Der Kampf um die Wahrheit | Deutschland evangelisch-katholisch | DW | 23.01.2021
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Deutschland evangelisch-katholisch

Der Kampf um die Wahrheit

Was ist Wahrheit? Diese Frage, die Pilatus im berühmtesten Prozess der Weltgeschichte an Jesus richtete, ist heute – siehe (nicht nur) USA! - genauso brisant wie vor 2000 Jahren.

In diesen Tagen hat ein neuer amerikanischer Präsident sein Amt angetreten: Joe Biden. Der 78-jährige Demokrat, ein überaus erfahrener, bodenständiger Vollblut-Politiker und überzeugter Katholik, steht vor einer Herkulesaufgabe: Er muss ein total zerrissenes, polarisiertes Land einen und die tiefe Spaltung der Bevölkerung überwinden. Bei den Wahlen Anfang November hat sich gezeigt: Die Wahl Donald Trumps im Jahr 2016 war kein Versehen, kein Betriebsunfall. Seinen über 70 Millionen Anhängern und Wählern, unter ihnen übrigens auch viele überzeugte Christen, sind sein Narzissmus, seine Skrupellosigkeit, seine Verlogenheit und seine Verachtung von Minderheiten („loser“) entweder egal, oder sie lieben ihn sogar dafür. Bestätigt hat sich damit auf krasse Weise, dass viele Menschen nur das glauben und sehen, was sie glauben und sehen wollen. Alles andere blenden sie aus und leben in ihrer eigenen Welt. Das Beängstigendste ist, dass – wie die Ereignisse nach der Wahl noch einmal drastisch vor Augen geführt haben - selbst eine Einigung auf unumstößliche Fakten nicht mehr möglich ist und die Wahrheit selbst in Zweifel gezogen wird. Die Menschen in den USA – und längst nicht nur dort – leben in Parallelwelten. Die einen betrachten die Corona-Pandemie als große Gefahr, die anderen ignorieren sie. Für die einen sind die Präsidentschaftswahlen frei, fair und sicher verlaufen, die anderen unterstellen der Gegenseite ohne jeden stichhaltigen Beweis Wahlbetrug in großem Stil, was am Ende sogar zu putschartigen Exzessen wie jüngst beim Sturm auf das Kapitol in Washington geführt hat.

Fakten werden aber heutzutage nicht nur von Trump, sondern auch von vielen anderen Populisten weltweit zur freien Manövriermasse erklärt, mit der man „kreativ“ umgehen kann. Wahrheit wird auf den Kopf gestellt, verdreht, zurechtgebogen, bis am Ende niemand mehr weiß, was wahr und falsch ist, und jeder sich die „Wahrheit“ aussuchen kann, die ihm passt. Eine solche Entwicklung aber höhlt die Grundlagen des menschlichen Zusammenlebens aus. Mehrere Wahlen und vor allem die Brexit-Kampagne im Vereinigten Königreich haben gezeigt, dass sich auch in Europa viel zu viele Menschen von der Lüge und hohlen, unhaltbaren Versprechungen verführen lassen, weil sie nur noch das zur Kenntnis nehmen, was sie zur Kenntnis nehmen wollen.  

Doch seien wir ehrlich: Dieselben oder ähnliche Verhaltensweisen, wie sie in der „großen Politik“ an den Tag gelegt werden, begegnen uns immer öfter auch im privaten Umgang mit anderen Menschen. Wer will heutzutage noch an etwas schuld sein, wirklich die Verantwortung für etwas übernehmen und dafür geradestehen? Dann doch lieber mit allen Mitteln der Finesse und des trickreichen Verdrehens der Wahrheit die Dinge auf den Kopf stellen und so zurechtbiegen, dass am Ende niemand mehr weiß, was wahr oder falsch ist.   

Was aber haben wir als Christen solch „postfaktischem Verhalten“ entgegenzusetzen? Die Bibel ist da eindeutig. „Eure Rede aber sei: Ja, ja! Nein, nein!“, fordert Jesus klar und unmissverständlich (Matthäus 5,37). Und wenn er von sich selbst sagt: „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben“, so ist für den überzeugten Christen klar, dass er an ihm, seinem Verhalten und der Wahrheit, die er in Person verkörpert, Maß nehmen muss: ein hoher Anspruch. Denn selbst in höchster Not ruft Jesus nicht etwa zum Aufstand und zur Gewalt auf, sondern bleibt auch im Prozess vor Pilatus seiner Linie der Sanftmut und Friedfertigkeit treu.

Letztlich ist bei allem zu beachten: Der gesellschaftliche und menschliche Zusammenhalt beruht auf der Wahrheit und nicht auf der Lüge und der Verdrehung von Tatsachen. Wir alle sind herausgefordert, auf die eingangs zitierte Frage des Pilatus „Was ist Wahrheit?“ die richtige Antwort zu geben und die Tugend der Wahrhaftigkeit zu üben. 

Was bedeutet das für die Amtszeit von Joe Biden, die gerade begonnen hat? Wenn es dem Hoffnungsträger und Versöhner schon gelingen würde, die US-Bevölkerung auf dieselben unbezweifelbaren Fakten zu verpflichten und ihr Vertrauen darin zu stärken, wäre schon sehr viel gewonnen. Der Kampf für die Wahrheit ist noch lang und dornenreich, aber er lohnt sich.

 

Gerd Felder, Dipl. theol., geboren 1957 in Jülich und aufgewachsen in Aachen, arbeitet als Freier Journalist und Buchautor in Münster/Westfalen. Felder hat außerdem zahlreiche Schulprojekte zu gesellschaftlich relevanten Themen wie etwa zu Flucht, Migration und Integration oder zu Sterben und Tod betreut.