Den Taliban entkommen: Die afghanischen Helfer Nabi und Sultan in Berlin | Deutschland | DW | 23.08.2021
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Afghanische Ortskräfte

Den Taliban entkommen: Die afghanischen Helfer Nabi und Sultan in Berlin

Nabi und Sultan haben für die Bundeswehr und die deutsche Botschaft in Afghanistan gearbeitet. Kurz vor der Taliban-Machtübernahme schafften sie es noch nach Deutschland - richtig angekommen sind sie aber noch nicht.

Deutschland, Berlin | Ein Flugzeug landet auf dem BER-Flughafen (02.11.2020)

Flughafen BER: Niemand hat auf Nabi gewartet

Schon vergangenes Jahr hatten die beiden Freunde aus Nordafghanistan den Entschluss gefasst: Nabi und Sultan [Namen von der Redaktion geändert] wollten Ihr Heimatland verlassen - unbedingt. Immer näher rückte die Frontlinie, immer bedrohlicher wurde die Situation. Die beiden Afghanen hatten mehrere Jahre für die deutsche Regierung gearbeitet - als sogenannte Ortskräfte.

"In den Nordprovinzen wurde es ja von Tag zu Tag heftiger", schildert Sultan die Situation. Der heute 37-Jährige war die vergangenen zweieinhalb Jahre als Fahrer für die deutsche Botschaft im Einsatz. "Uns war klar: Wenn die internationalen Truppen weg sind, werden die Taliban wiederkommen und uns töten."

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Taliban-Check-Point in Kundus: "Sie werden kommen und uns töten"

Nabi berichtet: "Ich habe mein Zuhause verloren, meine Freunde, meine Familie - jetzt bin ich hier." Er hatte seit 2003 als Übersetzer für verschiedene NATO-Kräfte gearbeitet. "Mein Herz, mein Verstand, alles habe ich zu Hause zurückgelassen. Meine Familie ist in Gefahr, jetzt, wo die Taliban da sind und ihnen nachstellen. Ich finde nachts kaum Schlaf."

Nabi hat einen bürokratischen Höllenritt hinter sich. Die Pässe für seine Frau und seine sechs Kinder hatte er aus der afghanischen Hauptstadt Kabul anfordern müssen, die umgerechnet 6000 Euro für die Reise hat er sich von Freunden geliehen. Mitte Juli konnte er endlich nach Berlin ausreisen. Gerade noch rechtzeitig, denn wenige Wochen später hörte der bisherige afghanische Staat auf zu existieren. Sultan kam ein paar Tage früher als sein Freund Nabi nach Deutschland. Auch er brachte seine Frau und zwei Kinder mit.

In Sicherheit, aber verängstigt

So wie alle afghanischen Ortskräfte, die in den vergangenen Wochen nach Deutschland kamen, hatte auch auf Nabi niemand am Berliner Flughafen gewartet. Er war auf sich gestellt, hatte nur eine E-Mail mit ein paar Instruktionen, wo er sich hinbegeben sollte: in ein Flüchtlingsheim.

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Solidaritäts-Demo in Berlin (am Dienstag): "Taliban werden nicht zwischen Kern- und Großfamile unterscheiden"

Und: Nicht all seine Verwandten konnten mit ausreisen. Nur diejenigen, die laut deutschen Behörden zur "Kernfamilie" gehören, durften Nabi nach Berlin begleiten. Sultan erging es genauso: "Für Menschen aus der westlichen Welt sind die 'Kernfamilie' vielleicht tatsächlich nur ein Mann, seine Ehefrau und deren Kinder. Nach unserem Verständnis gehört da aber noch die Großfamilie hinzu, also Bruder, Vater und so weiter." Die Taliban würden diese Unterscheidung sicher so nicht machen, fürchtet Sultan.

Dass die Taliban versprochen haben, sich nicht an Familienmitgliedern rächen zu wollen, halten beide für nicht glaubwürdig. "Was sie sagen und was sie machen - das sind zwei verschiedene Dinge", so Nabi.

Jetzt sind Nabi und Sultan 4500 Kilometer von ihrer alten Heimat entfernt in einer kommunalen Behelfsunterkunft in Berlin. 700 Menschen sind dort untergebracht, hauptsächlich Syrer und Afghanen. Wer hier hinkommt, soll eigentlich nur übergangsweise bleiben, doch der schwierige Berliner Wohnungsmarkt und die Bürokratie sorgen dafür, dass die Übergangslösung zu einer Art Dauerbleibe wird. Manche Familien leben seit Jahren dort.

Deutschland, Berlin | Unterkunft für Geflüchtete in Berlin-Lankwitz

Eine von mehreren Berliner Flüchtlingsunterkünften (im Stadtteil Lankwitz)

Finanzielle Probleme in Deutschland

Nabi ist vor allem enttäuscht, wie wenig sein Engagement für Deutschland in den vergangenen Jahren bisher anerkannt wurde. Er ist geradezu empört, genauso wie jeder andere Flüchtling behandelt zu werden. "Wir haben für die unser Leben riskiert. Jetzt haben wir deshalb alles zurücklassen müssen. Die Bundeswehr könnte sich wenigstens irgendwie erkenntlich zeigen", so Nabi. "Zum Beispiel könnten sie uns ein festes Zuhause hier anbieten."

Nun hat er auch noch finanzielle Sorgen: "Meine Freunde fordern bereits das mir geliehene Geld zurück", sagt Nabi. "Unter der Taliban-Kontrolle haben sie auch sonst keine Möglichkeit, etwas zu verdienen. Sie können ihre Familien nicht ernähren." Doch zurückzahlen kann Nabi ihnen noch nichts, denn er kann noch kein Geld verdienen, wartet noch auf eine Arbeitserlaubnis in Deutschland.

Eigentlich sollen alle, die in Afghanistan als Ortskräfte der deutschen Regierung geholfen haben, eine dreijährige Aufenthalts- und eine Arbeitserlaubnis in der Bundesrepublik bekommen. Doch ganz so schnell gehen die Dinge in Deutschland nicht vonstatten.

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Inzwischen geräumtes Bundeswehrlager in Masar-i-Sharif (im April): "Sie hätten einen anderen Zeitpunkt wählen sollen"

Und was die Situation in Afghanistan angeht, die können beide Männer noch gar nicht richtig begreifen. Dass das afghanische Militär so schnell in sich zusammenbrechen würde, war für sie undenkbar. "Wir hatten einen Bürgerkrieg befürchtet - aber nicht den Kollaps des Systems innerhalb weniger Tage", so Nabi.

Die westlichen Staaten hätten ihre Soldaten zu schnell abgezogen. Sultan ist klar, dass die ausländischen Truppen nicht ewig hätten dableiben können. "Auf alle Fälle aber hätten sie einen anderen Zeitpunkt wählen sollen, wenn das Land stabilisiert ist."

Aus dem Englischen übersetzt von Friedel Taube.

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