Dauerregen führt zu Kreideabbruch auf Rügen | Wissen & Umwelt | DW | 16.08.2011
  1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Wissen & Umwelt

Dauerregen führt zu Kreideabbruch auf Rügen

Die größte deutsche Insel ist für ihre Steilküste und ihre Kreidefelsen berühmt - aber an denen nagt die Erosion in diesem verregneten Sommer besonders stark. Jetzt ist wieder ein großes Kliffstück ins Meer abgerutscht.

Kreidefelsen auf der Insel Rügen (Foto: dpa)

Am Rande von Rügen bröckelt es seit Menschengedenken. Denn im Gegensatz zu anderen geologischen Formen von Kalkstein ist Kreide weich. Daher ist es kein Wunder, dass die Wellen der Ostsee zusammen mit Regen und Schnee über zehntausende von Jahren eine spektakuläre Küstenlinie herausmodellieren konnten.

Die weißen, zerklüfteten Felsen sind das Wahrzeichen der Insel und eine Tourismus-Attraktion: Auch der Maler Caspar David Friedrich ließ sich 1818 diesen Anblick nicht entgehen. Sein berühmtes Bild "Kreidefelsen auf Rügen" zeigt die Szenerie an einem der bekanntesten Aussichtspunkte der Steilküste, der "Stubbenkammer".

Es bröckelt also - und manchmal rutscht gleich ein ganzer Hang auf den Strand oder in die Ostsee hinab. Und das passiert meist gar nicht völlig überraschend, erläutert der Geologe Dr. Ingolf Stodian vom Nationalpark Jasmund: "Wenn die Klippen immer steiler und dabei zerfurcht werden, dann sieht man schon, dass es nicht mehr lange dauert. Die stehen dann mehr als senkrecht, sie hängen über, weil unten das Meer eine Brandungshohlkehle hineinformt - und dann weiß man, dass sich das früher oder später nicht mehr halten kann."

Einer der drei größten Abbrüche seit 2002

Ein frischer Abbruch der Kreidefelsen liegt am Montag (15.08.11) am Fuße der Kreidefelsen im Nationalpark Jasmund auf Rügen (Foto: Nationalpark Jasmund/dapd)

Siebzig Meter tief stürzte das Gestein

Auch den jüngsten Kreideabbruch am Wochenende (13.08.2011) hatten die Experten und Insel-Anwohner kommen sehen: Auf einer Länge von 100 Metern donnerten 30.000 Kubikmeter Gestein 70 Meter tief hinab - verletzt wurde dabei zum Glück niemand. Ausgelöst haben den Abrutsch die massiven Regenfälle der vergangenen Wochen, da ist sich Stodian sicher: "Kreide staut das Grundwasser, sie ist meist so verfestigt, dass sie nicht aufquillt. Es gibt aber auch Bereiche, die nehmen Wasser auf und werden glitschig. Und an solchen Gleitbahnen ist dann die Stabilität nicht mehr gegeben".

Ein Kreideabbruch nach Starkregen ist als Einzelereignis betrachtet nichts Außergewöhnliches. Und dennoch ist für den Geologen klar: Die Erosion an Rügens Steilküste nimmt zu, und zwar nicht durch Wetterlaunen, sondern durch ein verändertes Klima: "Was es früher nicht so häufig gab, sind die Extremereignisse. Wir haben lange Trockenphasen, der Boden ist vollkommen ausgetrocknet, und dann kommen unmittelbar darauf dreifache Niederschlagsmengen im Vergleich zum langjährigen Mittelwert." Früher habe die Schneeschmelze die Kreideabbrüche verursacht; im Februar bis spätestens April - und dann sei Ruhe gewesen.

Erosionsfaktor Meeresspiegel

Baum in der Kippe nach einem Kreideabbruch (Foto: dpa)

Lange hält sich dieser Baum wohl nicht mehr

Rügens Kreidefelsen macht aber auch ein zweiter Klimafaktor überproportional zu schaffen, erläutert Ingolf Stodian: "Früher war das sehr viel stabiler, weil wir einen Hangfuß hatten, der 20 bis 40 Meter hoch war und diese senkrechte Wand abgestützt hat bis fast zur Hälfte - oben guckten noch die Kreidefelsen raus. Dieser Hangfuß ist in den letzten 100 Jahren weggespült worden. Der Meeresspiegel ist ja leicht gestiegen, und diesen Kreideschutt, der ja schon ewig dort immer abbröckelt, den nimmt er jedes Jahr kontinuierlich mit weg."

Die Erosion gehört zur Steilküste, und für den Geologen Stodian sind auch die nun häufigeren Kreideabbrüche aus der Sicht des Nationalparks kein Problem - das habe die Natur nun einmal so eingerichtet.

Auf Rügen droht so schnell kein bewohntes Terrain ins Meer zu rutschen, aber das sehe an anderen Küsten anders aus, wo man die Erosion nur mit sehr viel Aufwand für ein Weilchen aufhalten könne: "Viel Wasser von oben und ein steigender Meeresspiegel werden die Probleme natürlich in Zukunft nicht kleiner machen," prophezeit der Geologe.

Autor: Michael Gessat
Redaktion: Fabian Schmidt

WWW-Links