Der Philosoph Jürgen Habermas ist tot
14. März 2026
Seine Stimme zählte, wo immer er sie erhob. Und das war nicht selten. Als weitgereister Mann verkörperte Habermas das Weltwissen, als bekanntester Philosoph sogar so etwas wie eine intellektuelle deutsche Weltmarke: Bereits 2001, als er in der Frankfurter Paulskirche den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels entgegennahm, würdigte ihn die damalige Oberbürgermeisterin Petra Roth für seine "Unermüdlichkeit des Nachdenkens" und für die "Unbestechlichkeit seines Urteils", womit Habermas maßgeblich zu Deutschlands kulturellem Ansehen in der Welt beigetragen habe.
Demokratie als Lebensthema
Wenn Jürgen Habermas sprach, dann ging es zumeist um große gesellschaftliche Fragen. "Das Thema Demokratie durchzog die Habermassche Theorie wie ein roter Faden", bilanzierte vor Jahren der Habermas-Biograph Stefan Müller-Doohm im DW-Gespräch, "Demokratie war das 'Zauberwort' seines Denkens". Ein kapitalistisches Wirtschaftssystem müsse mit demokratischen Mitteln "gezähmt" werden.
Fragen nach dem Zivilisationsbruch
Habermas' Lebensthema Demokratie ging auch auf persönliche Erlebnisse zurück. Am 18. Juni 1929 in Düsseldorf geboren und im rheinländischen Gummersbach aufgewachsen, wurde Habermas zur Nazizeit sozialisiert und im Krieg als Flakhelfer eingezogen. Als das Dritte Reich zusammenbrach, war er noch ein Teenager, doch die Frage nach den Folgen des deutschen Zivilisationsbruchs trieb ihn um: Prägend war die Erfahrung, "1945 festgestellt zu haben, dass man unter einem kriminellen Regime gelebt und es einen Rückfall in die Barbarei gegeben hat", wie er einmal festhielt.
Die Auschwitzprozesse und die "Spiegel"-Affäre machten den - für ihn lediglich militärisch besiegten Nationalsozialismus - wieder gegenwärtig. Die Spiegel-Affäre 1962 war eine politische Affäre in der Bundesrepublik Deutschland, bei der sich Mitarbeiter des Nachrichtenmagazins "Der Spiegel" aufgrund eines Artikels über die Verteidigungsfähigkeit der Bundesrepublik einem Ermittlungsverfahren wegen möglichen Landesverrats ausgesetzt sahen. "Spiegel"-Herausgeber Rudolf Augstein saß mehr als 100 Tage in Untersuchungshaft.
Später, in den 1980er-Jahren, übte er im sogenannten Historikerstreit heftige Kritik an dem Historiker Ernst Nolte, der Parallelen zwischen den nationalsozialistischen und den stalinistischen Verbrechen zog. Habermas sah darin eine Relativierung der - einzigartigen - Grausamkeit des Holocaust.
Theorie der kritischen Gesellschaftsanalys
Nach seinem Studium der Philosophie, Ökonomie und der Deutschen Literatur (1949-1954), arbeitete er zunächst als freier Journalist. Seine Veröffentlichungen weckten das Interesse Theodor W. Adornos - neben Max Horkheimer Begründer der sogenannten "Kritischen Theorie" der Frankfurter Schule. So nannte sich ein Kreis von Intellektuellen um Horkheimer, den Sozialphilosoph und Leiter des Frankfurter "Instituts für Sozialforschung". Im Zentrum ihrer Forschung stand die Frage, wie das aufgeklärte Denken, das den Menschen durch eigene Vernunft die Befreiung von Naturgewalten und Aberglauben brachte, in die Barbarei des Nationalsozialismus hatte umschlagen können.
Adorno holte Habermas an das Frankfurter Institut und erwärmte ihn für seine Theorie der kritischen Gesellschaftsanalyse. Sie zielt, kurz gesagt, auf die Offenlegung ideologischer Grundlagen und Herrschaftsmechanismen. Wegen der Aversionen des Institutsdirektors Horkheimer gegen den jungen, marxistisch denkenden Habermas musste dieser aber in Marburg habilitieren. Zwei Jahre später kehrte Habermas nach Frankfurt zurück - und beerbte Horkheimer als Professor für Philosophie und Soziologie.
Streit mit der Linken
Habermas ging es stets um das große Ganze. Dafür war er bereit zu streiten - und zwar mit der ihm eigenen Mischung aus philosophischer Reflexion und intellektueller Intervention. Seine Schriften besaßen nicht selten politische Sprengkraft, auch wenn seine Studierenden gelegentlich über die schwierigen Texte des Frankfurter Gelehrten stöhnten.
Ende der 1960er-Jahre zählte Frankfurt zu den Hochburgen der Studentenproteste, viele 68er sahen in Habermas ihren geistigen Mentor. Doch als die Bewegung sich radikalisierte, ging Habermas auf Distanz. Seine Schrift "Die Scheinrevolution und ihre Kinder" bescheinigte den Protestierenden linken Faschismus und Aktionismus. Viele Linke in Deutschland reagierten empört.
1971 ging Habermas als Ko-Direktor des neuen Max-Planck-Instituts nach Starnberg bei München Dort veröffentlichte er sein zweibändiges Hauptwerk der "Theorie des kommunikativen Handelns "(1981), entwarf eine Art Handlungsleitfaden für die moderne Gesellschaft. Seiner Theorie zufolge beruhen die normsetzenden Grundlagen einer Gesellschaft auf ihrer Sprache: Erst Sprache als Verständigungsmittel ermögliche soziales Handeln. Wie ist der "zwanglose Zwang des besseren Arguments?", die "ideale Sprechsituation" oder der "herrschaftsfreie Diskurs" in einer Demokratie zu realisieren, so lauten seine zentralen Fragen.
Habermas als Asteroid
Erst 1983 kehrte Jürgen Habermas nach Frankfurt zurück, wo er bis zu seiner Emeritierung 1994 Philosophie lehrte. Doch auch als "Pensionär" griff Habermas in die gesellschaftlichen Debatten Deutschlands ein. So unterstützte er 1999 den umstrittenen NATO-Einsatz im Kosovokrieg: "Wenn es gar nicht anders geht", befand Habermas, "müssen demokratische Nachbarn zur völkerrechtlich legitimierten Nothilfe eilen dürfen."
Als Befürworter der europäischen Integration verwies Habermas immer wieder auf Demokratiedefizite in der EU. Im Zusammenhang mit der "Eurokrise" warnte er vor einem zu rigiden Sparkurs und warb für den Ausbau der Währungsunion zu einer "supernationalen" Demokratie, in der die Nationalstaaten weitere Souveränität abgeben.
Zuletzt zog Habermas eine finstere Bilanz der Weltlage. In seinem 2024 erschienenen Gesprächsbuch "Es musste etwas besser werden ..." kritisiert der Philosoph, angesichts der vielen Krisenherde lasse sich "das Bewusstsein der politischen Eliten im Westen von der Logik des Krieges mehr und mehr vereinnahmen". Der Westen wirke konzeptionslos. So fehle es nach dem völkerrechtswidrigen Angriff Russlands auf die Ukraine an einer "rechtzeitigen Initiative angesichts der Barbarei eines Krieges, dessen festgefahrenes und perspektivloses Andauern der Westen mitverantwortet". Dadurch sei das Schicksal der Ukraine - die "hoffentlich lange genug durchhält" - nun ganz vom Ausgang der (damaligen) amerikanischen Wahl abhängig geworden.
Für sein gesellschaftliches Engagement hat Habermas unzählige Preise und Anerkennungen erhalten. Die Sekundärliteratur zu Habermas' Werken umfasst mehr als 14.000 Bücher und Artikel, darunter viele Doktorarbeiten. Habermas war gewähltes Mitglied wissenschaftlicher Akademien etwa in Russland, den USA und Israel. Sogar ein 1999 entdeckter Asteroid am Rande des Sonnensystems ist nach dem großen Denker aus Deutschland benannt. Nicht nur in der Philosophie, soviel ist sicher, wird sein Stern weiter hell leuchten.