Der erste SMS-Roman | Kultur | DW | 12.12.2001
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Kultur

Der erste SMS-Roman

Eigentlich ein spannendes Vorhaben: Grenzen ausloten und sie als Chance verstehen, neues zu schaffen. So könnte man den Versuch umschreiben, mit Hilfe von SMS einen Roman zu schreiben.

Ein Display am tragbaren Telefon als Papier zum Romane-Schreiben?

Ein Display am tragbaren Telefon als "Papier" zum Romane-Schreiben?

Die Eckdaten: Man hat pro SMS 160 Zeichen zur Verfügung und schreibt die Texte nicht mit dem tippintensiven SMS-Editor des Handys sondern mit Hilfe eines E-Mail-Programms, wie zum Beispiel freenet.de oder gmx.de. Die verschickten SMS-E-Mails fangen deshalb alle mit einem Absender an. Bei anderen Anbietern wird manchmal auch eine Werbung am Ende angehängt. Aber das soll den Lesefluss von einer SMS zur anderen nicht stören – diese "Zusatzinfos" überliest man ja meistens sowieso.

Nils Röller hat es gewagt. Er ist Medientheoretiker und Autor, derzeit an der Kunsthochschule in Köln beschäftigt und er hat bei telepolis.de einen SMS-Roman ins Netz gestellt.

Der Roman hat vier Kapitel und beschreibt Tans Flug von Frankfurt am Main nach Sao Paulo. Der Protagonist Tan ist traurig, er hat sich am Flughafen von Paula trennen müssen, die nach London geflogen ist. Er richtet sich im Flugzeug ein, versucht sich mit seinem Sitznachbarn zu arrangieren, meditiert über die Liebe und muss sich bei der Landung letztlich wieder der Realität stellen.

Der Anfang des Romans: (Die oben erwähnten Zusatzinfos werden an dieser Stelle wegegelassen.)

sein aktenkoffer ist eine kajuete, enthaelt buecher als bullaugen und schreibzeug als vorhaenge, bieten schutz vor plauderlustigen mitreisenden.

nimmt dort die sachtbraune im leopardenshirt platz. dahinter maennergruppe mit tatistautueten zum transport ueber wohlstandsgrenzen. ziehen alle

Vorrueber.johnnycash gibt tan die hand,beaeugt tan beim einrichten seiner gedankenkajuete: buntstifte zum navigiren in texten, zwei notizhefte,

Der Lesefluss ist gestört: Die Begrenzung auf 160 Zeichen bewirkt ungewöhnliche Umbrüche zwischen den Einheiten. Dadurch hat jeder SMS-"Vers" allerdings eine Verbindung zu der vorherigen und der nachfolgenden Botschaft. Die unterbrochene Komposition ist also Prinzip und muss als solches auch präsent sein.

Der Roman ist im Netz als Flash-Anwendung auf einem virtuellen Handy zu lesen. Man kann mittels der Menü-Tasten am Handy eins vor oder zurück gehen und mit den Zifferntasten springen.

Auf dem Handy lassen sich die Verse noch "schwieriger" lesen, da nur 20 Zeichen in eine Zeile passen und man nach sechs Zeilen scrollen muss.

Die Sprache ist stark verknappt, auf das Wesentliche beschränkt, ganz schmucklos. Groß- und Kleinschreibung wird nivelliert. Die Orthografie an manchen Stellen auch. Das "ä" weicht dem "ae" - aber das kennt man ja schon. Das Leerzeichen hinter dem Punkt verschwindet.

officeliner, menschheitsdaemmerung + quasimodo: 2 gedichtbaende als bruehwuerfel fuer die smskueche und dann das superhandy. koennen sie gleich

Wieder wegstecken und ausmachen nicht vergessen. starten sonst gegen baum. hab ich meinem schwager auch schon gesagt. wo der wohl bleibt. war nin

seemann. aber einmal seemann immer seemann. hab meine schwester ja gewarnt. solange nicht alle dasind koennen sie noch mit dem handy fummeln.

Die Erzählperspektive springt zwischen einem Beobachter und dem Ich-Erzähler hin und her. Immer wieder ist von Handys und vom SMS-Schreiben die Rede.

Für SMS-Neulinge dürfte es schwierig sein, den Inhalt beim ersten Lesen zu erfassen. Für SMS-Junkies, von denen es besonders unter Jugendlichen inzwischen Tausende gibt, ist dieser Roman sicherlich eine amüsante Spielerei.

Das größte Interesse dürfte der Roman allerdings bei Medientheoretikern finden. Also bei jenen Wissenschaftler, die sich mit den Zusammenhängen zwischen den Gegebenheiten eines Mediums und einer medienspezifischen Sprache beschäftigen. Im Radio bekommen Stimme und Geräusche eine besondere Bedeutung, im Film ist es das bewegte Bild, beim Chatten im Internet sind es die Smileys. Das Medium ist die Botschaft, wie der kanadische Literaturwissenschaftler Marshall McLuhan Ende der 60er Jahre beschrieben hat.

Man darf gespannt sein, ob die Mischung aus Roman (der vom Massenmedium Buch kommt) und Handy (als schnelles eigentlich mündliches Kommunikationsmittel) eine Leserschaft finden wird. (ks)

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  • Datum 12.12.2001
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