Der Schriftsteller Wilhelm Genazino ist tot | Bücher | DW | 15.12.2018
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Nachruf

Der Schriftsteller Wilhelm Genazino ist tot

Wilhelm Genazino, Träger des Büchner-Preises und Meister des lakonischen Humors, starb nach kurzer Krankheit im Alter von 75 Jahren.

In diesem Frühjahr erschien sein 21. Roman. Es sollte der letzte sein, dessen Publikation er noch miterlebte. Wie der Hanser Verlag am Donnerstag bekannt gab, ist Wilhelm Genazino am Mittwoch im Alter von 75 Jahren gestorben. 

"Kein Geld, keine Uhr, keine Mütze" behandelt ein Thema, das den mit zig Auszeichnungen Geehrten in immer wieder neuen Variationen beschäftigte: das Scheitern. Vor allem das Scheitern von Männern im fortgeschrittenen Alter, denen das Leben durch die Finger rinnt, oft verzweifelt und komisch zugleich.

Scheitern als Lebensthema

"Ich bin es gewohnt, im Scheitern weiterzumachen. Eine Weile weiß ich nicht, was geschieht und wie ich davonkommen werde, aber ich mache weiter. Und zwar so lange, bis ich plötzlich den Eindruck habe, ich befinde mich inmitten eines neuen, zweiten Anfangs." Das schrieb Genazino noch im September in einem langen Essay für die "Frankfurter Allgemeine Zeitung". "Wie ich ich wurde", um diese Frage kreist die Reflexion, die zugleich eine Selbstvergewisserung und Zwischenbilanz als Schriftsteller war.

Wilhelm Genazino (picture-alliance/dpa/A. Dedert)

Wilhelm Genazino: Nie am Computer, nur an der Schreibmaschine

Was bedeuten Niederlagen in einer "in großem Stil scheiternden Welt", auch wenn sie sich vorteilhaft auf das eigene Leben auswirken können? Was heißt es zu schreiben, wo doch "die Werke der Schriftsteller unaufgefordert entstehen, meistens selbstlos, an niemanden gerichtet"? Wenn die Worte "Triebwesen" sind, die aus einer Art Begehren erwachsen?

Exzentrische Sonderlinge

Genazinos "Ausdruckstrieb", so sein eigenes Wort, hat der Welt virtuos erzählte Romane beschert, die selten länger als 170 Seiten sind. Skurrile Erzählungen von Menschen mit seltsamen Tätigkeiten: In "Ein Regenschirm für diesen Tag" (2001) ist ein Mann philosophierend als "Einläufer" für Luxusschuhe unterwegs. In "Die Liebesblödigkeit" (2005) schlägt sich ein Apokalyptiker mit dem Durcheinander des Liebeslebens und seiner eigenen Beziehungsunfähigkeit herum.

Auch im Roman "Wenn wir Tiere wären" (2011) geht es um einen Mann, der die Kontrolle über sich verliert, erzählt mit "teuflisch guter Lakonie", wie die "Frankfurter Rundschau" bemerkte. Witz und detailreichen Realitätsbezug zeichnen auch Genazinos andere Bücher aus, darunter "Bei Regen im Saal" (2014) und "Außer uns spricht niemand über uns" (2016). Es sind Romane, deren Figuren als verschrobene Einzelgänger mit lässiger Passivität ein richtiges Leben im falschen suchen. "Individualisten wider Willen" nannte der Autor die Anti-Helden seiner Bücher.

Schreiben gegen die Abgründe

Angst war ein großes Thema für Wilhelm Genazino, der, 1943 geboren, in ärmlichen Verhältnissen aufgewachsen war und als Kind noch die Nachkriegszeit im zerbombten Mannheim intensiv erlebt hatte. "Unvergesslich ist meine Nachkriegskindheit; ich stromerte als Sieben- oder Achtjähriger durch Krater, die von Bombenabwürfen übrig geblieben waren", erzählte er in seinem Ich-Findungsbeitrag in der "FAZ".

Genazino arbeitete zunächst als Journalist, unter anderen bei der Satire-Zeitschrift "Pardon". Dann studierte er Germanistik. Er schrieb Hörspiele, bevor er mit seiner Angestellten-Romantrilogie "Abschaffel" (1977), "Die Vernichtung der Sorgen" (1978) und "Falsche Jahre" (1979) bekannt wurde. Seine Werke wurden in viele Sprachen übersetzt.

Wilhelm Genazino erhält den Georg-Büchner-Preis (picture-alliance/dpa/F. May)

2004 erhielt Wilhelm Genazino den Georg-Büchner-Preis

Doch trotz seines enormen Erfolgs, trotz der Auszeichnung im Jahr 2004 mit der bedeutendsten Ehrung für ein literarisches Lebenswerk, die in Deutschland zu vergeben ist, dem Georg-Büchner-Preis, trotz des Heinrich-von-Kleist-Preises 2007 und all der anderen Ehrungen, betrachtete der Schriftsteller seine Identität stets mit skeptischem Blick. Bis ins hohe Alter plagten ihn vor jedem Buch Versagensängste.

Beobachtungen und Reflexionen

"Ich mache einen Versuch, eine Wahrheit zu finden und ihr nahe zu kommen. Ich bin nicht gerne kühn. Genau genommen weiß ich nicht, was ich sagen soll: Deswegen rede ich", erklärte er selbst die Notwendigkeit zu schreiben. Schreiben bedeutete für ihn Leben, und er beobachtete, um zu schreiben. "Ich brauche die Halbdistanz", sagte er einmal. Wenn er unterwegs war, hatte Genazino kleine weiße Zettelchen und einen Bleistift dabei, um Alltagsbeobachtungen zu notieren. Seine Wahrnehmungen übertrug er an der Schreibmaschine in seine eigenwillige Mischung aus Traurigkeit und Komik.

Bei der Laudatio zur Büchner-Preis-Verleihung sagte Literaturkritiker Helmut Böttiger, Genazinos Bücher seien "immer stiller geworden, immer leichter - und immer schwerer zu fassen". Jetzt ist der Meister des grotesken Humors ganz verstummt, ist aus der Zwischen- eine Lebensbilanz geworden.

Seine Romane, Essays, Fotos, Korrespondenzen und ein "Werktagebuch" bleiben im Deutschen Literaturarchiv Marbach für die Nachwelt erhalten. Der Skeptiker Wilhelm Genazino hatte Deutschlands bedeutendster Literaturinstitution sein persönliches Archiv schon 2012 überantwortet.

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