Deutsche Firmen liebäugeln mit dem Iran | Wirtschaft | DW | 21.01.2014
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Wirtschaft

Deutsche Firmen liebäugeln mit dem Iran

Das Abkommen zwischen dem Iran und dem Westen bringt Teheran weniger Sanktionen. Internationale Firmen stehen bereits in den Startlöchern, um lukrative Kontrakte abzuschließen. Doch ist die Euphorie verführt?

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Iran: Hoffnung auf wirtschaftlichen Aufschwung

Der Feierabend ist bereits im vollen Gange, als Michael Tockuss in das Café irgendwo zwischen Reichstag und Kanzleramt inmitten Berlins hastet. An einem Tisch lärmt eine Geburtstagsgesellschaft, an einem anderen nippen Nachwuchsdiplomaten bereits an ihrem zweiten Glas. Das Vorstandsmitglied der deutsch-iranischen Handelskammer sieht müde aus: Er hat den ganzen Tag in Meetings im Auswärtigen Amt und im Wirtschaftsministerium verbracht. Tockuss, von dessen Jackett der kalte Berliner Nieselregen perlt, bestellt einen Kaffee. Dann stellt er sein Smartphone leise. Seit Wochen klingelt es fast ununterbrochen: Immer wieder rufen Unternehmer an - Firmen, die bislang "mehr oder weniger Anfragen aus dem Iran abbügeln mussten", sagt Tockuss.

Jetzt nicht mehr: Seit sich der Westen und der Iran im November auf ein Interimsabkommen geeinigt haben, wonach der Iran für ein halbes Jahr sein Atomprogramm ruhen lässt und Kontrollen uneingeschränkt möglich sind, verspricht der Westen, das Netz der Sanktionen etwas zu lockern, das er in den vergangenen Jahren immer dichter über den Iran und seine Wirtschaft gespannt hat. So sollen etwa die Restriktionen vorübergehend ausgesetzt werden, die den Handel mit Flugzeugersatzteilen, petrochemischen Produkten oder aber im Bereich der Automobilindustrie untersagt haben. Seitdem blicken Unternehmer gespannt auf den iranischen Markt. "Sie werden lachen, aber die beschäftigen sich mit Projekten, die noch gar nicht darstellbar sind", sagt Tockuss und lächelt.

Amerikaner drängen auf den Markt

Am Morgen hat er eine Einladung zu einer Reise einer Handelsdelegation in den Iran an seine Mitglieder geschickt - wenige Stunden später hatte er bereits sechs Zusagen, sagt er. Aber nicht nur deutsche Unternehmen rufen Tockuss an: Auf Messen sprechen ihn immer wieder amerikanische Vertreter an, die aufgrund der scharfen US-Sanktionen jahrzehntelang vom iranischen Markt abgeschnitten waren. Die deutsche Expertise und auch Kontakte sind sehr gefragt: 6000, vielleicht sogar 7000 vor allem mittelständische Firmen sind im Iran aktiv, schätzt Tockuss.

Deutschland ist ein wichtiger Handelspartner geblieben - trotz der Sanktionen, die in den vergangenen Jahren de facto jegliche Geldtransfers in und aus dem Iran praktisch unmöglich gemacht haben. Auch diese werden durch das Interimsabkommen gelockert. Jahrelang haben Amerikaner massiven Druck auf europäische Firmen und Banken ausgeübt, damit sich diese aus dem Iran zurückziehen - jetzt konkurrieren sie um Marktzugang und hofieren iranische Delegationen. Tockuss erwartet einen Konkurrenzkampf zwischen deutschen, französischen und amerikanischen Firmen vor allem in der Automobilindustrie. Er zuckt die Schultern. Er sieht den Konkurrenzkampf gelassen: Der iranische Markt hungere nach Importen, da gebe es genug Chancen für alle.

Bildergalerie Airlines Logo Iran Air (Foto: Behrouz Mehri/ AFP)

Iranische Fluggesellschaften leiden unter den Sanktionen

Der Manager einer privaten Fluggesellschaft erklärt, dass die gesamte Branche plane, sobald wie möglich zu expandieren. Jahrelang haben Manager wie er ihre veralteten Flugzeuge mit gebrauchten Ersatzteilen zusammenflicken müssen. Denn auch die zivile Luftfahrt unterlag bislang dem Embargo. Jetzt aber versuchen alle, Kontakte zu neuen Handelspartnern aufzunehmen. "Die alten Mittelsmänner, die uns heimlich Teile unter der Hand verkauft haben, brauchen wir ja jetzt nicht mehr", erklärt der Iraner.

Aufbruchsstimmung im Iran verfrüht?

Er erwartet, dass die Lockerung der Sanktionen den Preis drücken und seine Fluggesellschaft konkurrenzfähig machen wird. Das Interimsabkommen hebt zwar nur die Sanktionen für Ersatzteile, nicht aber für Flugzeuge auf. Doch er hofft auf die Verhandlungen, die in den kommenden sechs Monaten weiter geführt werden. Das Ziel ist ein umfassendes Abkommen, das auch das Sanktionsregime endgültig aufheben würde. Sobald die Restriktionen auf den Handel mit Flugzeugen fallen, würde er sofort 100 neue Flugzeuge bestellen, sagt der Manager - und zwar lieber heute als morgen.

Die Aufbruchsstimmung im Iran sei so groß, sagt Tockuss, dass er versuche, die Euphorie zu bremsen. Er fürchtet, dass die Stimmung im Land umschlagen könnte, wenn allzu große Erwartungen unerfüllt bleiben. Tockuss glaubt nicht daran, dass sämtliche Sanktionen so schnell fallen werden. Es werde noch eine ganze Zeit dauern, bis sie komplett aufhoben werden.

Außerdem seien die Sanktionen nur vorübergehend gelockert worden - hält sich der Iran nicht an seine Verpflichtungen, können sie jederzeit wieder angezogen werden. Es beunruhigt ihn auch, dass eine Gruppe US-Kongressabgeordneter darauf drängt, neue Sanktionen gegen den Iran zu verhängen. Die Auseinandersetzungen um schärfere Sanktionen in den USA sieht er als ein großes Risiko für eine Verständigung mit dem Iran. Er fürchtet, dass die Europäer ohne Washington nicht alleine weiterverhandeln würden. Er zuckt die Schultern. Dann verabschiedet er sich und hastet durch den Regen zu seinem Auto. Am nächsten Tag hat er bereits das nächste Meeting. Wieder soll es um die Sanktionen, das Abkommen und die Wirtschaft gehen.

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