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Glaube

"Lasst uns zusammen gehen!"

2. Juni 2019

In der Diktatur wurden papsttreue Rumänen verfolgt und kamen zu Tode. Nun war das katholische Kirchenoberhaupt in dem Land unterwegs. Franziskus warb dabei für Gemeinsamkeiten. Von Christoph Strack, Blaj.

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Rumänien Papst Franziskus in Blaj
Bild: Reuters/R. Casilli

Um ein Uhr in der Früh ist die Rumänin Gaje Barbula in ihrem Dorf Baita aufgestanden. Die 72-Jährige wollte neun Stunden später unbedingt die Messe mit Papst Franziskus in Blaj mitfeiern. Dabei sprach der Papst sieben Märtyrer selig. Bischöfe der mit Rom vereinigten griechisch-katholischen Kirche Rumäniens, die Ende Oktober 1948 verhaftet wurden und der kommunistischen Diktatur und ihrem Kirchenkampf zum Opfer fielen. "Einer von ihnen", sagt Rentnerin Barbula nachdenklich, "hat mich kurz vorher noch getauft."

Zum Abschluss seines dreitägigen Rumänien-Besuchs ist der Papst im 20.000-Einwohner-Städtchen Blaj zu Gast. Diese letzte Etappe zeigt, wie sehr die gesamte Reise die innerkirchliche Ökumene und Versöhnung im Blick hat. So wie viele seiner Reisen in Europa seit Amtsantritt vor gut sechs Jahren: 2014 war Franziskus beim griechisch-orthodoxen Patriarchen in Istanbul, 2016 in Schweden beim Lutherischen Weltbund in Lund, 2018 beim Weltkirchenrat in Genf.

Gemeinsames

Nun Rumänien: Am Freitag in der Hauptstadt Bukarest führte Franziskus zwar auch politische Gespräche und mahnte die Politik zur Gemeinwohl-Orientierung. Aber zentral war seine Begegnung mit der rumänisch-orthodoxen Kirche. Schon im Präsidentenpalast herzte er Patriarch Daniel, traf ihn Stunden später in dessen Amtssitz erneut. Und betete dann mit ihm gemeinsam in der neuen orthodoxen "nationalen Kathedrale".

Als Franziskus vier Wochen vorher in Bulgarien zu Gast war, erwartete ihn die dortige Orthodoxie mit demonstrativer Kälte. Nun Daniels Herzlichkeit - dabei schildern Gläubige an der Basis Probleme im Miteinander.

Papst-Ankunft in Blaj
Papst-Ankunft in Blaj: Holprige Fahrt statt HubschrauberflugBild: picture-alliance/AP/A. Alexandru


Am Samstag traf Franziskus im Osten Rumäniens, dessen 20 Millionen Einwohner überwiegend der orthodoxen Kirche angehören, zumeist römisch-katholische Christen aus Rumänien und Ungarn. Und wieder bat er sie, alte grenzüberschreitende Konflikte beizulegen und gemeinsam voranzugehen. "Lasst uns zusammen gehen!", lautete denn auch das offizielle Motto der Reise.

Dann der Sonntag, der für die griechisch-katholische Kirche so wichtige Tag. Sie war 1948 von der Diktatur brutal zerschlagen und mit der rumänischen Orthodoxie "vereinigt" worden, in Wirklichkeit war es eine Zwangsvereinigung. Gotteshäuser wurden überschrieben. Bischöfe und Gläubige, die sich widersetzten, kamen ins Gefängnis. Sechs der sieben nun seliggesprochenen Bischöfe starben binnen Monaten oder weniger Jahre. Zum Teil kennt man nicht einmal ihr Grab.

Über die Landstraße

Franziskus fuhr sehr bewusst nach Blaj und nahm dazu - für Hubschrauberflüge war es zu neblig - auch 70 Kilometer schlechter Landstraße in Kauf. Eine holprige Fahrt, die man ihm bei der Messe fast noch ansah. Grund des Aufwands: In Blaj hat das Oberhaupt der rumänischen griechisch-katholischen Kirche seinen Sitz, Kardinal Lucian Muresan (88). Mit ihm feierte der Papst die Messe im byzantinischen Ritus: ostkirchliche Gesänge, getragene Melodien, Ikonen, ungewohnte liturgische Gewänder.

Gaje Barbula
Christin Barbula: "Böse auf den orthodoxen Pfarrer"Bild: DW/C. Strack

Für Gläubige wie Gaje Barbula ein sehr besonderes Fest. Die Kirchenverfolgung prägte ihr Leben. "Ich verbinde Leib und Seele mit meiner Kirche", sagt sie. Als sie einen orthodoxen Christen heiratete, "fand die Trauung in der orthodoxen Kirche statt, die eigentlich eine griechisch-katholische Kirche war".

Heute geht sie zu Gottesdiensten beider Kirchen. Aber sie sei, sagt Barbula, böse auf den orthodoxen Pfarrer, weil der bei Trauer-Gottesdiensten und auf dem Friedhof keine Geistlichen anderer Konfession zulasse. "Eher lasse ich mich, wenn ich dann mal im Sarg liege, von einem griechisch-katholischen Priester auf meinem Hof beerdigen als vom orthodoxen Popen auf dem Friedhof."

Da schwärt noch die Wunde des Kirchenkampfes. Dabei ist Rumänien heute meist geprägt vom religiösen Miteinander, wie Franziskus jeden Tag neu betonte. An jeder Station seiner Reise nahm Staatspräsident Klaus Iohannis an den Messen teil. Er ist selbst Lutheraner, beim Gang durch die Menge begleitete ihn Applaus.

Rumäniens Präsident Klaus Iohannis vor Papst-Messe in Blaj
Papst-Begleiter Iohannis: Von der Orthodoxie sah man niemandenBild: AFP/A. Solaro

Auch der rumänische Oberrabbiner und der Mufti des Landes waren zu Gast und umarmten einander zur Begrüßung. Nur von der Orthodoxie sah man hier niemanden. Franziskus lobte "die Einheit eures Volkes, das sich in der Vielfalt der Religionen verwirklicht". Diese Vielfalt bereichere und kennzeichne die nationale Identität Rumäniens.

Vergebungsbitte an Roma

Die Rumänen aller Bekenntnisse rief er auf, "Hass und Zwietracht" hinter sich zu lassen und auf die Menschen am Rande, die Armen und Ausgegrenzten zuzugehen. Christen sollten sich in ihre Gesellschaft einbringen. Auch das blieb ein Grundton dieser drei Tage.

Demonstrativ passte dazu der Schlusspunkt der Reise in Blaj. Franziskus traf hunderte Roma und bekannte Schuld von Christen, auch Katholiken gegenüber dieser Minderheit. "Im Namen der Kirche" bitte er um Vergebung dafür, "wenn wir euch im Laufe der Geschichte diskriminiert, misshandelt oder falsch angeschaut haben".