Deutschland entgeht knapp der Rezession | Wirtschaft | DW | 14.11.2019
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Konjunktur

Deutschland entgeht knapp der Rezession

Die deutsche Wirtschaft ist dank der guten Kauflaune der Verbraucher noch einmal mit einem blauen Auge davon gekommen. Die Bilanz für den Sommer fällt überraschend positiv aus.

Handelskonflikte, eine schwächelnde Weltkonjunktur, das Brexit-Drama - all das setzt der exportabhängigen deutschen Wirtschaft zu. Dennoch ist das Bruttoinlandsprodukt (BIP) - die Summe der produzierten Güter und Dienstleistungen - von Juli bis September entgegen den Erwartungen um 0,1 Prozent zum Vorquartal gewachsen, wie das Statistische Bundesamt in Wiesbaden mitteilte. Ökonomen hatten mit einem Rückgang um 0,1 Prozent gerechnet. Im zweiten Quartal war das BIP noch um revidiert 0,2 (bisher minus 0,1) Prozent geschrumpft, im ersten dagegen um 0,5 (bisher 0,4) gewachsen.

Erst bei zwei Minus-Quartalen in Folge sprechen die Fachleute von einer Rezession. Eine solche gab es zuletzt zum Jahreswechsel 2012/13. "Wir haben keine technische Rezession, aber die Wachstumszahlen sind noch zu schwach", sagte Wirtschaftsminister Peter Altmaier in der ARD.

Der private Konsum - eine stabile Stütze

Positive Impulse kamen im Sommer vor allem vom Konsum. "Die privaten Konsumausgaben waren höher als im zweiten Quartal 2019, und auch der Staat steigerte seine Konsumausgaben", erläuterten die Statistiker.

Deutschland Mädlerpassage in Leipzig (picture-alliance/imageBROKER/G. Fischer)

Noch wird in Deutschland gerne konsumiert - hier die Mädlerpassage in Leipzig

Außerdem legten die Exporte zu, während die Importe in etwa auf dem Niveau des Vorquartals verharrten. Außerdem wurde mehr im Baugewerbe investiert. Dagegen sanken die Investitionen in Ausrüstungen wie Maschinen. Erbracht wurde die Wirtschaftsleistung im dritten Quartal von 45,4 Millionen Erwerbstätigen, das waren 0,8 Prozent mehr als vor einem Jahr.

Aber nicht beruhigt zurücklehnen

"Die deutsche Volkswirtschaft ist noch einmal mit einem blauen Auge davongekommen", erklärte DekaBank-Ökonom Andreas Scheuerle. Er führte drei Gründe an, warum man sich dennoch nicht "beruhigt und zufrieden" zurückzulehnen dürfe: "Deutschlands Trendwachstum leidet unter einem Investitions- und Reformstau. Deutschlands Konjunktur leidet unter der enormen, globalen politischen Unsicherheit und Deutschlands Paradebranche – die Automobilindustrie – läuft nicht mehr rund."

Marokko Autoindustrie - Kenitra PSA-Produktion (Getty Images/AFP/F. Senna)

Schlüsselbranchen wie der Automobil- und Maschinenbau leiden unter den internationalen Handelskonflikten

Ähnlich sieht dies der Deutschland-Chefvolkswirt von Unicredit, Andreas Rees. "Insgesamt tritt die deutsche Wirtschaft seit dem Frühjahr mehr oder weniger auf der Stelle", sagte er. Als Unsicherheitsfaktoren nannte er die sich hinziehenden Handelsgespräche zwischen den USA und China sowie die Frage, wie lange die US-Wirtschaft ihr Wachstumstempo noch aufrecht erhalten könne. Das dürfte für die Weltwirtschaft und damit für die deutschen Exporteure von entscheidender Bedeutung sein, so Rees weiter.

Für das Gesamtjahr 2019 erwarten die Bundesregierung und führende Wirtschaftsforschungsinstitute deutlich weniger Wachstum als im vorigen Jahr. Die jüngsten Prognosen gehen von 0,5 Prozent aus. 2020 soll es zu einer Beschleunigung auf 0,9 Prozent kommen, allerdings nur aufgrund der höheren Anzahl an Arbeitstagen. 2018 hatte die deutsche Wirtschaftsleistung noch um 1,5 Prozent zugelegt.

Mehr Wachstum in Eurozone und USA

In der Eurozone hat sich das Wirtschaftswachstum trotz aller Belastungsfaktoren wie den Brexit oder die schwelenden Handelskonflikte stabilisiert. Das Bruttoinlandsprodukt legte im dritten Quartal wie bereits im Frühjahr um 0,2 Prozent zum Vorquartal zu, wie das Statistikamt Eurostat am Donnerstag in einer Schnellschätzung mitteilte. 

In Frankreich, dessen Wirtschaft stärker als in Deutschland durch den Binnenmarkt geprägt ist, lag das Plus bei 0,3 Prozent, während Italiens BIP nur um 0,1 Prozent zulegte. Spanien schaffte ein Plus von 0,4 Prozent. Damit sind in einer Reihe von Ländern der Eurozone die Wachstumskräfte wesentlich stärker als in Deutschland.

In den USA legte das BIP im dritten Quartal, trotz der Auswirkungen des Handelsstreits mit China, noch einen Tick kräftiger zu - und zwar um 0,5 Prozent. Nach Entspannungssignalen im Handelsstreit gab es zuletzt widersprüchliche Signale. Einem Medienbericht zufolge sind die Gespräche zwischen USA und China ins Stocken geraten. Zum Konflikt mit Europa sagte US-Präsident Donald Trump jüngst, die EU habe "schreckliche Handelsbarrieren" aufgebaut: "In vielerlei Hinsicht schlimmer als China." Er hat in der Vergangenheit mehrfach mit Schutzzöllen auf Autoimporte aus Europa von bis zu 25 Prozent gedroht, was insbesondere die deutsche Wirtschaft treffen würde. Die US-Regierung hatte angekündigt, im November zu entscheiden, ob die Abgaben auf die Einfuhr von Autos und Autoteilen aus der EU erhöht werden. Sie hatte die angedrohten Strafzölle im Mai zunächst für ein halbes Jahr ausgesetzt.

se, tko/haz (rtr, afp, dpa)

 

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