Depression bei Kindern und Jugendlichen: Keine Erwachsenensache | Wissen & Umwelt | DW | 11.12.2018
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Gesundheit

Depression bei Kindern und Jugendlichen: Keine Erwachsenensache

Depressionen können schon bei jungen Menschen auftreten. Gründe sind oft Mobbing und Ausgrenzung. Die Behandlungschancen sind gut. Ein Arzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie berichtet von Entwicklungen in der Therapie.

Deutsche Welle: Herr Kölch, Zahlen der Stiftung Deutsche Depressionshilfe besagen, das drei bis zehn Prozent aller Jugendlichen zwischen 12 und 17 Jahren an einer Depression leiden. Wie ist das zu beurteilen? Gibt es eine steigende Tendenz?

Michael Kölch: Es gibt keine direkten Hinweise darauf, dass die Störungen zunehmen. Depressionen werden heute besser erfasst und beobachtet, zudem gibt eine bessere Versorgungslage. Weiter kann man definitiv sagen, dass es mittlerweile eine erhöhte Aufmerksamkeit und Sensibilität für die Problematik gibt. Dies hat zur positiven Folge, dass Betroffene sich auch eher zu ihren psychischen Problemen äußern.

Michael Kölch (Privat)

Prof. Dr. Michael Kölch ist Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie

Über Depressionen bei Erwachsenen wird weitaus häufiger gesprochen. Was sind die Ursachen dafür, dass Kinder und Jugendliche an Depressionen erkranken?

Die Ursachen einer Depression sind sehr unterschiedlich und individuell. Klassische Auslöser sind sogenannte "Life-Events": Umzug, Trennung der Eltern, Verlust oder Erkrankung eines Elternteils, Mobbing. Als besonders schwere "Life-Events" sind Vernachlässigungs-, Misshandlungs- oder Missbrauchserfahrungen zu sehen. Weiter kann aber auch eine ständige Über- oder Unterforderung oder andauernde Streitbeziehungen zu depressiven Symptomen führen.

Mehr dazu: Jeder zweite Teenager weltweit erfährt Gewalt oder Mobbing in der Schule

Mädchen sitzt vor Eltern, die sich streiten (goodluz - Fotolia)

Streitbeziehungen in der Familie können Kinder psychisch belasten.

Was können weitere Ursachen sein? Kann beispielsweise die hohe Mediennutzung von Jugendlichen Einfluss auf das Depressionsrisiko haben?

Rein klinisch sehen wir, dass manche depressive Patienten nur am Computer oder Smartphone beschäftigt sind und sich dadurch sozial eingrenzen. Dies kann zu Konzentrationsmangel und zu einer Verschiebung des Tag-/Nachtrhythmus führen. Und natürlich gibt es im Internet direkte Risiken wie etwa Cybermobbing, das eine Ursache einer depressiven Störung sein kann.

Im Einzelfall kann intensiver Medienkonsum somit zu den Auslösern von Depressionen beitragen - aber generell zu sagen: "Aufgrund der neuen Medien sind mehr depressiv oder das begünstigt Depressionen" - dafür haben wir keinen Hinweis und das wäre zu weit her geholt. Denn es kommt immer darauf an, wie die gesamte soziale Einbindung und das direkte Umfeld eines Einzelnen ist. Wenn die Mediennutzung der einzige soziale Kontakt und die einzige Beschäftigung ist, dann ist das unter Umständen problematisch zu betrachten. Aber wenn das Kind beispielsweise ansonsten einen aktiven Freundeskreis hat, dann kann es sich trotzdem drei Stunden am Tag mit Medien beschäftigen. Das ist dann nicht unbedingt ein Risikofaktor, sondern Alltag für die Jugend heute: Kontakt über neue Medien hat für sie teilweise die Gleichwertigkeit wie früher zum Beispiel das Telefon oder direkter Kontakt.

Darum sollte das unbedingt differenziert betrachtet werden – nicht alles ist schlecht. Es ermöglicht auch Chancen: Mittlerweile gibt es präventive oder therapeutische Maßnahmen über die modernen Medien wie etwa Apps.

Jugendlicher beim Surfen auf dem Smartphone (picture alliance/dpa/T. Hase)

Jugendliche verbringen viel Zeit mit Smartphone, Computer und Co. - kann das zu psychischen Problemen führen?

Wie können Eltern erkennen, dass ihr Kind an einer Depression leidet? 

Bis zur Pubertät ist das relativ einfach: Wenn sich das typische Verhalten des Kindes ändert, wenn es plötzlich sozial zurückgezogen ist, keine Lust mehr am spielen hat und zudem gereizter und trauriger wirkt. In der Pubertät kann das schwieriger werden, denn viele Depressionssymptome können eine hohe Ähnlichkeit zu Verhaltensweisen und Gefühlslagen von Jugendlichen in der Pubertät haben: Stimmungsschwankungen, Interessensverschiebungen, -verlust – all das kann auch so in der Pubertät auftauchen. Aber immer wenn die Symptome länger andauern und es zu Funktionseinschränkungen kommt, sollte man aufmerksam werden: Die Jugendlichen leben zurückgezogen, es gibt einen Leistungsknick in der Schule, es kommt zu selbstverletzenden Verhalten, Sinnlosigkeits- oder Todesgedanken. Dies sind ernstzunehmende Warnzeichen.

Wie wichtig ist es, dass eine Depression frühzeitig erkannt wird?

Es gibt zwei prinzipielle Punkte warum es wichtig ist, Depressionen früh zu erkennen und zu behandeln. Der erste Punkt: Depressionen haben generell eine Neigung zur Chronifizierung - je länger sie anhält, desto schwerer und hartnäckiger werden die Symptome. Dadurch wird auch die Behandlung erschwert. Wenn früh eingegriffen wird,  kann mit geringeren und kürzeren Interventionen eine Besserung hergestellt werden.

Der zweite Punkt ist: Depressionen haben eine große Auswirkung auf das psychosoziale Funktionsniveau - das heißt auf das Alltagsleben der Jugendlichen. In Anbetracht dessen, dass der Zeitraum des Kindes- und Jugendalter ein besonders ereignisreicher und zukunftsweisender ist, kann eine Depression auch Einfluss auf Entscheidungen wie weiterführende Schule oder die Berufswahl haben.

Durch Depressionen können ganze Problemgeflechte entstehen. Ein Beispiel: Ein Kind bekommt aufgrund eines traumatischen Erlebnisses eine Depression. Das kann dazu führen, dass es schlechte Noten bekommt und deswegen eine Klasse wiederholen muss. Darauf hin entsteht der nächste Risikofaktor: Es verliert sein gewohntes soziales Umfeld, vielleicht seinen besten Freund. In der neuen Klasse ist es deswegen sozial gehemmt, findet schwer Freunde und kann ein Opfer von Mobbing werden. So ein entstandenes Problemgeflecht aufzulösen ist therapeutisch schwer. Aber es ist möglich – daher ist es sehr wichtig, dass gerade im Jugendalter früh interveniert wird.

Junge sitzt mit Kopf auf den Knien neben seinem Rucksack auf dem Boden (Fotolia/Mikael Damkier)

Durch Depressionen entstehen Problemgeflechte, die sich weiter verstärken können.


Wie gehe ich vor, wenn ich bemerke, dass mein Kind depressive Erscheinungen hat? Wie sehen die Therapiemöglichkeiten aus?

Es gibt niedergelassene Kinder- und Jugendpsychiater und -psychotherapeuten, Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten und Kliniken, auch mit Ambulanzen und Tageskliniken. Das sind die Ansprechpartner bei denen man sowohl eine fundierte Diagnostik, wie auch die nötige Therapie erhalten kann.

Wenn es sich um eine leichtere Depression handelt, ist eventuell eine Kurzintervention ausreichend, um das Funktionsniveau wieder zu erhöhen. Vielleicht in Form einer Beratung oder einer unterstützenden Beobachtung. Handelt es sich hingegen um eine schwerere Depression, aufgrund derer ein Schulbesuch nicht mehr möglich ist, schon viele soziale Kontexte weggebrochen sind oder Suizidgedanken bestehen? Dann wird eventuell eine voll- oder teilstationäre kinder- und jugendpsychiatrische Behandlung in Betracht gezogen. Diese kann medikamentös unterstützt werden: Antidepressiva können helfen, dass die Psychotherapie besser wirken kann. Allerdings wird der Einsatz von Medikamenten bei jungen Patienten nur auf die sehr hartnäckigen und mittel bis schwer depressiven Fälle begrenzt.

Schild in einem Krankenhaus, das den Weg zur Psychiatrie anzeigt (picture-alliance/dpa/J. Carstensen)

Bei schweren Depressionen ist meist ein stationärer Aufenthalt notwendig.

Depressive Erwachsene warten in Deutschland unter Umständen sehr lange auf eine psychotherapeutische Behandlung oder einen Klinikaufenthalt. Wie sieht das bei Kindern und Jugendlichen aus - gibt es lange Wartezeiten? Und gibt es genügend Einrichtungen?

Eigentlich gibt es genügend Einrichtungen. Es ist leider eine Frage der Versorgungsgerechtigkeit. Es gibt Städte, mit sehr guter Versorgung. Und es gibt ländliche Regionen in denen sich unter Umständen im Umkreis von bis zu 60 Kilometer kein Kinder- und Jugendpsychiater oder Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut findet.

Und leider ja – es gibt auch bei Kindern und Jugendlichen Wartezeiten. Auch das ist regional sehr unterschiedlich und davon abhängig, wie groß die Kapazitäten sind und wie stark der Andrang ist. So kann die Wartezeit auf einen Therapieplatz an einen Ort drei Wochen betragen, am anderen bis zwei Monate. Es gibt aber zusätzlich immer die Notfallbehandlung in Kliniken und die Institutsambulanzen, die im Ernstfall kontaktiert werden können.

Inzwischen gibt es zahlreiche Angebote im Internet, die sich mit Depressionen auseinandersetzen. Das reicht von Austauschplattformen zur ersten Selbsteinschätzung bis hin zu Online-Therapie Maßnahmen. Wie effektiv können diese Plattformen sein, gerade im Bezug auf junge Menschen? Und: Können solche medial gestützte Therapiemöglichkeiten der aufgeführten Versorgungsungerechtigkeit entgegenwirken?

Gerade in der Forschung ist die "E-Therapie" ein großes Thema. Hier werden sich zukünftig noch einige Entwicklungsmöglichkeiten und Chancen ergeben.

Diese generellen Präventionsprogramme wie etwa Austauschplattformen können eine gute Anlaufstellen sein, wenn es um die Ersthilfe geht. Und das eben gerade bei Jugendlichen, die viel im Internet unterwegs sind. Die große Frage hierbei ist: Wie gestaltet man diese Plattformen, damit sie nachher auch wirksam sind? Sprich: Sie müssen auf die junge Gesellschaft zugeschnitten sein um frühzeitig Depressionen intervenieren zu können.

Eine Selbsthilfe-Plattform der Stiftung Deutsche Depressionshilfe: Fideo - fighting depression online

Zusätzlich werden Online-Therapieangebote unter dem angesprochenen Aspekt der Versorgungsgerechtigkeit zu einem wichtigen Punkt. Denn lange Wege zum Therapieplatz können eine zusätzliche Belastung sein. Daher sind Therapie-Angebote wie etwa über Apps eine sinnvolle und durchaus auch wirksame Möglichkeit, um den Versorgungsengpässen gerecht zu werden. Das große Problem dabei ist nur: Solche Programme haben teilweise Abbrecherquoten von bis zu 80 Prozent. Daher gibt es auch hierbei noch zahlreiche Verbesserungsmöglichkeiten. Eine Überlegung ist ein Modell, dass sich "Blended Therapy" nennt. Das bedeutet, dass es durchaus noch den Therapeutenkontakt gibt, aber manche Therapieelemente mediengestützt stattfinden. So erhoffen wir uns für die Zukunft noch bessere Therapieerfolge. 

Kann eine nicht auskurierte Depression im Erwachsenenalter wieder auftreten?

Depressionen generell - behandelt oder unbehandelt – haben eine hohe Neigung später wieder aufzutreten. Schätzungsweise bis zu 60 Prozent derer, die im Jugendalter eine depressive Episode hatten, erleiden bis zum Alter von 30 Jahren nochmal eine Phase. Von daher ist es auch wichtig den jungen Patienten mitzugeben: Wenn die Symptome wiederkommen, dann sofort Hilfe suchen. Und es gar nicht erst wieder zu schweren Phasen kommen lassen.

Wenn eine Depression früh erkannt wird – wie sehen die Heilungsschancen aus?

Depressionen im Jugendalter können besser behandelt werden als schwerwiegende Depressionen im Erwachsenenalter. Es gibt Studien die zeigen, dass 60 bis 70 Prozent der Depressionen im Jugendalter nach 12 Wochen Intervention dann auch wirklich gut gebessert sind. Das gilt auch für schwere Depressionen. Und das ist ein wichtiger therapeutischer Optimismus, den man den Patienten auch vermitteln muss.

Michael Kölch ist  Professor an der Medizinischen Hochschule Brandenburg für Kinder und Jugendpsychiatrie und seit drei Jahren Chefarzt der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie in den Ruppiner Kliniken.

 

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