Der Stern, der Ächtung und Tod brachte | Deutschland | DW | 31.08.2016
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Deutschland

Der Stern, der Ächtung und Tod brachte

Vor 75 Jahren zwangen die Nazis alle Juden in Deutschland, einen gelben Stern zu tragen. Er bedeutete nicht nur den Ausschluss jüdischer Bürger aus der Gesellschaft, sondern bereitete auch den Holocaust vor.

Der Davidsstern bedeutete ursprünglich weder eine Stigmatisierung, noch ist der sechszackige Stern in der Geschichte ein ausschließlich jüdisches Symbol. Dennoch ist der Stern spätestens seit der Zeit des Nationalsozialismus in Deutschland mit dem Holocaust verbunden.

Die Juden waren mit den Nürnberger Rassegesetzen von 1935 immer mehr aus dem gesellschaftlichen Leben ausgeschlossen worden. Diese Gesetze legten auch penibel fest, wer Volljude, Halbjude, jüdischer Mischlinge ersten oder zweiten Grades oder "Geltungsjude" war - nicht alle, aber die allermeisten mussten später den Stern tragen.

"Innere Feinde sichtbar machen"

Schon vor dem Krieg hatte sich Reinhard Heydrich, der Chef des Reichssicherheitshauptamts, Gedanken darüber gemacht, wie man die "inneren Feinde" Deutschlands "für alle Welt sichtbar" machen könne. Kurz nach der Reichspogromnacht im November 1938, als überall in Deutschland Synagogen in Flammen aufgingen und jüdische Geschäfte zerstört wurden, schrieb Heydrich: "Jeder Jude im Sinn der Nürnberger Gesetze muss ein bestimmtes Abzeichen tragen. Das ist eine Möglichkeit, die viele andere Dinge erleichtert." Deutlich erleichtert wurde den Nationalsozialisten damit später vor allem das Auffinden der Juden und ihr Abtransport in die Konzentrationslager, und das nicht nur in Deutschland selbst.

Schon zu Kriegsbeginn im September 1939 war den im besetzten Polen lebenden Juden auferlegt worden, eine weiße Armbinde mit damals noch blauem Stern zu tragen. Mit der Besetzung von immer mehr Ländern führten die Nationalsozialisten auch anderswo die Kennzeichnungspflicht der jüdischen Bevölkerung ein.

Reinhard Heydrich (Foto: AP)

Judenstern-"Erfinder" Heydrich: "Eine Möglichkeit, die viele andere Dinge erleichtert"

Hitler zögerte zunächst

Vor dem Krieg schreckte das Regime davor zurück. Selbst Adolf Hitler ließ 1937 ein taktisches Zögern erkennen, als er vor NSDAP-Funktionären sagte: "Das Problem der Kennzeichnung wird seit zwei, drei Jahren fortgesetzt erwogen und wird eines Tages so oder so natürlich auch durchgeführt. [...] Da muss man nun die Nase haben, ungefähr zu riechen: 'Was kann ich noch machen, was kann ich nicht machen?'" Noch gab er sich nach außen kompromissbereit, fürchtete offenbar eine zu heftige Reaktion des Auslands.

Doch nach Kriegsbeginn fielen die Hemmungen. Es war dann 1941 Reichspropagandaminister Josef Goebbels, der Hitler die Kennzeichnung der Juden noch einmal nahelegte und Mitte August auch dessen Genehmigung dafür bekam. Am 1. September 1941 trat die Polizeiverordnung in Kraft.

Sie legte alle Einzelheiten genau fest: "Der handtellergroße, schwarz ausgezogene Sechsstern aus gelbem Stoff mit der schwarzen Aufschrift 'Jude' [...] ist sichtbar auf der linken Brustseite des Kleidungsstücks fest aufgenäht zu tragen." Die Verordnung galt für alle jüdischen Bürger im Sinne der Nürnberger Gesetze ab sechs Jahren. Es war von nun an Juden "verboten, sich in der Öffentlichkeit ohne einen Judenstern zu zeigen". Wer versuchte, den Stern zum Beispiel mit einer Aktentasche, einem Mantelaufschlag oder Schal zu verbergen, musste mit harten Strafen der Gestapo rechnen, die das sichtbare Tragen des Sterns genau überwachte.

Juden an der Rampe des KZ Auschwitz (Foto: picture-alliance/IMAGNO/Austrian Archives)

Die Deportation der Juden in die Vernichtungslager begann nur einen Monat nach der Einführung des Judensterns

Isolation, Diskriminierung, Kontrolle

Die Betroffenen waren verzweifelt. Der Romanist und Autor Victor Klemperer stammte zwar aus einer jüdischen Familie, war aber bereits vor dem Ersten Weltkrieg zum Protestantismus übergetreten. Doch das interessierte die Nationalsozialisten nicht - für sie war er Jude. Klemperer hatte 1935 seine Professur in Dresden verloren und sah sich nun gezwungen, den Stern zu tragen. In seinen später berühmt gewordenen Tagebüchern schrieb er: "Gestern, als Eva den Judenstern annähte, tobsüchtiger Verzweiflungsanfall bei mir. Auch Evas Nerven zuende. [...] Ich selber fühle mich zerschlagen, finde keine Fassung."

Die Holocaust-Überlebende Inge Deutschkron erinnert sich 2013 bei einer Gedenkveranstaltung im Bundestag: "Die Mehrheit der Deutschen, denen ich in den Straßen Berlins begegnete, guckte weg, wenn sie diesen Stern an mir bemerkte, oder guckte durch mich, die Gezeichnete, durch oder drehte sich weg. [...] Fraglos, der Stern schuf eine diskrimierende Isolation für uns." Isolation, Diskriminierung, aber auch Kontrolle.

Vorbereitung für den Holocaust

Denn die Kennzeichnung war nur die Vorbereitung für das, was die Nazis die "Endlösung der Judenfrage" bezeichneten: die Auslöschung. Zusammen mit dem Tragen des Sterns durften die Juden auch nicht mehr ohne polizeiliche Genehmigung ihren Wohnbezirk verlassen.

So stand die perfekte Organisation für den Holocaust. Es ist kein Zufall, dass die Deportation in die Vernichtungslager nur einen Monat später, im Oktober 1941, begann. Victor Klemperer und Inge Deutschkron überlebten, Millionen andere nicht.

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