Den See-Elefanten geht’s prächtig – ganz ohne Trump | Wissen & Umwelt | DW | 15.02.2019
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Meeressäugetiere

Den See-Elefanten geht’s prächtig – ganz ohne Trump

In Kalifornien haben See-Elefanten einen Strand eingenommen, der bisher den Menschen vorbehalten war. Medien machen den Shutdown der US-Regierung im Januar dafür verantwortlich. Der wahre Grund ist viel erfreulicher.

Hier haben jetzt die dicken Robben mit den langen Nasen das Sagen: Drakes Beach auf der Halbinsel Point Reyes nördlich von San Francisco. Wer auf den Parkplatz direkt am Strand fährt, wird von einem Ranger begrüßt. "Parken Sie, wo Sie wollen. Aber der Strand selbst ist komplett gesperrt. Und wenn die Tiere umziehen, ziehen wir auch um." Absperrungen mit Flatterband, Hütchen und Warnschildern zeigen deutlich, wo die menschlichen Besucher nicht erwünscht sind. 

Im Januar machten sich plötzlich über hundert nördliche See-Elefanten (Mirounga angustirostris) auf Drakes Beach breit – eine Premiere. "Letztes Jahr tauchte auch ab und zu mal ein Männchen hier auf, und im Jahr davor wurden zwei Jungtiere hier geboren", erzählt Parkranger Carlo Arreglo, der am Strand aufpasst, dass weder Besucher noch Tiere zu Schaden kommen. "Aber es waren noch nie so viele See-Elefanten hier." Vor den Augen der vielen Besucher hinter der Absperrung dösen die Tiere in der Sonne, säugen ihre Kleinen und – ja, paaren sich, und das nicht selten. 

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Eine Attraktion

Die Besucher freuen sich, die Tiere einmal ganz aus der Nähe betrachten zu können. Viele Besucher sind extra dafür von weither angereist. "Normalerweise sind die Tiere nicht so nah, sondern man blickt von einer Klippe aus der Ferne auf sie herunter", erzählt ein älteres Ehepaar aus der San Francisco Bay Area. "Als wir hörten, dass die See-Elefanten hier sind, entschlossen wir uns, herzukommen."

Während ihrer Zeit an Land nehmen weder Männchen noch Weibchen Nahrung zu sich. Das hat einen praktischen Nebeneffekt: Sie scheiden auch nichts aus. Die Nasen der Besucher wissen das zu schätzen. Es stinkt nicht.

Die Tiere werden vermutlich bis März bleiben. Dann lassen die erwachsenen See-Elefanten die Jungtiere am Strand zurück, um zurück Richtung Alaska zu schwimmen. Sobald die Kleinen sich selbst beigebracht haben, wie man Fische fängt und schwimmt, werden auch sie Drakes Beach verlassen.

See-Elefanten in Point Reyes (Rainer Dückerhoff)

Ausblick auf die Kolonie an Drakes Beach. Ganz links das Besucherzentrum.

Ein Sturm ist schuld 

Für die Medien und für die meisten Besucher ist die Sache glasklar: Die See-Elefanten sind da, weil im Januar am Strand und im Besucherzentrum gleich nebenan so wenig los war. Aufgrund des Shutdowns der US-Regierung waren alle Besucherzentren auf Point Reyes geschlossen, Angebote wie Besucherführungen fielen aus. Die See-Elefanten hätten die Ruhe genutzt, um auf Drakes Beach eine neue Kolonie zu gründen − so die Geschichte, die man überall liest und hört.

Parkranger Carlo Arreglo vom National Park Service, Teil des US-Innenministerium, sieht das anders: Das Wetter und besonders hohe Wellen seien schuld. "Vor etwa vier Wochen gab es einen großen Sturm, der zusammen mit der Springflut auftrat. Die Flut spülte etwa 50 schwangere Weibchen hier an Land. Und sie alle brachten innerhalb von ein bis fünf Tagen ihre Jungtiere zur Welt."

Eine neue Kolonie war geboren. Egal ob Shutdown oder nicht – "50 schwangere See-Elefanten kann man nicht einfach so wieder wegjagen." 

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See-Elefanten am Strand in Point Reyes (Rainer Dückerhoff)

Hin und wieder schaut sich ein See-Elefant neugierig die Besuchergruppe an.

Dem Aussterben knapp entkommen

All die lustigen Geschichten über See-Elefanten, die von Donald Trumps Shutdown profitieren, übersehen die eigentliche frohe Botschaft. Denn was gerade an Drakes Beach passiert, ist eine Momentaufnahme einer erfreulichen US-weiten Entwicklung: Die Zahl der nördlichen See-Elefanten nimmt wieder zu.

Die Art war Anfang des 20. Jahrhundert so gut wie ausgerottet, da man sie für ihren Blubber jagte, um daraus Lampenöl zu machen. Auf Guadalupe Island vor der Küste Mexikos überlebten etwa hundert Tiere – von ihnen stammen alle derzeitigen Exemplare ab.

Für das Jahr 2010 schätzten Forscher um Mark Lowry von der National Oceanic and Atmospheric Administration (NOAA) den Bestand in den USA auf 179.000 Tiere – eine durchschnittliche jährliche Zunahme von 3,8 Prozent seit 1988. Dazu kommen bis zu 60.000 Tiere in mexikanischen Gewässern. Neuere Zahlen für den gesamten US-Bestand gibt es laut Mark Lowry nicht. 

Eine Absperrung wegen See-Elefanten in Point Reyes (Rainer Dückerhoff)

Drakes Beach ist für Menschen gesperrt. Hier lebt jetzt eine Kolonie See-Elefanten, ...

Ein Erfolg für den Artenschutz

An den Stränden von Point Reyes nimmt die Zahl der See-Elefanten seit den frühen 1980er Jahren ständig zu, berichtet Sarah Codde. Sie ist Meeresökologin für den National Park Service und für See-Elefantenzählungen auf Point Reyes zuständig. Ließen sich 2009 noch 1320 Tiere zur Paarungszeit an der Halbinsel nieder, waren es dieses Jahr bereits 2460 – über tausend Tiere mehr.

Warum genau es den See-Elefanten so prächtig geht, weiß niemand genau. Es liegt am guten Schutz, vermutet Shawn Johnson, Leiter der Abteilung Tiermedizin am Marine Mammal Center in Sausalito. Die Organisation pflegt verletzte Meeressäugetiere wieder gesund, darunter auch viele verwaiste See-Elefantenbabys. "Strände und andere Gebiete, in denen sich See-Elefanten fortpflanzen, sind inzwischen geschützt, etwa der Nationalpark in Point Reyes", sagt Johnson. "Das ermöglicht es ihnen, an einem sicheren Ort ihre Jungen zur Welt zu bringen."

Besonders hervorzuheben ist laut Johnson der Marine Mammal Protection Act von 1972, der das Jagen, Töten, Fangen und Belästigen von Meeressäugetieren in den USA verbietet. Von ihm hätten auch die See-Elefanten mächtig profitiert. Das ist aber gerade das Gesetz, das die Regierung unter Präsident Donald Trump derzeit versucht zu lockern, wogegen viele Tier- und Umweltschützer protestieren.

See-Elefanten in Point Reyes (Rainer Dückerhoff)

... die sich ein hübsches Fleckchen Erde ausgesucht hat.

Wir kommen wieder!

Klar ist: Wenn es immer mehr See-Elefanten gibt, dann brauchen sie auch mehr Platz. "Sie sind auf der Suche nach neuen sicheren Gebieten, um an Land zu gehen", sagt Johnson. Ein solches neues Gebiet ist eben Drakes Beach in Point Reyes. 

Forscher bringen an vielen neugeborenen See-Elefanten Plastikmarker an, um zu sehen, wo sie in ihrem späteren Leben einmal landen. Die Tiere, die es sich jetzt auf Drakes Beach wohlgehen lassen, stammen ursprünglich aus anderen Kolonien südlich von San Francisco, berichtet Sarah Codde. "Der Trend ist, dass die See-Elefanten weiter nach Norden wandern, wenn ihre Kolonien voller werden und die jugendlichen Tiere sich zerstreuen." Die Kolonien im Norden wachsen daher, die See-Elefantenzahlen im Süden stagnieren.

An Drakes Beach sind ein gutes Dutzend ehrenamtliche Helfer fleißig dabei, den Besuchern mehr über diese einmaligen Tiere zu erzählen – aber auch sicherzustellen, dass alle genug Abstand von den See-Elefanten halten. Die neue Kolonie bedeutet mehr Arbeit für Parkranger und Ehrenamtliche – und das vermutlich nicht nur dieses Jahr.

"Ich denke, alle Meeresbiologen wären erstaunt, wenn die See-Elefanten im nächsten Jahr nicht wiederkehren würden," sagt Parkranger Carlo Arreglo. "Wenn die Weibchen erst mal ein Gebiet gefunden haben, an dem sie erfolgreich ihre Jungen zur Welt bringen können, kommen sie vermutlich im nächsten Jahr wieder." Ob der Strand dann entsprechend umgebaut wird, um es sowohl See-Elefanten als auch Besuchern angenehmer zu gestalten, das kann Arreglo aber nicht sagen. So weit sind die Planungen offensichtlich noch nicht.

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