Der Anfang vom Ende der Globalisierung | Wirtschaft | DW | 02.10.2013
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Wirtschaft

Der Anfang vom Ende der Globalisierung

Die US-Geldpolitik macht Schwellenländern zu schaffen. Der Streit um den US-Haushalt könnte die Probleme noch verschärfen. Einige Ökonomen befürchten bereits das Ende der Globalisierung.

Seit der Finanzkrise flutet die US-Notenbank Federal Reserve (Fed) die Märkte mit Geld – in der Hoffnung, die Wirtschaft zu stimulieren. Als Fed-Chef Ben Bernanke vor kurzem erstmals andeutete, die Politik des billigen Geldes könnte bald ein Ende haben, reagierten die Finanzmärkte panisch. Mitte September ruderte Bernanke zurück und verschob den angekündigten Kurswechsel.

"Die Fed ist doch der einzige Erwachsene in einem Raum voller Kinder", sagt Barry Eichengreen, Wirtschaftsprofessor an der University of California in Berkeley. "Und wenn alle Kinder nach mehr Süßigkeiten schreien, weil das im Moment ihre einzige Nahrung ist, dann wird die Fed kaum sagen können: Nein Kinder, es gibt jetzt keine Bonbons mehr."

Keine Bonbons für die Kinder

Turkish Finance minister Mehmet Simsek delivers a speech during the Turkish Arab Economic Forum opening ceremony on April 4 2013 in Istambul. The Turkish-Arab Economic Forum (TAF) is held on April 4 and 5 on 2013.AFP PHOTO/OZAN KOSE (Photo credit should read OZAN KOSE/AFP/Getty Images)

Mehmet Simsek, Finanzminister der Türkei

Die unklare Geldpolitik hat für Entwicklungs- und Schwellenländer unangenehme Konsequenzen. "Vor einigen Jahren mussten wir uns sehr anstrengen, damit wir nicht von den Geldmassen überflutet werden, die in die Türkei zu kommen drohten", sagt der türkische Finanzminister Mehmet Simsek. "Heute dagegen laufen wir Gefahr, kein Kapital mehr zu erhalten." Denn weil Investoren nun das Ende des billigen Geldes fürchten, hätten sie begonnen, ihr Geld aus der Türkei, Brasilien und anderen Schwellenländern abzuziehen.

"Entwicklungs- und Schwellenländer sagen der Fed völlig zu Recht: 'Ihr seid nicht nur für die US-Wirtschaft verantwortlich, ihr müsst auch unsere Interessen berücksichtigen'", sagt Yu Yongding, Ökonom an der Chinesischen Akademie der Sozialwissenschaften und früher Berater der Notenbank in Peking.

Aufstand der Geldgeber

Allerdings, so Yu und auch Simsek, finden ihre Klagen kein offenes Ohr. Dabei haben die Schwellenländer ein gewaltiges Druckmittel. "Wir sind die, die den Industriestaaten heute Geld leihen", so Andrew Sheng von Fung Global, einem Wirtschaftsforschungsinstitut in Hong Kong. "Wir müssen jetzt entscheiden, was zu tun ist."

Andrew Sheng Len-tao, Chairman of the Securities and Futures Commission of Hong Kong, speaks at the 2nd Lujiazui Forum in Shanghai, China, Friday, May 15, 2009. The two-day Lujiazui Forum is being held in Pudong New Area from May 15 to May 16, 2009. The topics to be discussed include an analytical reading of the financial crisis and the lesson for China as well as how Shanghai can take advantage of the crisis to build up its global position within a new global financial order. +++(c) dpa - Report+++

Andrew Sheng, Fung Global Institute

Doch was könnte das sein? Weniger Geld für westliche Staatsschulden, vielleicht Kapitalverkehrskontrollen? "Es wäre der Anfang vom Ende der Globalisierung", so Sheng. "Denn wenn Globalisierung heißt, dass nur wenige von den globalen Gewinnen profitieren, während der Rest auf lokaler Ebene leidet, dann wird sie auf Ablehnung stoßen."

Die nächste Blase

Sheng vermisst klare Angaben über den geldpolitischen Kurs der Fed, auf die sich die Finanzmärkte und andere Länder einstellen können. Auch William Rhodes, bis 2010 Vize-Präsident der Citigroup und heute Berater der Bank, weist auf die Gefahren eines Schlingerkurses hin. "Wenn der Abschied vom billigen Geld nicht richtig umgesetzt wird, dann steht uns etwas bevor, das vielleicht noch schlimmer ist als die Krise, die wir gerade durchgemacht haben."

Schließlich sei auch die geplatzte Internet-Blase zu Beginn des Jahrhunderts mit billigem Geld bekämpft worden, so Rhodes. Das Ergebnis war eine neue Blase im Immobiliensektor, deren Platzen zur weltweiten Finanzkrise führte.

Kartenspielen auf der Titanic

epa03165353 Israeli economist Jacob A. Frenkel, former Bank of Israel governor and now chairman of JPMorgan Chase International, is seen during the workshop Ambrosetti titled 'The scenario of the financial markets, of their rule and of finance' in Cernobbio, northern Italy, 30 March 2012. EPA/MATTEO BAZZI +++(c) dpa - Bildfunk+++

Jacob Frenkel, JPMorgan Europe

Allerdings wird es in absehbarer Zeit kaum Klarheit über die Geldpolitik der Fed geben, ganz im Gegenteil. Wenn sich der zerstrittene US-Kongress nicht bald einigt, sind die USA am 17. Oktober zahlungsunfähig. An diesem Tag erreicht das Land die zulässige Obergrenze seiner Schulden. Um die anzuheben, müssten die Republikaner zustimmen – jene Republikaner, die im Haushaltsstreit schon den "government shutdown", die Einstellung der meisten Regierungsgeschäfte, erzwungen haben.

"Am 17. Oktober könnte die Welt untergehen. Und wir sitzen hier und spielen Karten auf der Titanic", sagt Jacob Frenkel, Präsident von JPMorgan Europa und früher Gouverneur der Notenbank Israels. "Muss dann der Macho-Superman Bernanke wieder kommen und sagen: Das lasse ich nicht zu?"

Wenn die Fed dann noch mehr Geld in die Märkte pumpe, um die Krise abzuwenden, sei das ein Patentrezept für die nächste große Blase, so Frenkel. Im übrigen sei das Wort Krise gar nicht mehr passend. "Wenn etwas immer wieder passiert, dann ist das die Definition von Normalität."

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