″Deutschland ist das Problem″ | Welt | DW | 08.07.2015
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Welt

"Deutschland ist das Problem"

Die US-amerikanischen Medien berichten intensiv über die Griechenland-Krise. Die deutschlandkritischen Stimmen überwiegen. Aber es gibt auch abweichende Meinungen. Aus Washington Gero Schließ.

"Macht Merkel Griechenland zu einem Pariastaat?", fragt das Magazin "Newsweek" mit provokanter Schärfe. Und CNBC sagt voraus: "Deutschland wird der Verlierer sein, nicht Griechenland." Der US-Fernsehsender ergänzt seine düstere Vorhersage mit einem aktuellen Statement des Nobelpreisträgers Joseph E. Stiglitz: "Deutschland ist das Problem, nicht Griechenland“. Die deutschlandkritischen Stimmen in den amerikanischen Medien sind im Verlauf der Griechenland-Krise immer lauter geworden. "Deutsche Macht polarisiert Europa", titelt das einflussreiche "Wall Street Journal" am vergangenen Dienstag und zitiert in seinem Artikel den spanischen Austeritätskritiker Pablo Iglesias mit dem Satz "Wir wollen nicht deutsche Kolonie werden".

US-Wirtschaftsprofessor Paul Krugman (Foto: picture alliance/dpa)

Erhielt 2008 den Alfred-Nobel-Gedächtnispreis für Wirtschaftswissenschaften: Paul Krugman

Und Paul Krugman, der einflussreiche linke Kolumnist der "New York Times", fordert in einem Kommentar mit dramatischem Impetus: "Stoppt das Bluten!" Krugman vergleicht Angela Merkel und die europäischen Regierungschefs mit mittelalterlichen Medizinmännern, die den Patienten Griechenland zur Ader lassen. Doch statt Gesundung stelle sich nur weiteres Siechtum ein.

Ähnlich scharfe Töne kommen von der Wall Street. Im Finanzblog "Zero Hedge", der die Entwicklungen an der Börse analysiert, wird Merkel mit den Verträgen von Versailles in Verbindung gebracht. Ihr gehe es vor allem um deutsche Hegemonie, liest man.

Sündenbock und Unschuldslamm

Werden die US-Medien also überschwemmt von einer Welle antideutscher Ressentiments? Ist Angela Merkel für sie der Sündenbock und Griechenland das Unschuldslamm? Der Washingtoner Wirtschaftsexperte und Europakenner Jacob Kirkegaard läßt diesen Eindruck nicht gelten. "Die linken Kommentatoren wie Joseph Stiglitz oder Paul Krugman haben eine ziemlich antideutsche Position", räumt er gegenüber der Deutschen Welle ein. Aber die Griechenland-Krise sei für sie nur ein "Stellvertreterkrieg" in der innenpolitisch motivierten Debatte um die richtige Wirtschaftspolitik, in der beide Männer vehement für die Steigerung von Konsum und Nachfrage plädieren.

Jacob Kirkegaard, Senior Fellow am Peterson Institute for International Economics in Washington (Foto: PIIE)

Jacob Kirkegaard ist Senior Fellow am Peterson Institute for International Economics in Washington

Kirkegaard verweist darauf, dass es auch andere Stimmen gibt. Eine der profiliertesten ist die von Charles Krauthammer, Kolumnist bei der "Washington Post" und gern gesehener Gast beim konservativen Sender "Fox News". Krauthammer übt sich in Griechenland-Bashing und stellt in Anlehnung an ein antikes Bild fest: "Griechenland säugt an den Brüsten der Deutschen." Für ihn verhalten sich die Griechen wie unerzogene Jungs, die mit Papas Kreditkarte fortlaufend Geld vom Konto der Eltern abheben, aber damit nur Fun-Artikel kaufen, ohne in ihre Zukunft zu investieren.

Ausbalancierter argumentiert die "Washington Post" selbst. Zwar konstatiert auch sie, dass Deutschland "teilweise verantwortlich" sei für die Griechenland-Krise. Doch räumt der Leitartikel aus der Feder des ehrwürdigen Editorial Boards ein: "Deutschland kann mit Recht behaupten, dass es wegen Griechenland erhebliche finanzielle Risiken auf sich genommen hat." Außerdem lägen die Deutschen richtig mit ihrer Analyse, dass die griechische Wirtschaft "zutiefst zerrüttet" sei und wachstumsorientierte Reformen brauche.

Obamas strategische Interessen

US-Präsident Barack Obama hat erst jüngst mit Bundeskanzlerin Merkel am Telefon über Griechenland gesprochen. In offiziellen Stellungnahmen hält er sich mit Kritik zurück. Deutlicher wurde jetzt sein Finanzminister Jack Lew, der sich an diesem Mittwoch klar für einen teilweisen Schuldenerlass aussprach. Für die Obama-Regierung kommt es am Ende darauf an, dass Griechenland in der Eurozone bleibt und seine Mitgliedschaft in der Europäischen Union und der Nato nicht zur Disposition steht.

Dabei hat sie vor allen Dingen Russland und langfristige strategische Interessen der Amerikaner im Blick. Laut Jacob Kirkegaard gibt es in Washington eine "gewisse Irritation", dass es Merkel und den Europäern bisher nicht gelungen sei, die Krise zu meistern. Während Präsident Obama in diesem Zusammenhang deutsche Führung in Europa begrüßt, gibt es in Washington laut Kirkegaard noch eine andere Fraktion: "Einige in den USA sind unglücklich über die dominante Position der Deutschen in Europa, weil sie es vorziehen würden, wenn Europa schwach und uneinig wäre", so der Europakenner. Das sei aber eine althergebrachte Sichtweise, die nicht das Denken der politischen und wirtschaftlichen Elite bestimme.

Merkel in der Zwickmühle

Viele amerikanische Medien verweisen darauf, dass Angela Merkel zwar die mächtigste Regierungschefin Europas sei, aber gleichzeitig in einer Zwickmühle stecke: Einerseits müsse sie die EU zusammen- und das europäische Projekt lebensfähig halten, andererseits könne sie ihrer Partei und den Deutschen kaum noch weitere finanzielle Zugeständnisse an die Griechen "verkaufen". Immer wieder zitieren US-Zeitungen Umfragen, wonach nur zehn Prozent der Deutschen für ein weiteres Entgegenkommen gegenüber Griechenland sind. Die Deutschen seien eben regelorientiert und hielten sich an Absprachen, versucht die "Washington Post" ihren Lesern die ablehnende Haltung zu erklären. In einem Land, in dem Schuld und Schulden fast das gleiche Wort seien, werde das Schuldenmachen der Griechen wie ein unverzeihliches Sakrileg gesehen. Deswegen, so die Ausdeutung der deutschen Psyche, täten sich Angela Merkel und ihre Landsleute mit dem inzwischen auch vom Internationalen Währungsfond (IWF) geforderten Schuldennachlass so schwer.

Deutsche Delegation unter Hermann Josef Abs am 27.2.1953 bei Vertragsunterzeichnung in London (Foto: picture alliance/dpa)

Deutsche Delegation unter Hermann Josef Abs (M.) am 27. Februar 1953 bei der Unterzeichnung eines Umschuldungsabkommens in London

Genau hier setzt die "New York Times" an und behauptet, im Kampf um Schuldenerlass habe Deutschland seine historische Lektion vergessen. Unter einem Bild aus dem Jahre 1953, das eine deutsche Delegation unter Leitung des Bankiers Hermann Josef Abs bei der Unterzeichnung eines Umschuldungsabkommens in London zeigt, findet sich ein süffisanter Kommentar: "Der Hauptkreditgeber, der von den Griechen fordert, dass sie für die Verschwendung der Vergangenheit bezahlen, hat damals selbst von milden Bedingungen profitiert." Mit einem Federstrich, so das Blatt, seien die deutschen Schulden halbiert worden. Und es vergisst auch nicht zu erwähnen, dass unter den großzügigen Kreditgeber auch jenes Land war, dass heute im Kreuzfeuer deutscher Kritik steht: Griechenland.