Der Missbrauchsskandal treibt die Bischöfe weiter vor sich her | Aktuell Deutschland | DW | 11.03.2019
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Katholische Kirche

Der Missbrauchsskandal treibt die Bischöfe weiter vor sich her

Bei ihrem Frühjahrstreffen stehen die katholischen Oberhirten mächtig unter Druck. In und außerhalb der Kirche verstärken sich die Forderungen nach grundlegenden Reformen. Selbst die Frauengemeinschaft macht mobil.

Gut zwei Wochen nach dem  internationalen Gipfeltreffen der katholischen Kirche im Vatikan beschäftigen sich die deutschen Bischöfe erneut mit dem Missbrauchsskandal. Die Frühjahrs-Vollversammlung der Deutschen Bischofskonferenz im emsländischen Lingen dauert insgesamt vier Tage. Kirchenkritiker und Laienverbände haben die Spitzen der 27 Diözesen immer wieder zu strukturellen Reformen in der Kirche als Konsequenz aus den zahlreichen Missbrauchsfällen aufgefordert.

Schweigemarsch der katholischen Frauen

Die Katholische Frauengemeinschaft Deutschlands (KFD) plant am Abend einen Schweigemarsch im Anschluss an den traditionellen Eröffnungsgottesdienst der Bischofskonferenz. Demnach sollen dem Gastgeber, dem Osnabrücker Bischof Franz-Josef Bode, auch Postkarten und Listen mit insgesamt 30.000 Unterschriften samt Forderungen für die Erneuerung der Kirche überreicht werden.

Sexueller Missbrauch durch Geistliche wurde in der Vergangenheit in vielerlei Hinsicht kleingeredet oder vertuscht - nicht nur, aber auch in Deutschland. In einer von der Deutschen Bischofskonferenz in Auftrag gegebenen und im vergangenen Jahr veröffentlichten Studie waren zahlreiche Missbrauchsfälle dokumentiert worden. Außerdem war aus der unabhängigen Untersuchung hervorgegangen, dass in einigen deutschen Diözesen Akten "mit Bezug auf sexuellen Missbrauch Minderjähriger in früherer Zeit vernichtet worden waren".

 Thomas Sternberg, Präsident des Zentralkomitees deutscher Katholiken (Foto: DW)

Thomas Sternberg: "Es ist Zeit für wirkliche durchdringende Reformen"

Der Präsident des Zentralkomitees deutscher Katholiken (ZdK), Thomas Sternberg, erwartet angesichts der Missbrauchsfälle in der Kirche grundlegende Reformen. "Es ist Zeit für wirkliche durchdringende Reformen. Und diese Zeit ist jetzt", sagte er im ZDF. Es müsse eine Reaktion auf die "große Glaubwürdigkeitskrise" geben. Nach Auffassung Sternbergs sind nun auch Veränderungen in der Verwaltung und eine kirchliche Strafgerichtsbarkeit nötig, wie sie in Lingen erörtert werden sollen. Auch müsse über die kirchliche Sexualmoral, den Umgang mit Homosexualität und die Zukunft des Zölibats gesprochen werden. Sternberg sprach sich dafür aus, dass auch verheiratete Männer zu Priestern geweiht werden können.
 

Matthias Katsch (Foto: Imago/J. Heinrich)

Matthias Katsch: "Es braucht klare Schritte hin zu einer unabhängigen Aufarbeitung"

Der Vorsitzende des Betroffenen-Netzwerks "Eckiger Tisch", Matthias Katsch, forderte konkrete Taten von der katholischen Kirche: "Es braucht klare Schritte hin zu einer unabhängigen Aufarbeitung in den Bistümern und einer angemessenen Entschädigung für die Opfer", heißt es in einer Mitteilung des Netzwerks. Betroffene müssten an der Aufarbeitung und an Prävention mit ihren Erfahrungen beteiligt werden, verlangte Katsch. Kommissionen, die mit Unterstützung des Staates eingesetzt würden, müssten unabhängig die "Vergangenheit" untersuchen. Außerdem sei eine Bereitschaft zu Gesprächen über eine "angemessene Entschädigungslösung" für die Opfer nötig.

Betroffenen-Vertreter bei den Vereinten Nationen

Katsch bedauerte erneut, dass das Netzwerk nicht zum Bischofstreffen eingeladen sei. Er werde stattdessen am Dienstag mit den Vereinten Nationen über sexuellen Missbrauch in der katholischen Kirche sprechen. Auch wolle er in New York dafür werben, den Heiligen Stuhl, "der bei der UN einen Beobachterstatus hat und auch als Unterzeichner an der UN-Kinderschutzkonvention teilnimmt, zu verpflichten, weltweite Standards zum Schutz von Kindern und Jugendlichen in seiner Verantwortung einzuhalten", sagte Katsch der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA).

Hans Leyendecker (Foto: picture-alliance/dpa/M. Gambarini)

Hans Leyerdecker: "Wir spüren, dass der Mühlstein immer schwerer wird"

Der Präsident des Deutschen Evangelischen Kirchentags (DEKT), Hans Leyendecker, kritisierte den Stand der Missbrauchsaufklärung der katholischen Kirche. Die "immer noch nicht erfolgte Öffnung der Archive oder die mangelnde Zusammenarbeit mit der Staatsanwaltschaft sind mir schleierhaft", sagte Leyendecker dem "Kölner Stadt-Anzeiger". Der Journalist sagte zu der Lage beider Kirchen unter dem Eindruck der Missbrauchskrise: "Wir spüren, dass der Mühlstein immer schwerer wird." Wenn sich nichts ändere, "verstärkt das nur die Wahrnehmung, dass die Kirche zu nichts Gutem mehr taugt". Missbrauch sei nicht allein ein katholisches Problem, sagte der DEKT-Präsident. Im Juni werde sich auch der Evangelische Kirchentag in Dortmund dem Thema stellen.

sti/djo (afp, dpa, epd, kna)

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