Deutsche Islamkonferenz: Seehofer ruft zum Kampf gegen Fanatiker auf | Deutschland | DW | 10.11.2020
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Religiöser Dialog

Deutsche Islamkonferenz: Seehofer ruft zum Kampf gegen Fanatiker auf

Wohl deutlicher als jeder Bundesinnenminister zuvor lobt Horst Seehofer bei der Deutschen Islamkonferenz die muslimischen Verbände. Aber er macht zugleich klar: Es muss sich einiges ändern.

Der zeitliche Rahmen überschattet diese Deutsche Islam Konferenz (DIK). Grausame Morde von Islamisten in Paris und Nizza, Dresden und Wien prägten während der vergangenen Wochen manches Gespräch über den Islam. Und eine halbe Stunde, bevor das diesjährige Plenum in Berlin vor Ort und digital beginnt, äußert sich Bundeskanzlerin Angela Merkel in einem Video-Grußwort zu einer interreligiösenTagung am Bodensee  - in einem knapp zweieinhalbminütigen Beitrag spricht sie über den islamistischen Extremismus "und die abscheulichen Ereignisse in Dresden, Frankreich und in Wien".

Ähnlich äußert sich Bundesinnenminister Horst Seehofer kurz vor DIK-Beginn gegenüber Journalisten. Später kommt er in seiner Rede vor der Islamkonferenz erneut auf das Thema zu sprechen. Fast zeitgleich berät Kanzlerin Merkel wiederum in einer Konferenz mit ihren Kollegen in Paris und Wien über die blutigen Morde und Anschläge. Es geht um den verschärften gemeinsamen Kampf gegen den Terrorismus. Sorgen allerorten.

Wichtiger Dienst für Deutschland

Und doch: Als Seehofer sich an die Delegierten wendet, lobt er die Rolle der Muslime in Deutschland umfänglich. "Sie leisten einen unheimlich wichtigen Dienst für unser Land und ihre Heimat", sagt er. Und: "Wir sorgen für unsere muslimischen Bürgerinnen und Bürger. Ich betone: unsere", setzt er noch mal dazu. Der Minister macht deutlich, wie wichtig ihm die mehr als 4,5 Millionen Muslime in Deutschland sind.

Frankreich Nizza | Trauer nach Anschlag | Basilika Notre-Dame

Trauer in Frankreich nach dem islamistischen Anschlag von Nizza

Vor 14 Jahren kam erstmals eine Islamkonferenz zusammen. Oft war es ein lautes Palaver mit scharfen Kontroversen und gegenseitigen Vorwürfen zwischen einzelnen muslimischen Beteiligten. Aber nun in der vierten Phase, die mit einiger Verzögerung nach der Bildung der großen Koalition begann, wird es bei einem wesentlichen Thema konkreter: Der Ausbildung von muslimischen Imamen in Deutschland und in deutscher Sprache.

Ausbildung von Geistlichen als Kernanliegen

Schon vor rund zehn Jahren setzte die Bundesregierung nach einem Votum der DIK von 2009 ausdrücklich auf Islamische Theologie an deutschen Universitäten. Heute gibt es an einer Reihe von Hochschulen etablierte Fachbereiche oder Institute. "Imam-Ausbildung in Deutschland und in deutscher Sprache war und ist das Kernanliegen der Deutschen Islam Konferenz", sagt Seehofer nun wieder. Auch die praktische Imam-Ausbildung solle in Deutschland erfolgen.

Diese praktische Ausbildung, die nach der akademischen Ausbildung folgt, ähnelt am ehesten dem, was angehende Rabbiner in einem Rabbiner-Seminar oder junge christliche Geistliche in einem Priesterseminar oder einem Konvikt lernen: unter anderem praktisches Wissen über den Kult oder rhetorische Ausbildung für die Predigt. Seehofer betont, dabei gehe es zugleich darum, "Alternativen zur Einflussnahme aus dem Ausland zu schaffen".

'Imam-Import' aus der Türkei

Doch in der Praxis ist dieses Vorhaben mitunter schwer umzusetzen. Die große Politik macht Vorgaben, die aber dann verschieden ausgelegt werden. So starteten die Ahmadiyya-Muslime, die im Gegensatz zu anderen muslimischen Verbänden in Hessen rechtlich seit langem anerkannt sind, Ende 2012 im hessischen Riedstadt das bundesweit erste Institut für die Ausbildung von Imamen. Dessen Betrieb hat sich längst eingespielt.

Doch die Ahmadiyyas sind für viele Muslime anderer Richtungen Außenseiter. Große Verbände setzten weiter auf den 'Import' von Geistlichen, häufig aus der Türkei, und richteten erst nach und nach Einrichtungen zur praktischen Ausbildung ein: der Islamrat in Mainz und Bergkamen, der Verband der Islamischen Kulturzentren in Köln, die türkische Ditib seit Anfang 2020 in Dahlem in der Eifel, recht weit weg von jedem akademischen Angebot.

Schwieriger Dialog mit Verbänden

An diesem Dienstag lobt Seehofer irgendwie alle. Denn alle tragen für ihn zu einem Islam deutscher Prägung bei. Und doch gehörte das Beispiel der Ditib-Einrichtung in Dahlem wieder zum schwierigen Dialog zwischen Politik und Verbänden. Denn dorthin kamen auch angehende Imame aus der Türkei, die in der Eifel-Idylle durchaus auch in Türkisch fertig ausgebildet wurden. Deshalb beschloss das Bundesinnenministerium, dass Imame aus dem Ausland schon vor ihrer Einreise nach Deutschland deutsche Sprachkenntnisse vorweisen müssen.

Türkischer Imam predigt ein einer Moschee in Köln

Ein türkischer Imam predigt ein einer Moschee in Köln

Der Minister, der die muslimischen Partner irgendwie lieber lobt als kritisiert, sprach mit Blick auf die Arbeit in Dahlem von einem "wichtigen, aber zugleich auch nur ersten Schritt". Und kam zugleich auf die "Abhängigkeit von Ditib gegenüber staatlichen Stellen in der Türkei". Er setze auch in diesem Milieu auf eine neue Generation von in Deutschland geprägten jungen Muslimen, die sich unabhängig von der Türkei zeigten.

Verbündete im Kampf gegen Islamisten

Herzlicher als über die Ditib-Arbeit äußerte sich Seehofer über das Ende Oktober vorgestellte "Islamkolleg Deutschland" in Osnabrück. Dahinter stehen Islamwissenschaftler der dortigen Universität und deutsche Muslime mit bosnischem Hintergrund. Das Islamkolleg erhält eine Anschubfinanzierung vom Bundesinnenministerium. Ab April 2021 sollen dort bis zu 30 Muslime die praktische nach-universitäre Ausbildung für die Seelsorgsarbeit bekommen. Und zwar: Ausschließlich in deutscher Sprache. Seehofer nannte das Islamkolleg selbstbewusst und kooperativ. Die Einrichtung sei eine gute Nachricht für die Muslime in Deutschland.

Video ansehen 02:28

El Masrar – emanzipierte Muslime für einen deutschen Islam

Mit Blick auf die verschiedenen Angebote sei er zuversichtlich, dass künftig weit mehr als heute "islamischer Kultus" in Deutschland "der Lebenswirklichkeit der in Deutschland lebenden Muslime entsprechen wird". Immer mal wieder kam in seiner 30-minütigen Rede das ein oder andere Lob für alle vor und ein optimistischer Blick in die Zukunft. "Da wo ein Wille ist, werden auch Wege gefunden", beispielsweise. Für Seehofer sind die Verbände Verbündete im Kampf gegen islamistische Extremisten: "Sie wollen die Gesellschaft und dieses Land stärken, statt mit Gewehren und Messern zu morden." Einer seiner letzten Sätze zeigte dann wieder die Sorge der Politik.

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