Deutschland im Zeitschriftenrausch | Lebensart | DW | 12.11.2018
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Deutschland im Zeitschriftenrausch

Während die gedruckten Tageszeitungen ihrem Ende entgegensehen, erleben Zeitschriften und Magazine einen wahren Boom. Besonders im Trend liegen Persönlichkeitsformate wie die neue BOA von und mit Jérôme Boateng.

Hilflos musste er von der Tribüne aus mit ansehen, wie der amtierende Fußballweltmeister in Russland bereits in der Vorrunde aus dem Turnier ausschied. Doch im Gegensatz zu seinen Kollegen auf dem Rasen machte Jérôme Boateng eine gute Figur. Wie so oft wirkte der Starverteidiger vom FC Bayern cool und lässig: die Baseballkappe sitzt mit Schirm nach hinten zeigend nicht ganz auf dem Kopf auf. Die schwarze Sonnenbrille im John-Lennon-Stil ist farblich perfekt auf die Kopfbedeckung abgestimmt, das Goldkettchen komplettiert den Look.

Boateng gilt vielen schon lange nicht nur als Ausnahmefußballer, sondern auch als Stilikone. Auf seinem Instagram-Profil sieht man ihn in Arbeitskleidung, aber auch im schicken Anzug oder ausgeflippten Shorts mit stylischem Hoodie. Besonders angetan haben es ihm Sneaker. Davon besitzt er laut eigener Aussage über 600 Paar.

Seine Leidenschaft für Mode möchte Boateng nun nicht mehr nur mit seinen knapp sechs Millionen Instagram-Followern teilen. Neben seinen ersten eigenen Modekreationen ist nun auch sein eigenes Magazin erschienen: BOA. Der herausgebende Verlag Gruner + Jahr nennt es "das erste urbane Lifestyle-Magazin für Millennials". Das passt ins Bild. Zeitschriften, vor allem Lifestyle-Magazine, erleben eine wahre Blütezeit.

Instagram Jerome Boateng (Instagram/Jeromeboateng)

Jérôme Boateng präsentiert auf Instagram die erste Ausgabe der BOA

Besonders der Trend, Druckerzeugnisse mit dem Namen und Gesicht eines Prominenten zu vermarkten, scheint nicht abzuflauen. Gruner + Jahr brachte allein in diesem Jahr drei neue Persönlichkeitsmagazine auf den Markt. Zu seinen Aushängeschildern Barbara Schöneberger (Barbara) und Eckart von Hirschhausen (Gesund Leben) gesellten sich Joko Winterscheidt (JWD), Guido Maria Kretschmer (Guido) – und nun eben Jérôme Boateng. Zusammen erreichen sie weit über eine Million Leser. 

Erfolgsrezept Persönlichkeitsmagazine

"Wir glauben, dass der Erfolg von Persönlichkeitsmagazinen auf der Sehnsucht der Menschen nach Identifikation beruht", sagt Sabine Grüngreiff, Leiterin der Markenkommunikation des Hamburger Verlags. Die Prominenten gäben in ihren Magazinen sehr viel von sich, von ihrer Persönlichkeit und ihrer Haltung preis. "Genau dieses Subjektive spricht die Menschen an", so Grüngreiff.

Zeitschrift Barbara (picture-alliance/dpa/S. Hoppe)

Erfolgreich dank TV-Ikone und Hochglanzoptik: Das Frauenmagazin Barbara

Dass dieses Konzept zu funktionieren scheint, haben auch andere Verlagshäuser erkannt. Die Bauer Media Group hat mit Daniela Katzenberger ein prominentes TV-Gesicht für ihr Magazin gefunden. Ebenso der Jahreszeiten Verlag, der Fernsehkoch Johann Lafer für sich gewinnen konnte. Und auch RTL-Moderatorin Birgit Schrowange bekam jüngst ihr eigenes Heft im Burda-Verlag, selbstverständlich betitelt mit ihrem Vornamen.

Die Zeitung ist tot – es lebe die Zeitschrift?

Der Erfolg der Persönlichkeitsmagazine scheint dem rasanten Abstieg der Printbranche entgegenzustehen. Vor allem die Tageszeitungen haben seit Jahren mit sinkenden Verkaufszahlen und Werbeeinnahmen zu kämpfen.

Im August verkündete der Geschäftsführer und Mitbegründer der taz, Karl-Heinz Ruch, in einem Schreiben an seine Mitarbeiter: "Das Zeitalter der gedruckten Zeitung ist zu Ende, der Journalismus lebt im Netz weiter." Die gedruckte Ausgabe werde in absehbarer Zukunft eingestellt. Maximal die Wochenendausgabe bleibe in gedruckter Form erhalten.

Symbolbild | Tageszeitung (imago/Future Image)

Bald Geschichte? Ein Ständer mit Tageszeitungen an einem Kiosk in Köln

Tatsächlich verlagert sich der Nachrichtenmarkt unaufhaltsam vom Papier ins Internet. Viele haben am Vortag im Netz längst gelesen, was am nächsten Morgen in der Zeitung steht. Die Tage der gedruckten Tageszeitung scheinen gezählt.

Aber auch vor dem Zeitschriftenmarkt macht die Digitalisierung nicht halt. NEON, Intro oder Spex sind nur einige der großen Namen, die in diesem Jahr entweder die gedruckte Ausgabe oder gar den gesamten Betrieb einstellten. "Der Anzeigenmarkt für Printmagazine ist dramatisch geschrumpft – in einem Maße, das auch durch Digital-Erlöse nicht aufzufangen war. Leider ist es uns nicht gelungen, diese Verluste langfristig auszugleichen", schrieb Chefredakteur Daniel Koch zum Ende der Intro auf der Webseite des beliebten Musikmagazins.

Wer überleben will, muss innovativ sein

Trotz allem scheint die Zukunft für den Zeitschriftenmarkt gar nicht so düster auszusehen. Viele Leser möchten die haptische Erfahrung nicht missen, wollen das Magazin in der Hand halten, das Papier fühlen. Lange Geschichten lesen viele lieber in gedruckter Form als auf dem Bildschirm. "Wir wissen, dass die Leser sehr viel Zeit mit Zeitschriften und Magazinen verbringen und sich sehr intensiv damit beschäftigen. Lange Texte werden gelesen und die Aufmerksamkeitsspanne ist sehr intensiv und sehr lang", bestätigt Sabine Grüngreiff.

Und Zeitschriften haben noch einen weiteren Vorteil gegenüber Tageszeitungen: Sie arbeiten meist mit zeitlosen Themen. Das Magazin kann auch nach mehreren Wochen nochmal hervorgeholt werden. Die Hochglanzbilder sind dann noch genauso ästhetisch, das Interview mit der Modedesignerin oder die zehn besten Lauch-Rezepte nicht weniger aktuell.

Zeitschrift Gesund Leben Cover

Das Thema Gesundheit vermittelt von Deutschlands bekanntestem Arzt: das kommt gut an bei den Deutschen.

Erfolgreich sind vor allem die Formate, die sich unter dem weitläufigen Begriff "Lifestyle" zusammenfassen lassen: Themen wie Natur, Wohnen, Essen und Gesundheit erfreuen sich großer Beliebtheit. Das beweist das deutsche Zeitschriften-Flaggschiff schlechthin, das Magazin Landlust. Trotz leichtem Auflagenrückgang in den vergangenen Jahren, werden immer noch rund 820.000 Exemplare pro Ausgabe verkauft.  

Obwohl viele Magazine eine treue Leserschaft haben, bleibt der Zeitschriftenmarkt unbeständig. Besonders neue Formate müssen innovativ sein, Trends erkennen und sich ständig neu erfinden. Wie auch in anderen Branchen müssen Verlage ausprobieren - und wenn nötig auch wieder aussortieren.

"Am Ende entscheidet immer, was der Leser sagt", so Sabine Grüngreiff. "Die Branche ist sicherlich so innovativ wie lange nicht. Aber jedes Magazin braucht seinen eigenen Zugang für die Geschichten, die es erzählen möchte." Ob die BOA als "urbanes Lifestyle-Magazin für Millennials" diesen Zugang gefunden hat, werden die Verkaufszahlen zeigen. Fest steht: Es geht was auf dem Zeitschriftenmarkt - auch noch im Jahr 2018.

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