Deadnaming ist ″...eine massive Verletzung″ | Kultur | DW | 08.12.2020
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Interview

Deadnaming ist "...eine massive Verletzung"

In Berichten über Schauspieler Elliot Page erwähnen Medien auch den alten Namen. Kalle Hümpfner vom Bundesverband Trans* erklärt, warum das ein Problem ist.

DW: Kalle Hümpfner, in der vergangenen Woche hat der vorher als Schauspielerin bekannte Elliot Page mitgeteilt, künftig als Mann leben zu wollen. In den sozialen Netzwerken gab es viel Kritik daran, dass Medien in der Berichterstattung noch den alten Namen erwähnen, was trans* Menschen als "Deadnaming" bezeichnen. Auch wir haben in der Redaktion darüber diskutiert. Welches Vorgehen ist richtig?

Kalle Hümpfner: Viele trans* Personen, die sich outen, empfinden den abgelegten Namen als sehr unangenehm und bevorzugen daher, dass man nur noch den neuen Namen verwendet, auch wenn es um die Vergangenheit geht.

Das betrifft einerseits den neuen Vornamen, also in dem Fall Elliot, als auch das Pronomen. Hier ist es zum Beispiel wichtig, das Wörtchen "er" zu benutzen und von einem Schauspieler zu sprechen.

Aus welchen Gründen lehnen trans* Menschen den alten Namen ab - also auch dann, wenn es um eine Beschreibung aus der eigenen Vergangenheit geht?

Das hat vielfach mit der Zuschreibung zu tun, die mit einem Namen verknüpft ist. Welches Geschlecht wird einem Namen zugeschrieben? In welche Kategorie ist der Name einsortiert? Gilt das als männlicher oder weiblicher Vorname? Diese geschlechtliche Zuschreibung ist für viele trans* Personen sehr unangenehm, weil diese von außen kommt und nicht mit der eigenen Geschlechtsidentität übereinstimmt.

Es gibt ein inneres Wissen: Ich bin eine andere Person als die, welche in mir gesehen wird. Ich bin beispielsweise männlich, auch wenn in meiner Geburtsurkunde weiblich eingetragen wurde. Diese Diskrepanz wird im Laufe des Lebens immer wieder sehr schmerzhaft wahrgenommen und ist daher für viele trans* Personen eine Art wunder Punkt.

Geht man also generell davon aus, dass, wenn jemand trans* ist, das auch für die gesamte Vergangenheit dieses Menschen gilt? Diese Erkenntnis ist doch häufig das Ergebnis einer langen Selbstfindung.

Das ist schwierig allgemein zu beantworten. Das Coming-Out hat oft eine lange Vorgeschichte, wie Sie gerade schon gesagt haben. Manche trans* Personen outen sich erst nach Jahren oder Jahrzehnten der inneren Auseinandersetzung. Mittlerweile ist ein gesellschaftliches Klima entstanden, in dem es immer leichter fällt, sich zu outen.

Klar gibt es weiterhin viel Gegenwind, aber die Offenheit, das Wissen und die Akzeptanz sind deutlich höher als beispielsweise vor zehn oder zwanzig Jahren. Viele trans* Personen sagen: Ich bin heute trans*, ein trans* Mann, eine trans* Frau oder nicht-binär, also weder männlich noch weiblich. Und sie sagen weiter: Das war auch immer schon so. Das war ich auch als Kind, auch wenn ich das nicht zu dem Zeitpunkt offen legen konnte oder die Worte dafür hatte.

Ist der Name eines Menschen nicht aber auch ein Teil von ihm und seiner Geschichte? Elliot Page hat 33 Jahre unter einem anderen Namen und mit einem anderen Geschlecht gelebt, zumindest öffentlich. Die Erfahrungen, die er mit dem alten Namen gemacht hat, haben sicher Einfluss darauf gehabt, wer und wie er heute als Person ist. Ist das Verbannen eines Namens nicht auch das Verdrängen erlebter Erfahrungen?

Ich kenne wenige trans* Personen, die sagen: Es ist okay, wenn Leute meinen früheren Namen verwenden, um über die Vergangenheit zu sprechen. Dagegen kenne ich recht viele Leute, die klar kommunizieren: Für mich ist die Verwendung meines alten Namens eine massive Verletzung und extrem unangenehm.

Ich weiß nicht, was Elliot Pages Präferenz wäre. Aber ich habe mitbekommen, dass Netflix sehr schnell auch bei den früheren Filmen von Elliot Page den Namen geändert und aktualisiert hat. Viele nordamerikanische Medien sind ebenfalls sehr achtsam mit dieser Frage umgegangen.

Wenn unklar ist, wie das Verhältnis einer Person zum vorherigen Namen ist, bleibt die sichere Variante, nur noch den neuen Namen zu verwenden, um eine Verletzung zu vermeiden.

Caitlyn Jenner im weißen Badeanzug auf dem Titelbild von Vanity Fair.

Das Coming-out von Caitlyn Jenner führte 2015 zu Diskussionen über mehr Trans*rechte.

Bei einer öffentlichen Person ist die Vergangenheit bekannt. Bei nicht-öffentlichen Personen ist das anders. Wie steht es um deren Schutz?

In Deutschland ist das Transsexuellengesetz gültig, das es sogar verbietet, den alten Namen weiterhin zu verwenden, wenn eine Person rechtlich eine Namensänderung durchgeführt hat. Da gibt es tatsächlich einen besonderen Schutz, auch mit dem Wissen um transfeindliche Diskriminierung in der Gesellschaft.

Wichtig zu bedenken ist außerdem: Manche trans*Personen werden auch nicht als solche im öffentlichen Leben erkannt, weil man es ihnen nicht ansieht und sie schon lange in dieser Geschlechterrolle gelebt haben. Wird offengelegt, dass eine Person trans* ist, birgt das immer auch die Gefahr von Benachteiligung, Gewalt oder Anfeindung. Daher sollten Fremdoutings durch einen achtsamen Umgang mit Namen dringend vermieden werden.

Sie sagten, die gesellschaftliche Akzeptanz sei in den vergangenen Jahren gestiegen. Wie viel Arbeit liegt als Gesellschaft trotzdem noch vor uns?

Ich würde sagen, da ist noch einiges zu tun, was die Gesetzeslage angeht, die ich gerade angesprochen habe. In Deutschland gilt noch immer das Transsexuellengesetz, das seit Anfang der 1980er Jahre in Kraft ist. Damals war die Vorstellung von Trans* noch eine ganz andere.

Diese Vorstellung war sehr pathologisierend: Trans* sein galt als psychische Störung und es hieß, trans * Personen müssten auf jeden Fall sehr eng in ihren Entscheidungen überwacht werden. Welche Art von Veränderung sie sich wünschten, ob jetzt eine Namens- und Personenstandsänderung möglich war oder welche medizinischen Angleichungen stattfinden konnten, wurde immer sehr, sehr streng kontrolliert und war mit Gutachten zu belegen.

Und ist das heute noch so?

Ja, diese Begutachtungen und die enge Kontrolle sind leider bis heute weitestgehend erhalten geblieben. Eine trans* Person, die in Deutschland den Namen und den Geschlechtseintrag ändern möchte, durchläuft immer noch ein langes Verfahren vor dem Amtsgericht.

Es dauert im Schnitt circa ein Jahr, bis dieser Prozess abgeschlossen ist. Währenddessen muss eine trans* Person mit Papieren leben, die nicht der eigenen Identität und in vielen Fällen auch nicht dem Aussehen entsprechen. Und das führt im Alltag schnell zu vielen unangenehmen Erfahrungen, wenn hinterfragt wird, wessen Papiere das jetzt eigentlich sind, weil Name und Aussehen nicht zusammenpassen.

Im medizinischen Bereich kämpfen trans* Personen häufig darum, dass die Kosten für die Geschlechtsangleichung durch die Krankenkassen übernommen werden. Das ist oft ein jahrelanger Rechtsstreit. Hinzu kommen Erfahrungen von Diskriminierung am Arbeitsmarkt und Angriffe gegen trans* Personen in der Öffentlichkeit.

USA Chelsea Manning

Whistleblowerin Chelsea Manning stand als Mann vor Gericht. Den neuen Namen machte ihr Anwalt nach der Verurteilung 2013 öffentlich (Foto: 2019)

Zur Akzeptanz kann auch die Berichterstattung beitragen, wobei die Wahl der Sprache eine Rolle spielt. Viele Redaktionen schreiben oder sprechen bereits Gendersternchen oder -doppelpunkt mit, um alle Menschen einzubeziehen. Auch bei der Deutschen Welle wird darüber diskutiert. Wie zufrieden sind Sie mit den Medien in Deutschland?

Medien gehen sehr unterschiedlich mit geschlechtlicher Vielfalt um. Manche haben eine Sprachregelung gefunden, die mehr als zwei Geschlechter mitdenkt. Gleichzeitig kennen wir auch viele Medien, die weiterhin das generische Maskulinum verwenden. Es ist auf jeden Fall ein guter Schritt, wenn ein Symbol wie Unterstrich, Gendersternchen oder Doppelpunkt verwendet wird.

Ebenfalls wichtig ist, Personen mit dem richtigen Pronomen zu adressieren. Ist es möglich, dass eine nicht-binäre Person, die kein Pronomen für sich wünscht, auch tatsächlich immer nur mit dem Namen benannt wird? Oder taucht dann doch wieder "er" oder "sie" an einer Stelle auf, was wieder ein Aberkennen der Geschlechtsidentität darstellt? Das sind entscheidende Fragen und auch relevante Diskussionen, um Menschen mit unterschiedlichsten Geschlechtsidentitäten in Sprache mehr zu repräsentieren.

Und wie sattelfest sind die Redaktionen mit Begrifflichkeiten?

Begrifflichkeiten wie "transsexuell" oder "Transsexualität" sind mittlerweile veraltet. In diesen Begriffen vermischen sich zwei Ebenen, die nicht zueinander passen: Denn Sexualität ist eine Frage, mit wem ich gerne Nähe teilen möchte. Bei Trans*identität geht es jedoch nicht um die Frage von Sexualität, sondern um die Frage von Geschlechtsidentität. Also: Wer bin ich? Mit welcher geschlechtlichen Ansprache und Rolle fühle ich mich wohl?

 Zudem kommt "transsexuell" aus dem medizinischen Kontext und führt eine sehr pathologisierende Vorstellung von Trans* im Gepäck. Leider werden diese Begriffe von Redaktionen dennoch häufig noch verwendet. Es gibt es noch viel Luft nach oben und ich hoffe, dass in den nächsten Jahren mehr alternative Begriffe wie "transgeschlechtlich" oder "trans*" genutzt werden.

Kalle Hümpfner ist Referent_in für gesellschaftspolitische Arbeit beim Bundesverband Trans*. Das Gespräch führte Torsten Landsberg.

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