Deutsche Sprache – bunte Sprache | Deutschlehrer-Info | DW | 13.09.2013
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Deutschlehrer-Info

Deutsche Sprache – bunte Sprache

Fremdwörter in der eigenen Sprache sind für viele Menschen ein Ärgernis. Dabei hat das Deutsche schon immer neue Wörter aufgenommen. Für Deutschlernende birgt das Chancen und Gefahren zugleich.

Ob „Chaiselongue“, „Macho“ oder „Talkshow“ – fragt man nach einem Begriff im Deutschen, der ursprünglich aus einer anderen Sprache kommt, so fallen wohl fast jedem Muttersprachler auf Anhieb zahlreiche Fremdwörter ein. Wir sind uns darüber bewusst, dass Latein, Griechisch, Französisch die deutsche Sprache geprägt haben, und diskutieren heftig darüber, wie viele Anglizismen die deutsche Sprache noch vertragen kann.

„Keks“, „Semmel“ und „Hängematte“ – wie deutsch ist das Deutsche?

Doch glaubt man Wissenschaftlern wie den Germanistik-Professor/innen Ulrich Ammon und Heike Wiese, dann haben die eigentlichen Fremdwörter eine viel geringere Bedeutung für die deutsche Sprache, als man zunächst vermuten könnte: „Unter Fremdwörtern verstehen wir Ausdrücke wie zum Beispiel Portemonnaie, die nicht an die deutsche Aussprache, Schreibung und Grammatik angepasst sind. Sie machen sicherlich weniger als fünf Prozent aller deutschen Wörter aus“, meint Ammon. Die große Mehrheit unserer Wörter sind dagegen so genannte Erbwörter oder gehören für uns inzwischen so selbstverständlich zur deutschen Sprache, dass wir sie gar nicht mehr als „Fremdkörper“ wahrnehmen. Denn wer ist sich zum Beispiel darüber bewusst, dass unser „Keks“ von den englischen „cakes“ abstammt oder dass das scheinbar so urdeutsche Wort „Semmel“ einen lateinischen Ursprung hat?

Bild von Heike Wiese

Sprachwissenschaftlerin Heike Wiese

Neben den großen und bekannten Sprachen haben auch kleinere und dem deutschen Sprachraum entferntere Idiome wie Inuit-Sprachen oder das haitianische Taino ihre Spuren in der deutschen Sprache hinterlassen. Wer wen wie beeinflusst hat, ist dabei nicht immer einfach nachzuvollziehen, wie Wiese am Beispiel der „Hängematte“ deutlich macht: „Das Wort kommt ursprünglich aus dem Taino, der Sprache der haitianischen Urbevölkerung, ging dann über die Kolonialisierung ins Spanische, weiter in die französische Nachbarsprache und schließlich über das Niederländische ins Frühneuhochdeutsche. Dort wurde dann vor mehreren hundert Jahren aus der niederländischen ‚hangmat' die deutsche Hängematte.“

Wer bringt neue Wörter in die Sprache?

Es gibt auch Beispiele für Wörter, die von benachteiligten oder sogar ausgestoßenen sozialen Gruppen in die Sprachgemeinschaft hereingetragen wurden: Der Ausdruck „Schlammassel“ wurde etwa von der jüdischen Bevölkerung in Deutschland eingebracht und ist auf einen hebräischen Ursprung zurückzuführen. Und im Ruhrgebiet verwendet man für einen Hammer auch den Ausdruck „Mottek“, der von polnischen Zuwanderern mitgebracht wurde. Nach Ammons Einschätzung sind es aber heute wie damals meistens die privilegierteren Menschen, die die neuen Wörter in die Gesellschaft bringen und dann imitiert werden: „Heute bringen Journalisten und Werbemacher zum Beispiel englische Ausdrücke ein, die dann von Jugendlichen aufgegriffen werden. Und im Mittelalter haben Kirche und Wissenschaft lateinische Termini übernommen, die bis heute noch Verwendung finden.“

Bild von Prof. Dr. Ulrich Ammon

Linguistikprofessor Ulrich Ammon

Wo immer eine Sprache von fremden Idiomen beeinflusst wird, da gibt es anscheinend auch Menschen, die sich dagegen wehren. Bemühungen, Fremd- und Lehnwörter einzudeutschen, existieren schon seit einigen Jahrhunderten. „Nach der deutschen Reichsgründung hat man zum Beispiel deutsche Übersetzungen für französische Begriffe gesucht, etwa ‚Enthaltsamer‘ für ‚Abstinent‘ oder ‚Wohlgeruch‘ für ‚Aroma‘“, sagt Ammon. Und entsprechend gebe es auch heute Bemühungen, Anglizismen zu vermeiden. Ein wichtiger Grund dafür sei, dass die Sprache das am unmittelbarsten wahrnehmbare und produzierbare Ausdrucksmittel für die nationale Identität ist: Wenn dieses Nationalsymbol zunehmend fremde Gestalt annimmt, empfänden manche das „als eine Art symbolische Unterminierung der nationalen Autonomie“. Während in früheren Jahrhunderten vor allem Französisch als Sprache des Feindes in der Kritik stand, passe dies heute gut zu dem Gefühl, dass die USA uns machtpolitisch und auch in anderer Hinsicht dominieren.

Alles wie damals – nur noch viel schneller

Einmalig in der Geschichte ist, dass es heute mit dem Englischen eine Sprache gibt, die weltweit Einfluss auf alle anderen Idiome hat und sich durch die Massenmedien in einem rasanten Tempo ausbreiten kann. Dennoch warnen die Wissenschaftler vor einer Dramatisierung der Anglizismen: „Natürlich sind englische Wörter zum Beispiel im deutschen Fernsehen sehr präsent, doch in den Alltagsgesprächen tauchen sie noch recht selten auf“, meint etwa der emeritierte britische Germanistik-Professor Martin Durrell. Und selbst wenn das der Fall wäre, sollte man die Entwicklung in seinen Augen nicht bedauern: „Sprache ist kein feststehendes Objekt, sie existiert nur im Mund der Bevölkerung. Man kann nicht aufhalten, dass Sprache sich ändert.“

Natürlich kann es passieren, dass althergebrachte Ausdrücke unter dem Einfluss anderer Sprachen verschwinden oder an Bedeutung verlieren. Aber ist es wirklich ein Problem, dass wir ein Wort wie „Amme“ nicht mehr verwenden oder dass man in Bekleidungsgeschäften nicht mehr von „kurzen Hosen“, sondern von „Shorts“ spricht? Die Wissenschaftler sind sich jedenfalls einig, dass neue Begriffe auch neue Unterscheidungsmöglichkeiten schaffen und die deutsche Sprache somit bereichern können. Denn wir kaufen beim „Shopping“ keine Kartoffeln und wir holen auch keine „Mail“ aus dem Briefkasten.

Chancen und Gefahren für die Lernenden

Für Deutschlerner sind die internationalen Einflüsse Fluch und Segen gleichermaßen. Denn einerseits kann es eine Hilfe sein, wenn sie zum Verständnis bestimmter Begrifflichkeiten auf ihre Muttersprache oder andere Fremdsprachenkenntnisse zurückgreifen können. Aber andererseits sollte dies natürlich nicht dazu führen, dass sie unbekannte Vokabeln großzügig durch englische Wörter ersetzen.

Zum Erkunden der deutschen Grammatik eignen sich Fremdwörter in Wieses Einschätzung sogar besonders gut: „Warum wird ‚Computer‘ groß geschrieben und warum bekommt es einen männlichen Artikel? Wie entstehen Wörter wie ‚googeln' oder ‚geliket' bzw. 'gelikt'? Und warum bekommt das ursprünglich türkische Kosewort ‚Canım' im Deutschen einen Punkt auf dem ‚ı'? Wer versteht, wie solche fremden Elemente an das deutsche System angepasst werden, lernt viel über das System der deutschen Grammatik und Schreibung.“

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