Der Abschied von der Steinkohle: Was vom Bergbau bleibt | Kultur | DW | 20.12.2018
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Zechenkultur

Der Abschied von der Steinkohle: Was vom Bergbau bleibt

Wenn die Ära der Steinkohle in Deutschland zu Ende geht, fängt die Arbeit der Museen erst richtig an. Ihre Aufgabe ist es, die Welt der Kohle kulturell und digital aufzubereiten und ganz neu zu erforschen.

Noch steht der größte jemals geförderte Kohlenbrocken in der Mischanlage der Kokerei auf Zeche Zollverein in Essen. Bergleute von der Zeche Prosper-Haniel haben ihn mit speziellen Verfahren aus der Tiefe geholt, als Erinnerungsstück für eine Ära der Steinkohle, die in Deutschland zu Ende geht. Der sieben Tonnen schwere Kohlebrocken war Teil der großen Ausstellung zum Zeitalter der Kohle in Europa 2018.

Kohlebrocken in der Essener Ausstellung Das Zeitalter der Kohle (Ruhr Museum/Deimel u. Wittmar)

Der größte jemals geförderte Kohlebrocken aus Prosper-Haniel

Viele der Exponate wandern jetzt wieder in die Depots des Ruhr Museums in Essen und des Bergbau-Museums in Bochum. Leihgaben aus anderen Ländern müssen zurück in die dortigen Archive. "Das Luxemburger Nationalarchiv wartet schon sehnlich darauf, dass die Urkunde der Montanunion zurückkehrt", sagt Heinrich Theodor Grütter, Direktor des Ruhr Museums in Essen. Ein Teil der ausgestellten Untertage-Maschinen bleibt als Dauerleihgabe im Park vor der Mischanlage und bereichert somit das Weltkulturerbe Zeche Zollverein. Der große Kohlebrocken hingegen wird ein neues Zuhause bei der Ruhrkohle AG (RAG) finden.

Sozialverträglicher Abbau und kulturelle Projekte

DieRAG war seit 1968 dafür zuständig, den Steinkohleabbau Stück für Stück sozialverträglich zurückzufahren. Mit der Schließung der letzten Zeche Prosper-Haniel in Bottrop ändern sich ab 2019 die Aufgaben. Im Vordergrund steht dann der sogenannte "Nachbergbau" und der Strukturwandel der Region Ruhrgebiet. Dabei wird die RAG-Stiftung auch künftig Projekte aus Bildung, Wissenschaft und Kultur fördern, die im Zusammenhang mit der deutschen Steinkohle stehen.

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Auf den Spuren der Kohle - Was bleibt, wenn die letzte Zeche schließt?

Die Zeche Zollverein in Essen - in den 60er Jahren die größte Steinkohlezeche der Welt - ist bereits seit 1986 ein Industriedenkmal und seit 2001 Weltkulturerbe. Der Landschaftspark Duisburg rund um ein ehemaliges Hüttenwerk wird seit 1994 als Freizeit- und Kulturgelände genutzt, mit Lichtspektakeln und Kulturveranstaltungen in den ehemaligen Werkshallen. Die britische Tageszeitung "The Guardian" wählte den Park unter die zehn schönsten Großstadtoasen der Welt.

Und auch wenn im Bergbaustollen die letzte Schicht gefahren ist, so gibt es weiterhin jedes Jahr die "Extra Schicht", die Nacht der Industriekultur, bei der an 50 verschiedenen Orten im Ruhrgebiet ein vielfältiges kulturelles Programm mit Rock- und Pop Konzerten geboten wird.

Maschinen von unter Tage ins Museum

Unter Tage selbst ist noch lange nicht Schluss, auch wenn das deutsche Ende der Steinkohle in diesen Tagen feierlich zelebriert wird. Die Maschinen zur Förderung der Kohle müssen abgebaut, die Stollen unter Tage stabilisiert werden und auf ewige Zeit wird das schädliche Grubenwasser abgepumpt. 

Was an Maschinen und technischen Geräten ans Tageslicht kommt, wandert zum Teil in die Museen. Das sei eine große Zukunftsaufgabe für das Bergbau-Museum in Bochum, sagt Michael Farrenkopf. Er ist dort Leiter des Montanhistorischen Dokumentationszentrums und will auch nach der Zechenschließung jungen Menschen den Steinkohlebergbau näher bringen. "Als Dokumentationszentrum und Museum haben wir auch noch die große Aufgabe, die neue Bergbautechnik zu erklären, weil es eine internationale Technik ist, die weiterbesteht im 21. Jahrhundert."

Das immaterielle Kulturerbe im Ruhrgebiet

Bochum, Deutsches Bergbau Museum - Blick in einen Raum von Rundgang 2 der neuen Dauerausstellung (Deutsches Bergbau Museum/H. Grebe)

Ein zentrales Stück der neuen Dauerausstellung im Bergbau Museum: die Grubenwasserpumpe

Das Bergbau-Archiv sammelt alles, was die Kohlebranche hinterlässt: Technik, Alltagsgegenstände, Fotos - und viel Papier. „Wir haben allein sieben Regalkilometer Akten zur Industrialisierungsgeschichte, über die verschiedenen Bergbauunternehmen, die Leute die da beschäftigt waren und die Arbeitsabläufe", sagt Michael Farrenkopf.  

Im Forschungsprojekt "Menschen im Bergbau" haben Wissenschaftler des Dokumentationszentrums auch Stimmen von Zeitzeugen gesammelt und ausgewertet, denn das Bergbau-Museum Bochum ist eines von 8 Leibniz Forschungs-Museen. 80 Personen, Männer und Frauen, Vorstände und Arbeiter oder auch Familienangehörige wurden zu ihrer Arbeit und Lebenssituation rund um den Bergbau befragt. Einige der Videoaufnahmen sind in der Dauerausstellung im Bergbau-Museum Bochum zu sehen. Weitere sind im Netz, im "digitalen Gedächtnisspeicher" des Montanhistorischen Dokumentationszentrums, abrufbar.     

Bilder einer Industrielandschaft

Den Menschen im Ruhrgebiet und den Besuchern möchte Michael Farrenkopf nach dem Ende der Steinkohle vor allen Dingen mitgeben, warum die Region so geworden ist, wie sie heute aussieht. "Zu erklären, warum das hier so zersiedelt ist, dass damals auf der grünen Wiese Zechen gebaut wurden, und erst dann die Leute angesiedelt wurden, und sich daraufhin die Städte gegründet haben, das ist Aufgabe des Museums."

Albert Renger-Patzsch, Landschaft bei Essen-Frohnhausen und Zeche Rosenblumendelle, 1928 Albert Renger-Patzsch Archiv / Stiftung Ann und Jürgen Wilde, Pinakothek der Moderne, München © Albert Renger-Patzsch / Archiv Ann und Jürgen Wilde, Zülpich / VG Bild-Kunst Bonn 2018

Albert Renger-Patzsch: alte Landschaft vor moderner Industriekulisse bei Essen Frohnhausen

Zu diesem Aspekt trägt auch die "Albert Renger-Patzsch"-Ausstellung des Ruhr Museums Essen bei. Renger-Patzsch lebte von 1929 bis 1944 in Essen und ist mit seinen schwarzweiß-Fotografien als Fotograf der neuen Sachlichkeit bekannt geworden. Noch bis Februar sind seine berühmten Ruhrgebietslandschaften auf Zeche Zollverein zu sehen. "Das ist die bedeutendste Ruhrausstellung, die wir je gezeigt haben. Da haben wir Jahrzehnte gesessen, um die zu realisieren mit der Pinakothek in München", sagt Museumsleiter Heinrich Theodor Grütter. "Die Bilder zeigen die alte Welt der Kohle, die amorphen Industrielandschaften, das Leben neben der Zeche." 2019 und 2020 wird sich das Ruhr Museum mit dem Leben der Menschen befassen, mit den Taubenzüchtern, mit der Kindheit oder mit dem Fußball im "Revier".

Große Neugestaltung im Berbau-Museum Bochum

Bochum, Deutsches Bergbau Museum - Blick auf den Wurzelstock aus dem Karbonzeitalter (ca. 306 Mio. Jahre) (Deutsches Bergbau Museum/H. Grebe)

Wurzelstock aus dem Karbonzeitalter in der neuen Dauerausstellung des Bergbau-Museums

Das Bergbau-Museum Bochum wurde zum Ende der Steinkohle-Ära in Deutschland komplett umgebaut. Im Januar werden die ersten beiden von vier neuen Rundgängen für die Besucher eröffnet. Da geht es natürlich um die Geschichte der Steinkohle in Deutschland, aber auch um Mensch und Bergbau, und um die Folgen wie etwa die Ewigkeitsaufgaben. Das zentrale Objekt ist eine Tiefpumpe, die das Wasser aus den Grubenschächten pumpt.

In Planung sind bereits die Rundgänge drei und vier. Der dritte Rundgang beschäftigt sich mit internationalen Georessourcen und Bodenschätzen. Der vierte zeigt Kunst und Kultur des Bergbaus mit Arbeiten von renommierten Künstlern, die mit Kohle gearbeitet haben, bis hin zu den Werken der Arbeiter unter Tage, wie Holzschnitzereien, Tonplastiken oder Fotos. 

Auch die große Ausstellung vom Zeitalter der Kohle 2018 verschwindet nicht ganz. Gerade ist man dabei, Hunderte von Fotos, die in der Ausstellung gemacht wurden, zusammenzufügen, um dann Anfang 2019 digital einen 360-Grad-Rundgang durch die Schau zu ermöglichen. Mit 70.000 Besuchern war die Ausstellung eine der erfolgreichsten auf Zeche Zollverein.

Bochum, Deutsches Bergbau Museum - Besuch im Anschauungsbergwerk (Deutsches Bergbau Museum/H. Grebe)

Besucher im Anschauungsbergwerk des Bergbau-Museums Bochum

Und was bleibt von der typischen Ruhrgebietsmentalität? Der vielbeschworenen Solidarität unter Tage? Vom Bergbau, der die Menschen - egal welcher Herkunft - zusammengeschweißt hat? Der Historiker Michael Farrenkopf bleibt nüchtern. „Das hat sich natürlich verändert im Laufe der Zeit, seit immer mehr Zechen geschlossen wurden." Die Solidarität präge nicht mehr die allgemeine Gesellschaft. Aber eins sei vom Bergbau geblieben, wo oft bei Gefahren schnelle Lösungen gefragt waren: „Die Leute sind unprätentiös und direkt. Sie haben gelernt, dass es sinnvoll ist, nicht zu lange Wege zu gehen, sondern auf kurzem Weg im direkten Kontakt Lösungen zu suchen. Da liegen die Wurzeln im Bergbau."

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