Das Ende der bunten Tattoos? | Deutschland | DW | 17.02.2020
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Mögliches Farbverbot

Das Ende der bunten Tattoos?

Die Europäische Chemikalienagentur schlägt vor, Pigmente für bestimmte Tattoofarben zu verbieten. Die Folgen wären gravierend. Tätowierer fürchten, ihr Berufsstand könnte in die Illegalität abrutschen.

Anke Zalisz sitzt auf einem Tätowierstuhl und krempelt die Ärmel ihrer Bluse hoch. Auf ihren Unterarmen tummeln sich ein Bandit, eine Tänzerin und eine Frau mit Federschmuck - alles schön bunt. Seit 35 Jahren arbeitet Zalisz als Tätowiererin in Köln. In dieser Zeit hat sie ihren Kunden unzählige farbige Tattoos gestochen. Doch das könnte in Zukunft schwieriger werden.

Anke Zalisz, Tätowiererin im Studio Elektrische Tätowierungen in Köln-Mülheim (DW/M. Benecke)

Tätowiererin Anke Zalisz nennt das geplante Verbot "kompletten Blödsinn"

Denn die Europäische Chemikalienagentur (ECHA) hat vorgeschlagen, bedenkliche Substanzen in Tattoofarben aus dem Verkehr zu ziehen. Dazu gehören die Farbpigmente Blue 15 und Green 7, die in zwei Dritteln aller Tattoofarben enthalten sind.

Kaum Studien über Langzeitwirkung

Die ECHA weist darauf hin, dass die Pigmente laut einer EU-Regulierung in Kosmetika bereits tabu sind. Und was nicht auf der Haut verwendet werden darf, dürfe auch nicht unter die Haut, argumentiert die Agentur. 

Tattoofarben stehen zwar unter Verdacht, krebserregende Stoffe zu enthalten. Doch über die Langzeitwirkung der Farbteilchen im Körper ist wenig bekannt. Selbst die ECHA räumt ein, die Chemikalien seien zwar unter Umständen gesundheitsschädlich, "die Folgen ihrer Verwendung jedoch kaum bekannt".

In Deutschland wehren sich Tätowierer, Kunden und Farbhersteller gemeinsam gegen das geplante Verbot. Mitte Januar startete der Tätowierer Jörn Elsenbruch die Online-Petition "Tatoofarben retten". Das Ziel: Bundestag und Bundesregierung sollen sich mit dem Thema befassen und Druck auf die Europäische Kommission ausüben. So könnte ein Verbot verhindert werden. Bis zum Ende der Petitionslaufzeit am vergangenen Wochenende sammelte der Initiator exakt 151.619 Unterschriften. Damit ist gesichert, dass das Anliegen beim Petitionsausschuss des Bundestages auf den Tisch kommt.

Symbolbild Tattoos (Getty Images/AFP/D. Roland)

Viel Farbe unter der Haut

Tätowierer befürchtet "Berufsverbot light"

21 Prozent der Deutschen sind tätowiert. Das ergab eine Studie, die das Magazin "Apotheken Umschau" 2019 in Auftrag gab. Damit hat sich der Anteil der Tätowierten in den vergangenen sieben Jahren fast verdoppelt - 2012 waren es noch 11,4 Prozent. Sollten die Pigmente Blue 15 und Green 7 vom Markt verschwinden, hätte das enorme Folgen für die EU-weite Tattoo-Industrie. "Tätowieren ohne Farben geht nicht", sagt Tattookünstler Sven Schinke der DW. Er fürchtet, dass Tätowierer in die Illegalität abrutschen könnten, indem sie sich zum Beispiel Farben aus den USA bestellen oder ihre Arbeit in Hinterzimmern verrichten. "Also ich möchte meinen Job lieber machen, ohne dabei mit einem Bein im Knast zu stehen", so Schinke.

Infografik - Beschäftigte Tätowierer und Piercer in Deutschland - DE

Tätowierer Dennis Klothen nennt die geplante Regelung ein "Berufsverbot light". Laut Klothen gibt es zwar keine Langzeitstudien, dafür aber die Langzeiterfahrung vieler Tätowierer was die Verträglichkeit der Farben angeht. "Es ist nicht so, dass die Kunden reihenweise an Krebs erkranken oder ihnen links und rechts die Arme abfallen", sagt Klothen im DW-Gespräch.

Geplante Übergangsfrist stößt auf Widerstand

Im April wollen die EU-Staaten über ein Verbot beraten. Sollte dieses tatsächlich verabschiedet werden, ist eine mehrjährige Übergangsfrist geplant. In dieser Zeit dürfen die betroffenen Pigmente weiter benutzt werden. Gleichzeitig soll nach Alternativen für Blue 15 und Green 7 geforscht werden. Doch Tätowierer und Farbhersteller bezweifeln den Erfolg dieser Suche. "Die Pigmente sind nicht ersetzbar und würden bei ihrem Verbot das Tätowieren in die Steinzeit zurückkatapultieren", schreibt ein Farbhersteller und Unterzeichner der Petition.

Auch Dennis Klothen bezweifelt den Sinn einer Übergangsregelung. "Wenn die Pigmente tatsächlich so schädlich und krebserregend sind, warum dürfen wir sie dann in der Übergangszeit noch benutzen", fragt Klothen. "Das Ganze scheint mir von vorn bis hinten nicht wirklich durchdacht."

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