″Der Spion, der aus der Kälte kam″ - John le Carré zum 85. | Kultur | DW | 20.10.2016
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Spionageromane

"Der Spion, der aus der Kälte kam" - John le Carré zum 85.

Das Genre des Spionageromans hat John le Carré neu erfunden: Seine Agenten waren lebensnah. Während des Kalten Krieges arbeitete er als Spion beim britischen Geheimdienst. Jetzt wurde der Bestsellerautor 85.

Das Schreiben halte ihn bei Versand, berichtet er gern aus seinem erfolgreichen Leben, mit leichtem Augenzwinkern. Ganz altmodisch und "old fashioned" schreibt der Brite John le Carré bis heute alle seine Bücher mit der Hand. Computer sind ihm ein Graus. "Ich kann nicht mal auf einer Schreibmaschine tippen", erzählt er mit gesunder Selbstironie in Interviews. Um geistig wach zu bleiben, geht er täglich spazieren. 

Am Mittwoch (19.10.2016) wird der Besteller-Autor und wohl berühmteste Ex-Geheimdienstler der Welt 85 Jahre, ein stolzes Alter. Er halte sich auch mit Schwimmen fit und genehmige sich ab und zu einen Drink - vermutlich gerührt und nicht geschüttelt, wie es Geheimdienstagent 007 James Bond bevorzugt. Dessen Geschichte stammen allerdings nicht aus der Feder von John le Carré.

John le Carre Verfilmung U S TINKER TAILOR SOLDIER SPY 2011 GARY OLDMAN JOHN HURT (Imago/ZUMA Press)

Gary Oldman und John Hurt in der Neuverfilmung von "Dame, König, As, Spion" (2011)

Der seit Jahrzehnten erfolgreiche Schriftsteller hat sich einen kritischen Blick auf den Lug und Trug der Geheimdienstwelt und ihre manchmal zweifelhaften Agenten erhalten. Seine Romanfiguren sind eher Anti-Helden: britisch, skeptisch die Welt beobachtend, mit teuren, schlecht sitzenden Anzügen und einem Hang zur Melancholie deutscher Dichter und Denker. 

Eine doppelbödige Lebensgeschichte

John le Carrés Lebensgeschichte passt irgendwie zu seinen Geschichten - alles etwas mysteriös und halbseiden. Geboren wird er am 19. Oktober 1931 unter dem bürgerlichen Namen David Cornwell. Er wächst in der britischen Kleinstadt Poole auf, unter prekären und schwierigen Verhältnissen. Seine Mutter verlässt die Familie, da ist er fünf Jahre alt. Sein Vater lebt als notorischer Betrüger und Hochstapler mal auf großem Fuß, mal für Monate im Knast.

Vieles davon taucht später in seinem Roman "Ein blendender Spion" (1986) auf. "Ich weiß nicht, wie oft der Gerichtsvollzieher kam. Es ist unvorstellbar demütigend für einen Jungen, wenn ihm alles weggenommen wird - sogar die Spielsachen. Ich schämte mich und fühlte mich schmutzig", schreibt er über diese schwierige Zeit, die ihn nachhaltig geprägt hat.

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David Cornwell als Spion der britischen Majestät

Der junge David verlässt vorzeitig die Schule und studiert in der Schweiz Sprachen - die sind für ihn faszinierender als eine normale Schulbildung. Im renommierten Oxford setzt der Hochbegabte sein Studium fort, wird Lehrer am britischen Eton College. Schon in seinem Wehrdienst in der britischen Armee kommt er mit dem Nachrichtendienst in Kontakt. 1958 wird er als Agent angeworben und bleibt bis 1964 in den Diensten von MI5 und später MI6, dem Auslandsgeheimdienst.

Erster Welterfolg mit Agententhriller

Noch während seiner Agententätigkeit kommt er als Zweiter Sekretär der Britischen Botschaft nach Deutschland: Bonn ist damals die Macht- und Regierungszentrale der jungen Bundesrepublik. Hinter den Kulissen des politischen Tagesgeschäftes laufen die Fäden der internationalen Geheimdienste netzartig zusammen - der Stoff für viele hochspannende Romane, die Cornwell später unter dem Pseudonym John le Carré schreiben wird. Nach seinem offiziellen Ausscheiden aus dem Geheimdienst kann er das nur unter einem Künstlernamen tun, den keiner kennt.

Filmstill Der Spion, der aus der Kälte kam (picture-alliance)

Sein größter Erfolg: "Der Spion, der aus der Kälte kam", hier mit Richard Burton in der Hauptrolle als Agent George Smiley

Seinen ersten Roman "Schatten von gestern" (1963) schreibt le Carré  noch in seiner Bonner Zeit. Kurz danach wird er offiziell britischer Vizekonsul in Hamburg - und beginnt sein Doppelleben als Autor und Ex-Agent zu führen. In seinen ersten Büchern führt er auch den MI6-Agenten George Smiley ein, Hauptfigur vieler späterer Romane. Einen Welterfolg, der in viele Sprachen übersetzt und erfolgreich mit Richard Burton in der Hauptrolle verfilmt wird, landet John le Carré mit "Der Spion, der aus der Kälte kam" (1964). Ein Roman, der in die Zeit des Kalten Krieges passt und ihn in die glückliche Lage versetzt, seinen Dienst zu quittieren und sich fortan nur noch dem Schreiben zu widmen.

Einmal Spion, immer Spion

Doch trotz der Distanz des Schriftstellers bleibt le Carré der abenteuerlichen, undurchschaubaren Welt der Geheimdienste treu: "Einmal Spion, immer Spion - das ist vollkommen richtig", sagte er mal lakonisch in einem "Spiegel"-Interview. "Und ich weiß nicht, ob ich ein Schriftsteller bin, der Spion wurde, oder ein Spion, der schließlich Schriftsteller wurde."

John le Carre Verfilmung TINKER TAILOR SOLDIER SPY Alec Guinness (picture-alliance/Mary Evans Picture Library)

Alec Guinness als George Smiley 1979 in der TV-Produktion der BBC "Tinker, Tailor, Soldier, Spy" (deutsch: "Dame, König, As, Spion")

Viele der zahlreichen Bestseller von John le Carré sind auch als Kinofilme oder TV-Serien verfilmt worden. Seine Romanfigur des sensiblen und grüblerischen Agenten Smiley - angeblich sein "Alter Ego" - spielt in der Verfilmung von "Agent in eigener Sache" (1980) der britische Schauspieler Alec Guiness - ein Riesenerfolg beim britischen Fernsehpublikum. Die Neuverfilmung des Romans "Dame, König, As, Spion" brachte Schauspieler Gary Oldman für die Rolle des Smiley sogar 2012 eine Oscarnominierung ein.

"Spionagetätigkeit und Schriftstellerei sind wie füreinander geschaffen", sagt Bestsellerautor Le Carré rückblickend über sein Erfolgsrezept. "Beide erfordern ein waches Auge für menschliche Verfehlungen und die vielen Wege hin zum Verrat". Mit seinen ganz persönlichen Erfahrungen aus der Welt der Geheimdienste hat er das Genre des Agentenromans neu erfunden. Kaum jemand erzählt so realistisch und doch phantastisch, als wäre es erfunden.

Wacher Blick fürs politische Weltgeschehen

Verleihung Goethe-Medaille (dapd)

Immer ein waches Ohr für politische Zwischentöne: John le Carré 2011 im Gespräch mit dem polnischen Journalisten Adam Michnik

Die Romane des 85-Jährigen Briten sind noch heute spannend wie eh und je. Meisterhaft beherrscht er als Autor das Spiel zwischen Spannung, Action und pointierten Dialogen, gewürzt mit einer Prise trockenem britischem Humor. Und er verfolgt mit politischem Instinkt die Schachzüge der Weltmächte, schießt 2005 wortgewaltig gegen die "Blair-Bush-Allianz" - und mischt sich leidenschaftlich ins Weltgeschehen und die US-Präsidentschaftswahlen ein.

Mit weltweiter Publikumsresonanz ist gerade 2016 sein Roman "The Night Manager" (1993) als aktueller TV-Mehrteiler von der BBC verfilmt und auch in Deutschland ausgestrahlt worden. Ein grandioses Kinoerlebnis: Premiere war auf der Großleinwand des Berlinale-Palastes - auch für den erfolgsverwöhnten Autor eine große Ehre.

John le Carré ist auch mit 85 noch drahtig und neugierig auf die politischen Geschehnisse dieser Welt. Und er liebt nach wie vor das Abenteuer: Spaziergänge an den steilen Felsklippen an der Küste von Cornwall zum Beispiel, wo er mit seiner zweiten Frau lebt. Der Welt hat der Schriftsteller und Ex-Spion schon jetzt vieles hinterlassen, was Geschichte geschrieben hat - nicht nur Literaturgeschichte.

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