Der Theologe Johann Baptist Metz ist tot | Deutschland | DW | 03.12.2019
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Nachruf

Der Theologe Johann Baptist Metz ist tot

Die Fragen nach dem Leid und nach Gerechtigkeit trieben den katholischen Theologen Johann Baptist Metz Zeit seines Lebens um. Wie die Universität Münster jetzt bestätigte, verstarb Metz am Montag im Alter von 91 Jahren.

"Wenn Theologie alle Fragen wirklich perfekt beantworten kann, ist es schon falsch. Es geht auch um den Schrei des leidenden Menschen, den unbeantworteten Schrei." Für den katholischen Theologen Johann Baptist Metz, der am Montag im Alter von 91 Jahren verstorben ist, war die Frage nach Gott stets die Frage nach dem Leid der unschuldigen Opfer und nach Gerechtigkeit. Wie soll man nach Auschwitz von Gott reden? Kann man das?

Es war für ihn auch eine zutiefst persönliche Frage und Klage. Metz, 1928 geboren in - wie er selbst sagte - einer "erzkatholischen bayerischen Kleinstadt", kam als Sechzehnjähriger noch in den Krieg. Mit vielen anderen seines Jahrgangs war er an der Front. Einmal schickte ihn der Kommandeur durch die Nacht mit einer Meldung vom Schützengraben zum Gefechtsstand des Bataillons. Als er zurückkehrte, fand er "nur noch Tote, lauter Tote" - seine Kameraden überrollt von einem Jagdbomber- und Panzerangriff. "Ich konnte ihnen allen, mit denen ich noch tags zuvor Kinderängste und Jungenlachen geteilt hatte, nur noch ins erloschene tote Antlitz sehen. Ich erinnere nichts als einen lautlosen Schrei."

Der Schrei Jesu am Kreuz

Theologe Johann Baptist Metz verstorben, Bild von 1985 (picture-alliance/akg-images/Brigitte Hellgoth)

Johann Baptist Metz im Jahr 1985

Diese Erfahrung, die Metz erst im Alter öffentlich schilderte, trieb ihn um. So beschrieb er seine Gotteserfahrung wesentlich als "Erfahrung des Leidens an Gott", wie sie sich nicht zuletzt im Schrei Jesu am Kreuz verdichtet - "der Schrei jenes Gottverlassenen, der seinerseits seinen Gott nie verlassen hatte", so der Theologe. "Ich habe mich oft gefragt, warum die Kirche sich eigentlich mit unschuldigen Opfern immer schwerer tut als mit schuldigen Tätern", sagte er 2008. Da war der Missbrauchskandal in der katholischen Kirche Deutschlands noch gar kein großes Thema. Aber die Frage bleibt.

Auschwitz, diese Menschheitskatastrophe... Immer wieder, sagte er einmal, habe er sich "gefragt, warum man unserer Rede von Gott eine solche Katastrophe wie überhaupt die himmelschreienden Leidensgeschichten der Menschen so wenig ansieht und anhört". Er rang um den Kern christlicher Existenz, die Gottesfrage. Damit wurde er einer der großen Theologen der Nachkriegszeit.

Frankfurter Schule

Jürgen Habermas, deutscher Philosoph (picture-alliance/dpa/A. Dedert)

Jürgen Habermas (90)

Der gebürtige Oberpfälzer war Fundamentaltheologe. Die Fundamentaltheologie hinterfragt die Grundlagen des Glaubens. Wie wenige andere suchte er über das System Kirche hinaus stets die Auseinandersetzung mit anderem Denken. Dazu zählte in den 1960er Jahren auch das Gespräch mit dem Marxismus. Kaum ein anderer Theologe pflegte so sehr den Dialog mit der sogenannten Frankfurter Schule um Theodor W. Adorno, Max Horkheimer und Jürgen Habermas, den kritischen linken Denkern seiner Zeit. Auch mit dem Philosophen Ernst Bloch war er befreundet. Metz sei aus seiner Generation "vielleicht der Theologe, der sich am leidenschaftlichsten an der für ihn existenziellen Frage abgearbeitet hat, in welcher Sprache nach dem Holocaust überhaupt noch von Gott geredet werden" könne, sagt Habermas (90) zum Tod seines Freundes der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA).

Zugleich wollte Metz das Christentum vor (weiterer) Verbürgerlichung bewahren. Es sei die heute gern geschmähte Atmosphäre der 68er-Jahre gewesen, die ihm eine allzu geschmeidige theologische Rede ausgetrieben und auf die Konfrontation mit der Leidensgeschichte des Menschen verwiesen habe. So stand Metz für einen "politischen" Ansatz der Theologie, sich öffentlich und unruhig kritisch zu Wort zu melden. Lange Zeit war der Begriff der "Politischen Theologie" schwer belastet, nachdem der Staatsrechtler Carl Schmitt (1888-1985) in der Weimarer Republik den Totalitätsanspruch des Politischen untermauert und dem Führerdenken einen metaphysischen Weg bereitet hatte. Schon vor 20 Jahren äußerte er Sorge, dass das Denken Schmitts wiederkehre. Metz gehört maßgeblich zu denen, die eine "Neue Politische Theologie" in ihrem systemkritischen Denken und ihrer Anwaltschaft für die Ausgegrenzten auf den Weg brachten. Zu seinen wichtigen Begriffen zählten die "Autorität der Leidenden", die "Compassion", die "Mit-Leidenschaft".

Einfluss auf Lateinamerika

Aus diesem Denken erwuchs auch seine Rolle für die lateinamerikanische Befreiungstheologie, die er mitbeeinflusste. Ohne dabei unkritisch zu werden, nahm er deren Ansätze in sein Denken auf. Seit den 1970er Jahren kamen Theologen aus aller Welt, vor allem Hunderte aus Lateinamerika, wegen und zu Metz nach Münster. Wohl alle Länder des Subkontinents waren vertreten, viele hielten den Kontakt und nahmen seine Fragen nach Leid und Gerechtigkeit mit. Geburtstage in seinem Haus waren sehr internationale Treffen familiärer Begegnung.  

Deutschland l NRW - Ministerpräsident Armin Laschet würdigt Johann Baptist Metz ( Land NRW/Günther Ortmann)

Im Februar 2019 ehrte Ministerpräsident Armin Laschet den Theologen

Metz, seit 1963 Professor in Münster, führte auch die Feder des Dokuments "Unsere Hoffnung" der Würzburger Synode von 1971 bis 1975, mit der die katholische Kirche in Deutschland das Zweite Vatikanische Konzil (1962-65) umsetzen wollte. Er formulierte jene befreiende Zusagen, die für diese Generation in neuen Worten Kirche war. Und er drängte bis ins hohe Alter darauf, die Privatheit von Religion zu durchbrechen. Die Theologie solle "Fesseln abreißen" und wieder stärker politisch werden. Sie habe die Pflicht zur Einmischung gegen die völlige Ökonomisierung des Lebens, gegen die Dominanz von Markt und Technik. Noch vor einigen Monaten, als das Alter Metz schon gezeichnet hatte, verlieh ihm Nordrhein-Westfalen seine höchste Auszeichnung, den Verdienstorden des Landes. "Ein Theologe von Weltrang", sagte Ministerpräsident Armin Laschet.

Die Leidenden ernst zu nehmen hieß für Metz eben, nicht nur fromm die Hände zu falten. Es heißt aber auch, die Hände zu falten. In der Münsteraner Stube des Theologen hängt der Corpus eines Gekreuzigten. Klassisch, wie aus einer anderen Zeit. "Ein Tiroler Künstler hat ihn für mich geschnitzt, zur Priesterweihe 1954", erzählte er mal. Es ist nur ein Torso, ein Rumpf ohne Arme. Was ihm diese Christusgestalt sage? "Ich habe keine anderen Hände als die euren", antwortet Metz.

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