vergleich mit anderen per se nichts Schlechtes. "Aber dann zu sagen Erster, Zweiter, Dritter, das macht natürlich keinen Sinn."

Den Deutschen Pavillon indes mit seiner monumentalen Architektur von 1938, für den er jetzt passende Künstler finden muss, hält der Wahl-Kölner Dziewior für einen "sehr prägnanten Ort, der in der Rezeption viel vorgibt." In der Tradition künstlerischer Beiträge, die auf die Geschichte des Gebäudes abhoben, lobt Dziewior zwei als besonders gelungen: "Da war zum einen Hans Haacke, der 1993 den Marmorboden zerbrochen hat. Oder Anne Imhof, die mit ihrer "Faust"-Installation 2017 eine Stimmung erzeugte, die den Ort erfahrbar machte", so Dziewior. Haacke wie Imhof erhielten für ihre Werke den Goldenen Löwen. Dreimal hat der Deutsche Pavillon bei den vergangenen zehn Biennale-Ausgaben die höchste Biennale-Auszeichnung abgeräumt. Die Bilanz kann sich sehen lassen.

Dziewior für mehr Teilhabe

Hans Haacke ließ 1993 den Marmorboden des Deutschen Biennale-Pavillons aufhacken. (picture alliance/dpa)

Hans Haacke ließ 1993 den Marmorboden des Deutschen Biennale-Pavillons aufhacken

Einerseits will die Kunst-Biennale ein weltoffenes Kunstfest sein. Ihre Protagonisten aber präsentieren sich weiter national. Passt das noch zusammen? Und was ebenfalls für Kritik sorgt: Die größten Pavillons am Lido gehören ausgerechnet den ehemaligen Kolonialmächten, darunter Großbritannien, Frankreich, Spanien oder Deutschland - ganz so, als hätte es die von Frankreichs Präsident Emanuel Macron losgetretene Debatte über koloniale Raubkunst nicht gegeben. "Ob man das beabsichtigt oder nicht", stellt Kurator Dziewior fest, "beim deutschen Pavillons geht es um die Repräsentation einer Nation, in diesem Falle Deutschlands."

Und schließlich hat die Corona-Krise, obwohl viele Museen ihre Online-Aktivitäten massiv ausbauten, eine - wie Dziewior meint - für den Kunstbetrieb entscheidende Frage zugespitzt: "Wer hat Zugang zur Kunst? Wer kann sich Kunst heute leisten?" Trotz vieler neuer Kulturangebote im Netz - virtueller Rundgänge, Führungen und vielem mehr - sei der Zugang zur Kultur nicht demokratischer geworden. Angesichts der Restriktionen, mit der vielerorts die Ausbreitung des Virus verhindert werden sollte, habe sich stattdessen die soziale Schere zwischen Arm und Reich weiter geöffnet. Nicht jeder habe die Zeit und das Geld für die technische Ausrüstung, um einen virtuellen Besuch im Museum machen zu können. "Ich möchte mehr Teilhabe ermöglichen", sagt der Kölner Museumschef. Und nicht nur im Deutschen Pavillon auf der Venedig-Biennale wird man das gerne hören.

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