Der Fall Priebke | Geschichte | DW | 17.10.2013
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Geschichte

Der Fall Priebke

Einer der letzten prominenten Nazi-Kriegsverbrecher ist tot. Der Fall Erich Priebke steht für die schleppende Verfolgung von NS-Tätern. Doch nun ist eine Debatte um seinen Leichnam entbrannt.

Erich Priebke lebte jahrzehntelang unbehelligt unter seinem richtigen Namen in Argentinien. Erst 1998 wurde er in Italien zu lebenslanger Haft verurteilt. In den letzten 14 Jahren stand er in Rom unter Hausarrest. Vor Kurzem besuchte ihn ein Reporter der SZ-Magazins. Am Klingelschild hatte Priebke, so berichtet der Reporter, einen Zettel angebracht mit den Worten "Vae Victis" – Wehe den Besiegten. An der Wand hing ein Porträt des umstrittenen NS-Feldmarschalls Erich Rommel. Reue oder Gewissensbisse kannte Priebke nicht.

Massaker in den Adreatinischen Höhlen

Auch die Angehörigen seiner Opfer hörten nie ein Wort der Entschuldigung. Dabei war er mitverantwortlich für eines der grausamsten deutschen Kriegsverbrechen auf italinischem Boden: das Massaker in den Ardeatinischen Höhlen. Am 24. März 1944 ermordete die SS in dem Steinbruch im Süden von Rom 335 Männer - der jüngste war erst 15 Jahre alt.

Kränze erinnern vor den Adreatinischen Höhlen bei Rom an das Massaker vom 24. März 1944 (Foto: picture-alliance/dpa)

Kränze erinnern vor den Ardeatinischen Höhlen bei Rom an das Massaker vom 24. März 1944

Das Massaker war eine grausame Strafaktion der deutschen Besatzer. Denn einen Tag zuvor hatten italienische Partisanen 33 Männer einer deutschen Polizeieinheit bei einem Bombenanschlag getötet. Die Besatzungsmacht beschloss: Für jeden toten Deutschen sollen zehn Italienier sterben. Dazu erstellte der Kommandeur der Sicherheitspolizei von Rom eine Todesliste mit SS-Gefangenen und Zivilisten, die zufällig verhaftet worden waren. Auch 75 Juden waren darunter.

Die SS verschleppte die gefesselten Männer zu den Adreatinischen Höhlen. Das Massaker am 24. März war durch die Enge der Höhlen besonders grausam. Die Opfer mussten auf die Leichen bereits Erschossener klettern, bevor SS-Männer sie ermordeten. Die Namensliste führte ein SS-Hauptsturmführer aus Brandenburg: Erich Priebke. Später gestand er, dass er zwei Gefangene selbst erschossen hat.

Reiseziel: Argentinien

Priebkes Wohnhaus in Bariloche (Foto: picture-alliance /dpa/epa)

Jahrzehntelang lebte er unbehelligt: Priebkes Wohnhaus in Bariloche, Argentinien

Es sollte lange dauern, bis Priebke für seine Verbrechen zu Rechenschaft gezogen wurde. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs gelang dem ehemaligen SS-Mann die Flucht aus einem englischen Kriegsgefangenenlager. 1948 schiffte er sich über Genua nach Argentinien ein. Wie vielen anderen Naziverbrechern half ihm dabei ein katholischer Geistlicher. Es war eine übliche Fluchtroute, genannt die "Rattenlinie". Das Reiseziel war nicht zufällig gewählt: In Argentinien hatten die Deutschen keine Strafverfolgung zu befürchten und wurden vom Machthaber Juan Perón sogar geschützt. Auch Nazi-Verbrecher wie Adolf Eichmann und der "Todesengel von Auschwitz", Josef Mengele, tauchten hier unter. Besonders der Fall Eichmann zeigte, dass bundesdeutsche Behörden in den 1950er Jahren Hinweisen auf den Aufenthaltsort von NS-Verbrechern kaum nachgingen.

Erich Priebke hatte es gar nicht nötig, sich zu verstecken. Er lebte jahrzehntelang unbehelligt unter seinem richtigen Namen in Bariloche, einem idyllischen Wintersport-Ort in Patagonien. In dem verschlafenen Nest interessierte sich niemand für die Vergangenheit des Deutschen. Priebke stieg zu einem angesehenen Bürger auf. Als Vorsitzender des Trägervereins der Deutschen Schule von Bariloche pflegte er gute Kontakte zu anderen Alt-Nazis, die sich in Bariloche niedergelassen hatten.

Auslieferung nach Italien

Erich Priebke in Rom (Foto: Gerard Julien/AFP/Getty Images)

Vor Gericht: Erich Priebke 1996 in Rom

Erst 1994 war es damit zu Ende: Ein Fernsehteam aus den USA enthüllte seinen Aufenthaltsort. Italien erwirkte seine Auslieferung. Doch der Fall Priebke blieb ein Skandal. 1996 sprach ein italienisches Gericht Priebke zunächst frei, doch ein Militärberufungsgericht konnte den Fall wieder aufnehmen. Priebke wurde 1998 zu lebenslanger Haft verurteilt. Nur ein Jahr später kam es zu einer für die Angehörigen der Opfer unbegreiflichen Wende.

Priebke kam aus der Haft frei und durfte nun unter Hausarrest in Rom Leben. Doch schlecht ging es dem Kriegsverbrecher dabei nicht: Er machte Urlaub am Lago Maggiore und feierte seinen 90. Geburtstag gemeinsam mit Neonazis auf dem Land. Bis zu seinem Tod erregte der Fall Priebke Aufmerksamkeit: Im Juli dieses Jahres kam es zu heftigen Auseinandersetzungen mit Neonazis, weil der Bürgermeister von Rom sich gegen eine Feier zu Priebkes 100. Geburtstag aussprach.

Debatte um Begräbnis

Nach seinem Tod ist nun erneut eine Debatte um den Fall Priebke entbrannt. Dabei geht es um den Begräbnisort. Die italienische Polizei untersagte eine öffentliche Begräbnisfeier sowie den öffentlichen Transport des Sargs und Kundgebungen für den Kriegsverbrecher. Zu groß ist die Angst vor einem Aufmarsch von Neonazis. Laut der Zeitung "Il Tempo" riegelten Sicherheitskräfte den Hintereingang des römischen Gemelli-Krankenhauses ab, wo sich der Leichnam Priebkes bislang befand.

Doch was soll nun mit der Leiche geschehen? Argentinien hat eine Beisetzung in Bariloche abgelehnt. Auch in Deutschland hütet man sich, einen möglichen Wallfahrtsort für Neonazis zu schaffen. Die Stadt Henningsdorf bei Berlin, Priebkes Geburtsstadt, sieht keine Grundlage für eine Beisetzung in Brandenburg. Nach der Friedhofssatzung dürften hier in der Regel nur Menschen bestattet werden, die bei ihrem Tod in Henningsdorf lebten. "Unabhängig davon haben wir kein Interesse, einen Kriegsverbrecher hier zu begraben", so eine Stadtsprecherin gegenüber der Nachrichtenagentur AFP. Denn: Erst im Juli 2012 marschierten 50 Neonazis anlässlich Priebkes Geburtstag mit Fackeln durch den Ort.

Am Dienstag setzte sich die erzkonservative Piusbruderschaft über das Verbot der römischen Regierung hinweg und veranstaltete eine öffentliche Trauerfeier für Priebke. Sie musste allerdings kurz nach dem Beginn abgebrochen werden, weil sich Neonazis unter die Trauergäste gemischt hatten. Hunderte Gegendemonstranten protestierten gegen die Gedenkfeier für den NS-Verbrecher. Es kam zu Tumulten. Weiterhin ungeklärt bleibt, wo und wie Priebkes Leichnam beerdigt werden soll.

Asche in die Isar gestreut

Es ist nicht das erste Mal, dass die Bestattung für NS-Verbrecher zum Diskussionsthema wird. Der Begräbnisort für Hitlers Stellvertreter Rudolf Hess, der 1987 starb, wurde zum Wallfahrtsort für Neonazis. Die bizarren Aufmärsche endeten erst 2011, als das Grab eingeebnet wurde.

Es gäbe aber auch noch andere Möglichkeit: die Einäscherung. Dafür sprach sich im Fall Priebke der Präsident des Simon-Wiesenthal-Zentrums, Efraim Zuroff, aus. Ein historisches Beispiel ist aus dem Jahr 1946 bekannt. Dabei geht es um Hauptkriegsverbrecher, die im Nürnberger Prozess zum Todes verurteilt wurden. Ihre Asche wurde in einen Seitenarm des Flusses Isar gestreut.

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