Der globale Sandhunger | Welt | DW | 12.08.2018
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Rohstoffe

Der globale Sandhunger

Mehr Städte, mehr Häuser, mehr Straßen: Für all diese Projekte brauchen wir vor allem eines - Sand. Wo er überall abgebaut wird und welche Bedeutung der Rohstoff für die Wirtschaft hat, erklärt ein Wirtschaftsgeologe.

Architektur Baustelle in Singapur (picture-alliance/dpa/H. H. Young)

In Singapur wird immer weiter gebaut - mit wertvollem Sand

Der feine Sand kitzelt zwischen den Zehen, sanft streicheln die Wellen auf den Strand. Ein Urlaubstraum, den viele Menschen im Sommer genießen wollen. Doch dieses Idyll ist nicht mehr selbstverständlich, egal ob auf Sylt, Sardinien, Sansibar oder vor Singapur. Unsere Küsten nehmen nämlich überall auf der Welt immer mehr Schaden. Grund dafür ist der globale Sandhunger.

Zum einen brauchen wir auf der ganzen Welt immer mehr Sand, um Häuser und Straßen zu bauen. "Bausand ist ein wichtiger Rohstoff", erklärt Wirtschaftsgeologe Harald Elsner von der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR) in Hannover. Die BGR setzt sich für eine nachhaltige Nutzung von natürlichen Rohstoffen ein und berät in diesem Themenfeld die Bundesregierung. "Transportbeton, Betonwerksteine, Füllmaterial, Ziegel, Asphalt, Zement - überall ist Sand drin." Vertreter des Umweltprogramms der Vereinten Nationen (UNEP) schätzen den weltweiten jährlichen Verbrauch von Sand und Kies auf mehr als 40 Milliarden Tonnen.

Industrie braucht Quarzsand

Wichtig ist außerdem Quarzsand. Mit ihm arbeitet die Glas-, Kunststoff- oder auch die chemische Industrie, "also für alle höherwertigen Zwecke, die vor allem in Industrieländern gebraucht werden", so Elsner. Wofür Quarzsand entgegen einiger Berichte nicht benutzt wird, ist die Produktion von Solarzellen oder anderer Elektronik. Das dafür nötige Silizium wird stattdessen aus Quarzkies gewonnen, wie Harald Elsner erklärt.

Trotzdem: "Sand ist unverzichtbar", betont der Geologe die Bedeutung des Rohstoffes. Allein in Deutschland werden jedes Jahr rund 100 Millionen Tonnen Sand abgebaut. Bei guter Baukonjunktur kann es auch durchaus mehr werden, so Elsner. "Wir können uns glücklich schätzen, dass wir so viele Sandquellen haben." In der Bundesrepublik gibt es nämlich genügend Vorkommen, um den Bedarf im Land zu decken. Dank der teilweise bis zur Eiszeit zurückverfolgbaren Sandquellen müssen wir diesen Rohstoff nicht importieren - was nicht nur teuer, sondern auch schlecht für die Umwelt wäre.

Unendliche Vorräte?

Wie lange aber reichen unsere Sandquellen? "Bis jetzt hat es noch keiner geschafft, das seriös auszurechnen", sagt Elsner. Geologisch gesehen müsste der Vorrat aber noch für mehrere tausend Jahre reichen. Jedoch kommen wir wegen unserer bereits bebauten Flächen nicht an jede Quelle heran. Doch auch die zugänglichen Vorkommen müssten laut Elsner für viele Jahrzehnte, wenn nicht Jahrhunderte ausreichen.

Deutschland Wohnungsbau in Hamburg (picture alliance / dpa)

In Deutschland wird viel gebaut - wie hier in Hamburg

Diese Erkenntnis freut besonders die Bauindustrie, die massiv von Sand und Kies abhängig ist. So gibt es Schätzungen, dass die deutsche Wirtschaft innerhalb einer Woche zum Erliegen kommen würde, sollte die Bauindustrie keinen Sand und keinen Kies mehr produzieren. 2016 wurden immerhin Sand und Kies im Wert von 1,6 Milliarden Euro verkauft, so Elsner. Nicht mit eingerechnet sind die zehn Millionen Tonnen Quarzsand mit einem Wert von 212 Millionen Euro - und die daraus entstehenden Produkte.

China ist größter Sandverbraucher

Um unseren gewohnten Lebensstandard in modernen Häusern und auf guten Straßen zu halten, spielt Sand also eine nicht zu unterschätzende Rolle. Ähnlich ist es in anderen Teilen der Welt: Überall bauen die Menschen - höher, weiter, besser. "Wir gehen davon aus, dass China mit ganz großem Abstand am meisten Sand verbraucht", schätzt der BGR-Experte. Danach schließen sich die großen Industrieländer und Städte an: USA, Taiwan, Hongkong, Singapur - und in Europa vor allem Deutschland.

In vielen Ländern ist es aber gar nicht so einfach, an den benötigten Bausand zu kommen: So ist Wüstensand zum Beispiel zum Bauen nicht geeignet. Die Körner sind zu rund geschliffen, sodass sie keinen Halt bieten. Zwei Unternehmer aus Thüringen haben zwar eine Methode entwickelt, um aus Wüstensand Polymerbeton herzustellen, der dann für den Häuserbau genutzt werden kann. Massentauglich ist das aber bisher noch nicht.

Den Arabern Sand verkaufen

So importieren selbst Städte wie Dubai oder Abu-Dhabi jährlich tausende Tonnen Sand, um ihre Bauprojekte zu verwirklichen - auch wenn sie von Sand umgeben sind. Der wertvolle Bausand wird dann teilweise aus dem fernen Australien per Schiff eingekauft. Um den Bauhunger in Singapur zu stillen und überhaupt genügend Landmasse für die Wolkenkratzer vorzuhalten, importiert der Inselstaat Sand zum Beispiel aus Anrainerstaaten. Bisherige Leidtragende waren vor allem indonesische Inseln. Von ihnen sind bereits mehr als 20 verschwunden. 2007 reichte es der indonesischen Regierung jedoch: Sie stellte die Sandlieferungen an Singapur ein. Dem Wachstum des Stadtstaats tat dies aber keinen Abbruch. Ähnliches gilt übrigens für afrikanische Küsten: In Sansibar schwinden paradiesische Strände, damit genügend Sand für Bauprojekte auf dem Festland vorhanden ist.

Teurer Lebensraum

Deutsche Strände sind von diesem Sandraub bisher nicht betroffen. Sie trifft allerdings ein anderer Aspekt des Sandhungers: Sand ist nämlich nicht nur Baurohstoff, sondern bietet auch Lebensraum. Doch der ist jedes Jahr aufs Neue bedroht. So leiden zum Beispiel deutsche Inseln wie Sylt unter winterlichen Stürmen. Nach einem windigen Wochenende können an der Westküste der Insel bis zu 100.000 Kubikmeter Sand fehlen - das entspricht ungefähr 725 Beachvolleyball-Feldern.

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Landgewinnung: Auf Sand gebaut?

Um die Insel vor den Gewalten der Natur zu schützen, wird jedes Jahr nach der Sturmflutsaison rund eine Million Kubikmeter Sand vom Meeresboden vor der Küste an den Strand gepumpt. Das Inselmarketing selbst nennt dieses Hin und Her "skurril". Aber: Die Methode funktioniert. Seit rund 40 Jahren schützen die Sylter so ihre Insel vor dem Landraub des Meeres. "Das ist eine Kostenfrage", sagt Harald Elsner, der sicher ist, dass heute ohne diese Maßnahmen nur noch ein kleiner Teil der Insel übrig wäre. In Sylt ist der Grund und Boden aber so wertvoll, dass sich dieser Aufwand lohnt – im Gegensatz zu den Inseln in Indonesien, die nicht vor dem anhaltenden Sandhunger geschützt wurden.

Wertvolle Körner

Im Vergleich dazu ist in Italien jedes einzelne Körnchen wertvoll. Jedes Jahr nehmen Touristen tonnenweise Sand, Steine und Muscheln als Souvenir von der Insel Sardinien mit nach Hause. Das ist allerdings per Gesetz verboten - abgesehen von dem langfristigen Schaden für die Umwelt kann es Touristen bis zu 3000 Euro kosten, mit Sand im Koffer erwischt zu werden. "Lassen Sie den Sand also bitte da, wo er hingehört", hieß es zuletzt in einem Aufruf der Deutschen Botschaft in Rom.

Trotz all dieser globalen Entwicklungen beschwichtigt Sand-Experte Harald Elsner. Sand ist zwar prinzipiell ein endlicher Rohstoff, aber: "Panikmache bei Sand in Deutschland ist nicht angebracht. Eine Beobachtung des weltweiten Sandmarktes ist aber durchaus von Interesse."

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