Der Instagram-Moment | Spurensuche | DW | 09.05.2019
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Spurensuche

Der Instagram-Moment

Überall werden Fotos gepostet, die unvergessliche Momente zeigen. Aber tun sie das wirklich?

Das Tor in eine schöne Welt

Eine Meerjungfrau sitzt auf ihrem Felsen und blickt versonnen aufs Wasser. Ich habe ein Bild von dieser berühmten Skulptur in Kopenhagen geschossen. Ruhig und sehr romantisch sieht es aus. Aber ich habe für dieses Foto eine knappe Viertelstunde geduldig angestanden, bis jeder Tourist genau dieses Motiv (mal mit, mal ohne sich selbst als Selfie im Vordergrund) geknipst hat. Sehr unromantisch, aber es war das Warten wert.

Die Instagram-App ist das Tor in eine schöne Welt, auf der massenweise solcher Fotos gepostet werden. In der morgendlichen U-Bahnhaltestelle öffnen Berufspendler sie zur Zerstreuung, bevor ein Tagwerk im Betrieb beginnt, um sich damit ein bisschen weg zu träumen. Und dann erscheinen Bilder wie beispielsweise unter dem Hashtag #liveauthentic, die alles sind, aber nicht authentisch. So viele schönste Momente, malerische Sonnenauf- oder Untergänge - alle sind inszeniert. Von halbprofessionellen Instagrammern eigens für die Plattform aufgenommen. Bilder, die so tun, als bildeten sie „den schönsten Moment“ ab. Werbeästhetik statt Urlaubsfoto. Austauschbar statt individuell.

Youtube, Facebok, Instagram - jedes der sozialen Medien hat seinen Schwerpunkt. Bei Instagram geht es um schöne Fotos. Gut inszenierte Wow-Bilder. Tolles Sonnenlicht, das in orangen Farben Berge, Fassaden oder Gesichter beleuchtet. Gelb-blaue Farbkontraste sprechen Betrachter besonders an. Blaues Wasser vorne, gelb leuchtende Sonne hinten. Und - als Krone der Inszenierung - eine Person, die sich das alles entspannt ansieht. Das Bild mit einem Hashtag versehen und auf Instagram gepostet ordnet sich in eine Flut von Bildern ein, die nach ähnlichen Kriterien fotografiert sind.

„Verweile doch, du bist so schön!“

Dass dieses Festhalten, Verewigen, Bannen nicht funktioniert, wissen Menschen seit Jahrtausenden. Auch in der Bibel gibt es quasi den Instagram-Moment: Das Licht passt, es strahlt hell, der Aufstieg auf den Berg ist geschafft - und Jesus wird vor den Augen seiner Jünger „verklärt“. Sein Gesicht und sein Gewand leuchten weiß und die verstorbenen Propheten Mose und Elia kommen zu Jesus und sprechen mit ihm. So beschreibt es die Bibel. Ein unvergesslicher Moment. Die Jünger wollen, um daran zu erinnern, Hütten bauen. Damit für alle Zeit Menschen sehen: Hier ist irgendein besonderer Ort, an dem mal ein besonderer Moment stattgefunden haben muss. Also gewissermaßen das #liveauthentic-Bild auf Insta. Aber Jesus lehnt es ab. Er bittet seine Jünger sogar: „Erzählt es niemandem“.

Denn es ist klar: Der Moment lässt sich nicht im Bild festhalten. Das Besondere des Augenblicks, der Zauber, verfliegt. Deswegen sind viele Bilder, die wir auf sozialen Medien von den Urlauben anderer Menschen sehen, für uns Betrachtende eben nicht beeindruckend. Eher banal. Schön, da im Süden scheint die Sonne, der Strand sieht wirklich aus – wie... wie Strand eben. Und diese Berge, ja, wirklich hoch. Aber insgesamt… gleich wieder vergessen, die unvergesslichen Bilder. Denn wir wissen: Selbst nach dem erhebendsten Moment geht es auch ganz irdisch weiter. Am schönen Strand tritt man in eine Qualle und auf den Bergen in den Kot einer Ziege. Oder umgekehrt. Der Augenblick verweilt eben nicht, und das ist auch gut so. Denn dann ist das Leben zu Ende, wie es Goethe in Faust schreibt:

„Werd ich zum Augenblicke sagen:
Verweile doch! Du bist so schön!
Dann magst du mich in Fesseln schlagen,
Dann will ich gern zugrunde gehn!“

Deswegen bin ich auf die Instagram-Momente, die mir aufs Handy gespült werden, gar nicht so besonders neidisch. Wirklich authentische Bilder von Leuten, die ich kenne, die zeigen: Es geht ihnen gut. Die mag ich lieber. Und die wirklich schönen Momente werden ohnehin meist nicht fotografiert.

 

Mehr zum Thema:
https://netzpolitik.org/2019/instagram-und-die-banalitaet-der-perfekten-inszenierung/

 

Zum Autor:

Björn Raddatz wurde 1970 als Pfarrerskind geboren und studierte in Mainz und Bonn evangelische Theologie. Er arbeitet inzwischen als Internet-Redakteur bei einem TV-Sender.