Der Karpaten-Bär ist los: Eine Bedrohung? | Europa | DW | 02.10.2018
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Rumänien

Der Karpaten-Bär ist los: Eine Bedrohung?

In Rumänien häufen sich Angriffe von Bären auf Menschen - behaupten Politiker und Medien. Jäger fordern eine höhere Abschussquote. Doch die Ursachen des Ärgers zwischen Bär und Mensch sind vor allem hausgemacht.

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In Rumänien ist der Bär los

"Schäfer von Bär gebissen", "Neuer schlimmer Bärenangriff", "Bärenmutter und zwei Junge spazieren jeden Tag durch den Ort" - derartige Schlagzeilen sind seit Monaten in Facebook-Posts rumänischer Lokalpolitiker und in rumänischen Medien zu lesen. Die Zahl der Angriffe von Bären auf Menschen steige sprunghaft an, lautet der Tenor vieler Berichte. Auch Landwirte schlagen Alarm - ihre Felder werden von Bären heimgesucht und immer wieder machen sie auch Jagd auf das Vieh.

Glaubt man den Darstellungen, dann erlebt Rumänien derzeit eine dramatische Bärenplage. Dabei hat das Land genau in diesem Punkt bisher eigentlich ein positives Image: Unberührte Natur und intaktes Wildtierleben sind das Thema vieler Berichte in ausländischen Medien. Was hat es nun mit der Bärenplage auf sich? Und wie akut ist das Problem der Bärenangriffe auf Menschen?

Es gibt viele Bären in Rumänien - aber wie viele?

In den rumänischen Karpaten lebt eine der größten Bärenpopulation Europas außerhalb Russlands. Nach neuesten Schätzungen des Umweltministeriums sollen es zwischen 6.000 und 6.600 Exemplare sein. Doch ein verlässlicher Wildtier-Zensus existiert nicht. Es könnten auch deutlich weniger sein, geben manche Biologen und Wildtierhüter zu bedenken, denn zu viele Exemplare würden doppelt gezählt, die Wanderung von Bären werde nicht berücksichtigt.

Seit vielen Jahren berichten rumänische Medien periodisch von Bärenangriffen auf Menschen. Bekannt ist seit über zwei Jahrzehnten ebenso, dass Bären sich daran gewöhnt haben, an Müllplätzen mancher Stadtrandgebiete nach Futter zu suchen, etwa im siebenbürgischen Kronstadt. Doch verlässliche Statistiken zu Bärenangriffen oder zu unerwünschten Begegnungen von Bären und Menschen gibt es nicht.

Rumänien - Hirte mit seiner Schafherde (DW)

Schäfer-Idyll mit Hund - immer in der Nähe, der Braunbär

Viele Jahre lang waren Bärenangriffe auf Menschen in Rumänien ein Medienthema, das meistens am nächsten Tag vergessen war. Die derzeitige Daueraufregung um die Bärenplage begann Ende 2016, als die damalige Umweltministerin Cristina Pasca Palmer ein vorläufiges Verbot der Bärenjagd verkündete. Der Grund: Um die jährliche vom Ministerium genehmigte Abschussquote von rund 500 Tieren erhalten zu können, sollen Jagdverbände die Anzahl der Bären systematisch zu hoch angegeben haben. Dagegen hatten rumänische Naturschützer und Bürgeraktivisten protestiert - und im Umweltministerium das besagte Moratorium bewirkt. Jagdverbände warfen der Ministerin und Umweltschützern daraufhin vor, ein Jagdverbot würde eine zu starke Vermehrung der Bären zur Folge haben, Angriffe auf Menschen seien daher vorprogrammiert. Inzwischen sehen sich Rumäniens Jäger bestätigt.

Kasse machen mit Jagdevents

Der Konflikt zwischen Umweltschützern und Jägern schwelt in Rumänien schon länger. Dabei haben Letztere das eindeutig schlechtere Image. Jagd ist in den Augen eines Großteils der rumänischen Öffentlichkeit ein Symbol von intransparenter Macht, Korruption und Filz. Bärenjagd war schon unter der Ceausescu-Diktatur ein Funktionärsprivileg, heute sind viele hochrangige Politiker und reiche Unternehmer Jäger. Ihnen wird nachgesagt, dass sie ihre Geschäfte auf exklusiven Jagdevents machen wie etwa bei der jährlichen Jagd des Milliardärs Ion Tiriac im westrumänischen Balc. Zu der ist jedes Jahr die Creme der rumänischen Politik und Wirtschaft eingeladen, außerdem kommen einflussreiche Geschäftsleute aus dem Westen, beispielsweise Klaus Mangold, der langjährige Vorsitzende des Ostausschusses der deutschen Wirtschaft.

Zugleich ist die Bärenjagd für die zuständigen Behörden und Jagdverbände ein lukratives Geschäft: Jäger blättern leicht Tausende Euro für eine Bärentrophäe hin, diejenigen aus dem westlichen Ausland gehören zu den am besten zahlenden Touristen überhaupt.

Rumänien - Hirte mit seiner Schafherde (DW)

Keine Herausforderung für Bären: Holzgatterverschlag für Ziegen und Schafe

Naturschutzverbände wie der World Wildlife Fund (WWF) bestreiten jedoch, dass sie es auf die Jäger abgesehen haben. Vielmehr gehe es insgesamt um eine schlechte Umweltpolitik, so der WWF in seinen Stellungnahmen. Der Konflikt zwischen Bär und Mensch sei ein Symptom dafür. Denn infolge mangelnden Umweltschutzes schrumpfe der Lebensraum der Bären immer mehr.

Mit der Motorsäge ins Reich der Bären

So sieht es auch der Naturliebhaber und Geschäftsmann János Szín, der nahe dem siebenbürgischen Ort Baile Tusnad ökotouristische Bärenbeobachtungen anbietet. "Der Holzeinschlag hat stark zugenommen, überall erklingt das Geräusch der Motorsäge, die Leute fahren mit Jeeps, Quads, Crossmotorrädern, Mountainbikes und Motorschlitten durch den Wald, außerdem werden viele Waldfrüchte und Pilze gesammelt", sagt Szín. "Es ist einfach so: Überall im Wald sind Menschen. Und sie stören den Lebensraum des Bären."

Im Umweltministerium in Bukarest hält man sich mit Kommentaren zu solchen Aussagen zurück. Seit Anfang 2017 leitet mit Gratiela Gavrilescu eine neue Ministerin das Ressort, ihre Politik ist eine andere als die ihrer Vorgängerin. Im April dieses Jahres legte das Ministerium einen "Aktionsplan zur Konservierung des Braunbären in Rumänien" vor. Darin heißt es, die optimale Größe der Bärenpopulation in Rumänien betrage 4.000 Exemplare, das Instrument für ein Management der optimalen Bärenpopulation sei die Jagd. Umweltschützer beschuldigten daraufhin das Ministerium, der Aktionsplan sei ein Freibrief für den Abschuss von mehr als 2.000 Bären, das Ministerium mache sich somit zum Handlanger der Jägerlobby. Seitdem steht eine Grundsatzentscheidung über die Zukunft der Bärenjagd aus.

János Szín kommentiert die Situation so: "Ich bin weder Grüner noch Jäger, aber fest steht, dass wir heute viel stärker in den Lebensraum der Bären eindringen als vor 20 oder 25 Jahren. Natürlich trifft der Mensch deshalb viel öfter auf Bären als früher. Aber daraus folgt nicht, dass es mehr oder zu viele Bären gibt."

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