Der Traum vom Frieden ist geplatzt | Amerika - Die aktuellsten Nachrichten und Informationen | DW | 19.01.2019
  1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Kolumbien

Der Traum vom Frieden ist geplatzt

Zwei Jahre nach dem Friedensabkommen zwischen Regierung und FARC kehrt die Angst nach Kolumbien zurück. Das Attentat in dieser Woche zeigt, dass noch kein echter Frieden herrscht. Von Ofelia Harms Arruti, Bogotá.

Mütter, Ehefrauen und Kinder weinen. Die Bilder vor der Polizeischule "General Santander" in der kolumbianischen Hauptstadt Bogotá sind herzzerreißend. Bei einem Autobombenanschlag starben dort an diesem Donnerstag mindestens 21 junge Menschen, die meisten zwischen 17 und 23 Jahre alt. 68 weitere wurden verletzt.

Kurz nach einer Beförderungszeremonie war ein mutmaßlicher Anhänger der Guerilla-Organisation ELN auf das Schulgelände gefahren und hatte dort seinem mit Sprengstoff beladenen Wagen zur Explosion gebracht. Das Motiv des Attentäters, der bei dem Anschlag ums Leben kam, ist unklar.

Spurensuche am Anschlagsort in Bogotá (picture-alliance/Photoshot/S. Acero)

Tatort Polizeischule "General Santander": Mindestens 21 Todesopfer

Dabei war es lange Zeit ruhig in Kolumbiens Hauptstadt. Seit zehn Jahren war in Bogotá keine Autobombe mehr explodiert. Die aktuellen Bilder lassen die Erinnerungen an einen Krieg aufleben, den viele für beendet hielten.

"Da steckt die Absicht dahinter, den Krieg wieder aufflammen zu lassen. Das ist sehr besorgniserregend, egal, von wem es kommt”, meint Katherine Torres von der Kampagne "Für einen vollständigen Frieden”, die die Friedensgespräche mit der ELN-Guerrilla fördern will. Torres schätzt, dass die weiteren Gespräche nun sehr schwierig werden. Allerdings habe die jetzige Regierung auch vor dem Autobombenanschlag vom Donnerstag "keinen Willen zum Frieden gezeigt”.

Fast unmögliche Verhandlungen

Für andere bestätigt der Angriff, dass die ELN diejenige ist, die keinen echten Verhandlungswillen hat. Kolumbiens früherer Präsident Juan Manuel Santos hatte mit der anderen, bekannteren Guerilla-Organisation, der FARC im November 2016 einen Friedensvertrag zum Abschluss gebracht.

Die Gespräche mit der ELN wurden im vergangenen August eingestellt, als Friedensnobelpreisträger Santos noch Präsident war. Dennoch verließen die Guerilla-Chefunterhändler den Verhandlungstisch in Havanna nicht. Sie warteten darauf, dass die neue Regierung unter dem neuen, rechtsgerichteten Präsidenten Iván Duque ein neues Verhandlungsteam benennen würde. Das ist aber nie passiert.

Ivan Duque (picture-alliance/Photoshot/J. Paz)

Präsident Duque: "Dem Land konkrete Taten zeigen"

Duque forderte, dass die auch von den Vereinigten Staaten und der Europäischen Union als terroristisch eingestufte ELN zunächst alle Geiseln freilässt, bevor weiterverhandelt wird. Am Tag nach dem Autobombenanschlag erklärte der Präsident die Friedensgespräche für beendet. "Wenn die ELN wirklich Frieden will, dann muss sie dem Land konkrete Taten zeigen", so Duque. Und Kolumbiens Hochkommissar für Frieden, Miguel Ceballos, sagte dass es "keinen Platz mehr für einen Dialog mit der ELN gäbe".

Eskalationsspirale

Hubert Gehring, der Direktor der Konrad-Adenauer-Stiftung in Bogotá, sieht deshalb auch die Guerilleros am Zuge: "Hoffentlich wird die ELN irgendwann ein bisschen zur Vernunft kommen, um einen ernsthaften Verhandlungsversuch wieder aufnehmen zu können." Gehring sagt, dass in Europa "ein falsches Bild des kolumbianischen Friedens" existiert, als hätte die Unterzeichnung des Abkommens zwischen der Santos-Regierung und der Farc "die Probleme Kolumbiens gelöst".

Kolumbiens Präsident Juan Manuel Santos und FARC-Führer Timoleon Jimenez (Getty Images/AFP/L. Robayo)

Präsident Santos und FARC-Führer Jimenez bei Friedensvertragsunterzeichnung (2016)

Die internationale Gemeinschaft müsste Kolumbien in den dringendsten Fragen unterstützen, fordert Gehring. Dazu gehörten die Entwicklung der Regionen, die Umsetzung des Friedensabkommens und Hilfe für die über eine Million Menschen, die aus dem Nachbarland Venezuela nach Kolumbien geflüchtet sind.

"Deutschland, das sich auch mit der Ankunft einer Million Flüchtlinge befassen musste, sollte sich die Herausforderung vor Augen führen, vor denen Kolumbien steht - nicht nur aufgrund der Ankunft der Venezolaner, sondern auch durch die fast sechs Millionen Binnenflüchtlinge."

Der deutsche Botschafter in Kolumbien, Peter Ptassek, befürchtet, dass das Attentat vom Donnerstag zu einer "Eskalationsspirale" führen könnte, die "die Situation des Landes erheblich erschweren würde".