„Das Jahr, in dem ich lügen lernte“ | Spurensuche | DW | 18.05.2018
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Spurensuche

„Das Jahr, in dem ich lügen lernte“

„Das Jahr, in dem ich lügen lernte“ wird in wenigen Tagen mit dem Katholischen Kinder- und Jugendbuchpreis ausgezeichnet. Dr. Ute Stenert sprach mit dem Juryvorsitzenden, Weihbischof Robert Brahm, über das Buch.

„Das Jahr, in dem ich lügen lernte“: ein Buchtitel der aufhorchen lässt. Für diesen brillanten wie berührenden Jugendroman erhält Autorin Lauren Wolk den diesjährigen Katholischen Kinder- und Jugendbuchpreis. Für ihre hervorragende Übersetzung wird Birgitt Kollmann ebenfalls ausgezeichnet. Am 24. Mai werden die Gewinnerinnen im Bonner Museum „Haus der Geschichte“ gewürdigt. Im Interview mit Dr. Ute Stenert begründet Juryvorsitzender, Robert Brahm, Weihbischof in Trier, warum der Jugendroman die Jury überzeugt hat.

Dr. Stenert: Worum geht es in dem Roman?
Weibischof Brahm: Kurz gesagt, geht es um die zentrale Frage: Ist eine Lüge erlaubt, um die Wahrheit ans Licht zu bringen?

Dr. Stenert: Wie gelingt es, so eine schwierige Frage jugendgerecht darzustellen und aus christlicher Perspektive einzuordnen?
Weibischof Brahm: Autorin Lauren Wolk greift diese Frage am Beispiel der jungen Annabelle auf. Erzählt wird von der Elfjährigen, die zusammen mit ihren Brüdern auf einer Farm in Pennsylvania lebt. Sie wächst behütet und geliebt von ihren Eltern und Großeltern auf.

Dr. Stenert: Das klingt nach einer unbeschwerten Kindheit.
Weibischof Brahm: Ja, bis es zum jähen Ende kommt und sie aus der Idylle gerissen wird. Verantwortlich dafür ist ihre neue Schulkameradin Betty Glengarry. Sie ist das personifizierte Böse. Ein Mädchen, das Angst macht. Sie erpresst, ist skrupellos und intrigant.

Dr. Stenert: Wie verdeutlicht die Autorin diese Abscheulichkeit?
Weibischof Brahm: An vielen kleinen Szenen. Nur ein Beispiel von vielen: Als Betty die Elfjährige wieder einmal schockieren will, tötet sie vor ihren Augen einen kleinen Vogel. Annabelle ist verstört. Sie ist fassungslos, warum Betty so etwas macht.

Dr. Stenert: Was machen Erlebnisse wie diese mit Annabelle?
Weibischof Brahm: Sie verändern sie nachdrücklich. Der Buchtitel steht für den Lernprozess der Protagonistin. Es ist die bittere Erkenntnis, dass Menschen brutal sein können – und sie auch Lügen als Machtinstrument nutzen. Es geht dabei um viel mehr als kleine Schwindeleien. Es geht um das Konstrukt des Bösen. Es geht auch um die Verflechtungen der Lüge. Lauren Walk schafft dafür die Figur Betty mit dem Aussehen eines blondgelockten Engels und einer tiefschwarzen Seele.

Dr. Stenert: Und Betty verkörpert das, was auch die Bibel nicht verneint: die Gegenwart des Bösen?
Weibischof Brahm: Ja, die literarische Figur verdeutlicht: das Böse ist im Leben präsent, das Böse, das uns täglich herausfordert. So ergeht es auch Annabelle. Als sie sich Bettys Erpressungsversuchen verweigert, bekommen es ihre jüngeren Geschwister zu spüren. Es kommt immer schlimmer. Als Annabelles Freundin Ruth durch einen Steinwurf ein Auge verliert, zeigt sich Bettys ganze manipulative Raffinesse. Sie lenkt den Verdacht auf den Außenseiter Toby. Und die Gemeindemitglieder sind allzu rasch bereit, in Toby tatsächlich den Täter zu sehen. Das will Annabelle nicht hinnehmen. Sie begreift, dass sie gegen dieses Unrecht etwas unternehmen muss. Schuldlos wird sie dabei schuldig. Couragiert setzt sie sich für den Außenseiter ein, den Betty willkürlich missbraucht. Annabelle aber will nicht vorverurteilen. Sie lernt, dass ein Mensch so hinterlistig lügen kann, dass es sogar notwendig wird, selbst zum Mittel der Lüge zu greifen. Um die Wahrheit offen zu legen.

Dr. Stenert: Ist Annabelle stark genug, mit dem inneren Druck umzugehen?
Weibischof Brahm: Ja, auch weil sie sich ihrer Familie anvertraut und diese sie trägt. Weder Annabelle noch ihre Eltern können ein sich abzeichnendes Drama abwenden. Sie tun aber das, was sie aus ihrem Glauben an das Gute für richtig erachten. „Ich lege vor euch Leben und Tod“, heißt es im Alten Testament. „Wählt das Leben.“ So entscheidet sich auch Annabelle für das Gute, für das Leben. Sie begreift, dass die Umstände so sein können, dass der Tod unausweichlich ist. Sie zerbricht aber nicht an der Tragik. Dank ihrer Familie kann sie daher sagen: Ich habe Verantwortung übernommen, so gut ich konnte. So bleibt am Ende ein versöhnter Blick auf sich selbst.

1 Lauren Wolk, „Das Jahr, in dem ich lügen lernte“, Hanser Verlag, München 2017.

Dr. Ute Stenert ist Rundfunkbeauftragte der Deutschen Bischofskonferenz und Geschäftsführerin der katholischen Rundfunkarbeit in Bonn. Seit über 20 Jahren ist sie freie Autorin für unterschiedliche Medien tätig.