Debatte: Zum Umgang mit Objekten kolonialer Herkunft | Kultur | DW | 23.11.2019
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Kolonialgeschichte

Debatte: Zum Umgang mit Objekten kolonialer Herkunft

Unzählige afrikanische Artefakte befinden sich im Besitz europäischer Museen. Vor einem Jahr erklärte der französische Präsident Macron, Frankreich werde die Objekte zurückgeben. Chronik einer hitzigen Debatte.

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Umgang mit kolonialer Raubkunst - was bisher geschah

Am 23. November 2018 übergaben der senegalesische Ökonom Felwine Sarr und die französische Kunsthistorikerin Bénédicte Savoy ihren "Rapport sur la restitution du patrimoine culturel africain" an den französischen Staatspräsidenten Emmanuel Macron. In diesem Bericht geht es um Frankreichs Rückgabe des afrikanischen Kulturerbes an die Herkunftsländer.

Dieser Statusbericht schlug auch in Deutschland Wellen und hat die Debatte um die Rückgabe von Werken aus der Kolonialzeit verstärkt in die Öffentlichkeit und in die Museen getragen. Das Ziel: Die Museen für Völkerkunde in Deutschland sollen ihre Inventare digitalisieren und online stellen.

Frankreich Benedicte Savoy und Felwine Starr (Getty Images/AFP/A. Jocard)

Bénédicte Savoy (re.) und Felwine Starr plädieren für eine Rückgabe kolonialen Erbes

Andere Länder sind schon weiter. Frankreich, die Niederlande oder auch Skandinavien haben bereits ihre Sammlungen mit Kulturgütern aus der Kolonialzeit ins Netz gestellt. Deutschland hinkt hinterher. Das soll sich ändern. Die Bundesregierung hat deshalb zusätzliche finanzielle Mittel für die Provenienzforschung bewilligt.

Was bisher geschah:

Februar 2007

Ausstellung "Benin - 600 Jahre höfische Kunst aus Nigeria" in Berlin. Der damalige nigerianische Minister für Tourismus, Kultur und nationale Orientierung, Prinz Adetokumbo Kayode, reist nach Berlin und fordert die Rückgabe der Beniner Objekte.

September 2011

Die medizinhistorische Sammlung der Berliner Charité gibt mehrere Schädel und Gebeine an Namibia, die aus dem Völkermord an den Herero und Nama stammen, zurück. Sie waren vor mehr als hundert Jahren zu "Rassenforschungen" nach Berlin geschafft worden. Auch andere Sammlungen haben bereits menschliche Überreste zurückgegeben.

Baustelle Humboldt Forum Berliner Schloss (picture-alliance/Arco Images)

"No Humboldt!" heißt eine Initiative, die 2013 eine Grundsatzkritik gegen den Bau des Humboldtforums startet. Sie fordert mehr Dialog mit den Herkunftsgesellschaften.

April 2013

Die Charité in Berlin gibt die Gebeine von 33 indigenen Australiern an eine australische Delegation zurück. Vertreter der indigenen Australier waren nach Deutschland gekommen, um die "ancestral remains", die Überreste ihrer Vorfahren, in Empfang zu nehmen und "nach Hause" zu begleiten.

Juni 2013

Ein breites Bündnis von 40 zivilgesellschaftlichen Organisationen fordert die Aussetzung der Arbeit am Humboldtforum im Berliner Schloss. "Das vorliegende Konzept verletzt die Würde und Eigentumsrechte von Menschen in allen Teilen der Welt, ist eurozentrisch und restaurativ", sagt Tahir Della von der Initiative Schwarze Menschen in Deutschland.

Das "Humboldtforum", das Kernstück des rekonstruierten Berliner Schlosses, soll ab 2020 die ethnologischen Sammlungen aus Afrika, Asien und den Amerikas beherbergen.

Juli 2017

Die Kunsthistorikerin Bénédicte Savoy erhebt schwere Vorwürfe gegen das Berliner Humboldtforum und gibt ihren Austritt aus dem Expertenbeirat bekannt. Es mangele an Provenienzforschung, Transparenz und Autonomie. Das Humboldtforum sei "wie Tschernobyl", weil es seine Malaisen wie "Atommüll" unter einer Bleidecke begrabe. "Kultur ist nicht Besitz von Preußen."

Erst müsse die ungeklärte Herkunft der Objekte aus Asien, Afrika, Nord- und Südamerika, die im Berliner Schloss ausgestellt werden sollen, aufgedeckt werden. Vermutlich stammten die wenigsten von ihnen aus fairen und gerechten Transaktionen.

Präsident Macron am Rednerpult in Ouagadougou (picture-alliance/dpa/Ahmed Ouoba)

Frankreichs Präsident Macron spricht am 28.11.2017 vor Studenten in Burkina Faso und nimmt erstmals das Wort Restitution in den Mund

November 2017

"Das afrikanische Kulturerbe darf nicht länger Gefangener europäischer Museen sein." Emmanuel Macron spricht vor Studenten der Universität von Ouagadougou, der Hauptstadt von Burkina Faso. Das französische Staatsoberhaupt nimmt den Begriff Restitution erstmals öffentlich in den Mund. In einem Zeitrahmen von fünf Jahren will er eine Einigung über "vorübergehende oder endgültige Restitutionen des afrikanischen Erbes nach Afrika" erzielen.

April 2018

Der Direktor des Victoria & Albert Museum in London, Tristram Hunt, spricht sich dafür aus, Beutestücke aus der "Abessinischen Expedition" der britischen Armee als Dauerleihgaben an Äthiopien zurückzugeben, darunter eine Goldkrone, ein königliches Hochzeitskleid und ein goldener Kelch. Eine vollständige Rückgabe – nach dem Vorbild Frankreichs - schließt er indes aus.

Kultgott vom Palast des Königs Behanzin (Imago/UIG/W. Forman)

Afrikanische Raubkunst soll ins heutige Benin zurückgeführt werden

November 2018

Der senegalesische Ökonom Felwine Sarr und die französische Kunsthistorikerin Bénédicte Savoy übergeben ihren "Rapport sur la restitution du patrimoine culturel africain" an den französischen Staatspräsidenten Emmanuel Macron. Jedes vor 1960 erworbene Objekt afrikanischen Kulturerbes ist an die Herkunftsländer zurückzugeben – es sei denn, es liegen "ausdrückliche Zeugnisse" für die "volle Zustimmung" des Eigentümers im Moment des Besitzübergangs vor. Frankreich muss dafür sein Gesetz ändern.

November 2018

Macron kündigt direkt nach Übergabe des Berichts die Restitution von Objekten aus dem Königsschatz von Dahomey in den heutigen Benin an.

Dezember 2018 

Dakar eröffnet das "Museum der schwarzen Zivilisationen". Es bietet Platz für 18.000 Werke. Die Baukosten von 30 Millionen Euro wurden von China finanziert. Damit liefert Senegal neue Argumente für die Restitution afrikanischer Kunst aus europäischen Sammlungen.

Februar 2019

Frankreich und Deutschland kündigen ihre Zusammenarbeit an. Die Berliner Stiftung Preußischer Kulturbesitz und das Museum Quai Branly in Paris wollen bei der Rückgabe von Kolonialkunst künftig enger kooperieren. "Die Situation der beiden Länder ist vergleichbar", sagte Stiftungs-Präsident Hermann Parzinger nach einem Treffen mit den französischen Kollegen Stéphane Martin in Paris.

Große königliche Statues des Königreichs Dahomey im Museum Quai Branly(picture-alliance/dpa/S. Glaubitz)

Große königliche Statuen des Königreichs Dahomey im Museum Quai Branly

"Es ist besser, eine gemeinsame Position zu entwickeln, in der die Erfahrungen der Museumsexperten berücksichtigt werden", sagte Martin.

März 2019

Die Kulturminister von Bund und Ländern geben eine gemeinsame Erklärung ab. Darin heißt es, es gehöre zum demokratischen Konsens, die Kolonialgeschichte aufzuarbeiten. "Was einst unter Gewalt und Zwang angeeignet wurde, kann heute nicht guten Gewissens als rechtmäßig erworben angesehen werden." Kulturstaatsministerin Monika Grütters sprach von einer Anerkennung der historischen Verantwortung Deutschlands für sein koloniales Erbe. Raubgut soll online präsentiert werden.

Juli 2019

Ankündigung einer raschen Rückführung durch Macron, z. B. von 26 Stücken aus den Königspalästen in Abomey in Benin. Da das bestehende Museum für die Restitution jedoch modernen Erfordernissen für ein Museum nicht genügt, sagt Frankreich im Juli 2019 eine Beteiligung an den Baukosten zu.

Bis 2020 sollen drei neue Museen entstehen, darunter ein Kunst- und Zivilisationsmuseum in der Hauptstadt Porto-Novo, das dem Voodoo gewidmet sein wird. 

Monument des Königs Glele von Dahomey, Benin (Imago/Danita Delimont/A. Pavan)

Monument des Königs Glele von Dahomey in Benin

Juli 2019

Der Deutsche Museumsbund gibt einen neuen Leitfaden heraus. Er empfiehlt, wie Museen ihr koloniales Erbe erforschen sollten. Es handelt sich um eine Erweiterung eines Leitfades von 2018, der sich nur auf menschliche Überreste beschränkte. Neu hinzu gekommen ist der Umgang mit Sammelgut aus aus kolonialen Kontexten.

Oktober 2019

Kulturstaatsministerin Monika Grütters, die Staatsministerin im Auswärtigen Amt für Internationale Kulturpolitik, Michelle Müntefering, die Kulturministerkonferenz (KMK), die Kulturminister und -senatoren der Länder und die kommunalen Spitzenverbände in Berlin kündigen an, dass es ab 2020 eine "Kontaktstelle für Sammlungsgut aus kolonialen Kontexten" geben soll. Wer auf der Suche nach vermissten Gegenständen ist, kann sich dort hinwenden.

Oktober 2019

"Öffnet die Inventare": In einem offenen Brief fordern Ethnologen, Historiker, Postkolonialismus-Forscher und Künstler aus Afrika und Europa von den Kulturministern "unbeschränkten und unkontrollierten Zugang" zu den Beständen aus den ehemaligen Kolonien in Deutschlands Museen.

Wappensäule aus Namibia, Cape Cross (picture-alliance/dpa/P. Zinken)

Deutschland hat die Wappensäule an Namibia zurückgegeben

So könnte es weitergehen:

September 2020

Das Humboldtforum in Berlin soll eröffnet werden. Es soll Ausstellungen über außereuropäische Kulturen beherbergen. Im zweiten Stockwerk des Gebäudes werden zukünftig die Sammlungen des Ethnologischen Museums zu den Kulturen Ozeaniens, Amerikas und Afrikas gezeigt.

Ebenfalls in 2020

Das Museum der Zivilisationen in Abidjan in der Elfenbeinküste macht sich Hoffnungen, eine berühmte Trommel der ethnischen Gruppe der Tchaman zurückzubekommen. Außerdem forderte es in Paris, die Rückführung von rund 100 Kunstobjekten in die Elfenbeinküste vorzubereiten. 

Im Tschad stellt das Nationalmuseum von N'Djamena Ansprüche. Für den Direktor Philippe Adoum Gariam gehören die rund 9000 tschadischen Kunstobjekte in Frankreichs Sammlungen in das landeseigene Museum.

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