Deutschland verbietet das Töten von Küken | Wissen & Umwelt | DW | 20.01.2021
  1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages
Anzeige

Wissen & Umwelt

Deutschland verbietet das Töten von Küken

Weltweit werden männliche Küken nach dem Schlüpfen getötet. In Deutschland ist das ab 2022 verboten. Umweltschützer sehen es als ersten Schritt. Für eine gesunde Landwirtschaft sei jedoch viel mehr nötig.

Küken auf einer Hand

Masthühner leben nur 28-42 Tage, Legehennen in der Massentierhaltung 12- 14 Monate, und in der Hobbyhaltung bis zu 10 Jahre.

Rund 45 Millionen männliche Küken werden derzeit in Deutschland jedes Jahr direkt nach dem Schlüpfen getötet. Hähne legen keine Eier, und ihr Fleisch eignet sich nicht für den Verkauf. Für die Geflügelindustrie lohnt sich darum die Aufzucht von Hähnen der fürs Eierlegen gezüchteten Arten nicht, die männlichen Küken werden darum mit Gas getötet und zu Tierfutter geschreddert.

Als erstes Land verbietet nun Deutschland das ab 2022 per Gesetz. Heute beschloss das Kabinett der Bundesregierung einen Gesetzentwurf von Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU). "Tierschutz wiegt höher als wirtschaftliche Interessen. Das Töten von Eintagsküken – weil sie ein bestimmtes Geschlecht haben – ist ethisch nicht vertretbar", betonte Klöckner bei der Vorstellung des Gesetzes im September. Sie nennt das neue Gesetz einen "Meilenstein für den Tierschutz". Ab 2024 soll auch auch das Töten von Embryonen im Ei ab dem 6. Bruttag verboten werden.

Tier- und Umweltsschützer unterstützen die neue Regelung, sehen aber auch Defizite. "Das Verbot ist richtig, aber nicht konsequent genug, zu mutlos und kommt verspätet“, so Tierschutzbund-Präsident Thomas Schröder. Im Koalitionsvertrag hatten CDU und SPD das Tötungsverbot eigentlich schon ab 2019 vereinbart.

Julia Klöckner auf einer Pressekonferenz am 9.9 in Berlin mit einem Schild - Töten männlicher Eintagsküken soll gesetzlich verboten werden

Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU) sieht Deutschland als Vorreiter

Nur eine Rasse als Alternative

Für Geflügelfarmer gibt es inzwischen technische Möglichkeiten, das Geschlecht der Hühnerembryos schon im Ei zu bestimmen. Mit über 8 Millionen Euro hat das Bundeswirtschaftsministerium verschiedene Projekte dazu gefördert.

Nach dem 9. Bebrütungstag kann etwa durch ein kleines Loch in der Eierschale Flüssigkeit entnommen und analysiert werden. Weibliche Hühner-Embryonen werden danach weiter ausgebrütet, männliche nicht. Deren Eier sollen zukünftig direkt zu Futtermittel weiterverarbeitet werden.

"Die analytische Geschlechtsbestimmung bereits im Ei darf nur eine Zwischenlösung sein", sagt Olaf Bandt, Vorsitzender beim Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND). Statt in technische Lösungen zu investieren, sollten laut Bandt die politisch Verantwortlichen jetzt den Umbau zu einer nachhaltigen Landwirtschaft angehen, und für mehr Platz in den Ställen und gesündere Lebensbedingungen der Tiere zu sorgen.

Deutschland Eier-Produktion und Legehennen in einem engen Stall

Agarsystem in Schieflage: Die Tiere leiden, Landwirte produzieren billig und immer mehr Kunden wollen Nachhaltigkeit

Bandt und andere Agrarexperten empfehlen auch, statt spezielle Arten nur als Legehennen oder nur für die Fleischmast einzusetzen, die sogenannten "Zweinutzungshühner" für die Produktion von beidem: Fleisch und Eiern. Diese Hühner gibt es in der traditionellen Hühnerhaltung, in Deutschland waren sie bis in die 1950er Jahre üblich.

Solche Hennen legen weniger und teils kleinere Eier als hochgezüchtete Legehennen, die nur für die Eierproduktion bestimmt sind. Hähne wachsen langsamer und werden nicht so groß wie die heutigen Masthühner. Trotzdem könnten Betriebe sowohl die Eier als auch das Fleisch verkaufen.

Der unmittelbare Preis für die Verbraucher wäre etwas höher, dafür gebe es andere Vorteile betont Brandt: "Die Hühner sind generell robuster, gesünder und benötigen in der Folge weniger Medikamente." 

Das könnte auch den hohen Antibiotika-Einsatz in der Massentierhaltung reduzieren - vor den Folgen warnt die Weltgesundheitsorganisation WHO seit Jahren. Denn dadurch entwickeln sich vermehrt antibiotikaresistente Keime in den Ställen - mit gefährlichen Folgen für die Gesundheit der Menschen, wie ein Bericht der WHO zeigt. 

Deutschland Massentierhaltung: In einer Tierfabrik leben Masthühner dicht gedrängt

Dichtgedrängte Tierhaltung macht krank: Wenn viel Antibiotika ins Futter gemischt wird, bilden sich gefährliche resistente Keime.

Agrarwende gefordert

Nach Angaben der Albert-Schweitzer-Stiftung gibt es heute Hühnerfarmen mit über 200.000 Masthühnern. In der konventionellen Kurzmast werden Hühner nach 28-30 Tagen geschlachtet, dann wiegen sie etwa 1,5 Kg. Dabei dürfen bis zu 26 Hühner pro Quadratmeter gehalten werden.

Wissenschaftler, Verbraucher- und Umweltorganisationen sowie ein Teil der Landwirte fordern eine grundlegende Wende in der Landwirtschaft. Das Verbot der Kükentötung sei nur ein erster Schritt dazu. 

"Dumpingpreise, Klimakrise und Artensterben zwingen uns alle zu Veränderungen. Wir Bäuerinnen und Bauern sind bereit, unseren Beitrag zu leisten", sagte Sandra Finke-Neuendorf, Bäuerin aus Blankenfelde bei Berlin am vergangenen Wochenende auf einer Demonstration unter dem Motto "Wir haben es satt!". "Von Ministerin Klöckner erwarten wir endlich die notwendigen Rahmenbedingungen. Gerechte Erzeugerpreise und ein ernsthafter Systemwechsel in der Agrarpolitik sind unabdingbar", so Finke-Neuendorf.

Deutschland: Demonstration für eine Agrarwende in Berlin am 16.1.2021 von 'Wir haben es satt'. Landwirte, Umwelt und Verbraucherschützer fordern Wende

Landwirte, Umwelt- und Verbraucherschützer fordern in Berlin eine nachhaltige Agrarpolitik

Mehr Gesundheit mit weniger Fleisch

Der wachsende Fleischkonsum, nicht nur von Hühnerfleisch, belastet weltweit Klima und Gesundheit.

Laut Umweltbundesamt werden inzwischen rund 71 Prozent der weltweiten Ackerflächen für Viehfutter verwendet und nur 18 Prozent für den Anbau von Nahrungsmitteln für Menschen. 

Experten fordern deshalb ein Umdenken, um künftig die wachsende Weltbevölkerung gut zu ernähren und zugleich Flächen für Wiederaufforstungen zu haben.

Infografik Weltweiter Fleischkonsum

„Um die Nahrungsmittelproduktion innerhalb der planetaren Belastungsgrenzen und damit innerhalb eines sicheren Handlungsraums für die Menschheit zu halten, sollten wir mehr gesundes Gemüse und weniger Fleisch essen und systematisch Lebensmittelverschwendung vermindern", sagt Johann Rockström, Direktor des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung.

Rockström empfiehlt zusammen mit einer internationalen Kommission einen durchschnittlichen Konsum von etwa 300 Gramm Fleisch pro Woche (16 kg/Jahr) pro Person und von 630 Gramm Milchprodukten pro Woche (33 kg/Jahr). In Nord- und Südamerika, Europa und China wird derzeit vier bis sieben Mal mehr Fleisch konsumiert. Bei Milchprodukten ist der Konsum vor allem in Europa und USA fast acht Mal höher als empfohlen.

"Interessanterweise kann bereits der bloße Wechsel zu einer stärker pflanzlichen 'flexitarischen' Ernährung die Treibhausgasemissionen aus der landwirtschaftlichen Produktion ungefähr halbieren. Alle Maßnahmen zusammen können dazu beitragen, alle gesund zu halten: den Planeten, und die Menschen", so Rockström.

Video ansehen 02:02

Berlin: Demo für "grüne" Wende in der Agrarpolitik

Die Redaktion empfiehlt