Das Elend der Esel von Santorini | Europa | DW | 14.07.2019
  1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Tierquälerei

Das Elend der Esel von Santorini

Auf der griechischen Insel werden Esel benutzt, um Lasten und Touristen zu befördern. Doch viele der Tiere werden misshandelt und befinden sich in einem desolaten Zustand. Tierschützer geben den Behörden eine Mitschuld.

Malerische Gassen, weißgekalkte Häuserwände und beeindruckende Sonnenuntergänge: Santorini gilt als eine der schönsten Inseln Griechenlands. Aber das ruhige Touristenparadies im Ägäischen Meer ist auch Austragungsort eines erbitterten Streites zwischen Tierschützern und Inselbewohnern geworden. Dabei geht es um Esel - sie sind eine der wichtigsten Einnahmequellen der Insel, aber auch akut bedroht. Tieraktivisten beklagen, dass sie ausgebeutet und missbraucht werden. In einem anklagenden Bericht und einem Video mit erschreckenden Bildern hat die Tierrechtsgruppe "PETA" den griechischen Behörden vorgeworfen, die "grausame" Behandlung der Tiere zu vertuschen.

Das Leiden der Esel in Griechenland (PETA)

Touristen profitieren vom Leid der Tiere. Screenshot aus einem PETA-Video

Attraktion für die Touristen

Verziert mit bunten Perlen und klingelnden Glocken transportieren die Esel Hunderte von Urlaubern jeden Tag einen steilen und qualvollen Pfad von etwa 520 Stufen hinauf. Das soll den Touristen ein "authentisches" griechisches Erlebnis bescheren. Kostenpunkt: Sechs Euro.

Doch Tierschützer beklagen, dass die Esel auf der Insel schlecht gehalten werden und nicht gesund sind. "Wenn man seine Hand unter die Gürtel und Sättel legt, merkt man, dass sie voller offener Wunden sind", sagt Maria Astraveni vom internationalen Tierrechte-Netzwerk "Direct Actions Everywhere". "Ihre Zügel und Mundstücke sind manchmal blutgetränkt. Und wenn sie zusammenbrechen, nicht mehr weitermachen können, lassen ihre Besitzer sie einfach verenden und ersetzen sie dann durch einen jüngeren Esel oder ein Maultier."

Laut der Tierrechtsaktivistin schlagen die Besitzer ihre Tiere, um sie dazu zu bringen, bis zu 20 Stunden am Tag schweres Gepäck und Touristen zu transportieren. Die Tiere bekommen selbst in der Mittagshitze kaum Wasser, Nahrung oder genügend Ruhepausen im Schatten.

Das Leiden der Esel in Griechenland (Maria Atraveni)

Die Esel haben offene Wunden, in denen sich Fliegen festsetzen

Ausgangspunkt des qualvollen Aufstiegs ist der Hafen der Insel. Jede Woche kommen hier rund 40.000 Touristen an, viele von ihnen aus Deutschland. Und bei den Touristen liegt der Schlüssel zum Erfolg, meint Astraveni. "Um das Traditionsgeschäft mit den Eseln zum Erliegen zu bringen, müssen wir zuerst die Touristen dazu bringen, das Geschäft nicht weiter zu unterstützen.”Im Jahr 2015 wurde der Missbrauch von Tieren zu einer Straftat ernannt, die mit bis zu 15.000 Euro und fünf Jahren Gefängnis bestraft werden kann. 

Der Missbrauch geht weiter

Doch die Aktivisten werfen vor allem den lokalen Behörden auf der Insel vor, die Esel auch weiterhin nicht ausreichend zu schützen. Bereits vor einem Jahr gab es heftige internationale Kritik und sogar gewalttätige Proteste wegen der schlechten Behandlung der Esel. Damals reagierte die griechische Regierung und ergriff Sofortmaßnahmen. Die sehen eigentlich vor, dass Eselhalter ihre Tiere in geeigneten Ställen unterbringen, ihnen 30 Minuten Ausritt am Tag gewähren und die Arbeit mit ihnen bei hohen Temperaturen einschränken müssen. Die Tiere dürfen auch nicht mit einer Last beladen werden, die mehr als 100 Kilogramm wiegt oder ein Fünftel ihres Körpergewichts übersteigt.

Dennoch beklagen Aktivisten, dass der Missbrauch der Tiere weitergeht, denn kein Halter wurde bisher bestraft. Bislang sei "rein gar nichts geschehen”, sagt die Tierschützerin Astraveni. Sie und andere Aktivisten beschuldigen die örtlichen Behörden, das Schicksal der Esel nicht nur zu ignorieren, sondern sogar das lukrative Geschäft mit den Tieren zu unterstützen. Dazu passe auch, dass die Behörden Plakate der Tierschützer an Bussen und Taxis verhinderten, die einen erschöpften Esel zeigen sowie den Schriftzug: "Esel leiden für Touristen. Bitte sehen Sie vom Reiten ab."

Das Leiden der Esel in Griechenland (PETA)

Plakataktion der Tierschutzorganisation PETA in Griechenland

Nur die Spitze des Eisbergs

Zahlreiche Kampagnen kämpfen seit Jahren darum, Santorinis Esel zu retten. Bisher aber ohne Erfolg. Dadurch sehen sich die Aktivisten gezwungen, den Druck zu erhöhen und sogar strafrechtliche Maßnahmen gegen lokale Behörden zu erwägen. "Wir sind über den Punkt hinaus, den Besitzern der Esel eine bessere Behandlung der Tiere nahezulegen”, sagt Astraveni der DW. "Und es geht uns auch nicht darum, allein auf das Geschäft mit den Touristen aufmerksam zu machen. Das ist nur die Spitze des Eisbergs der kriminellen Handlungen. Wir tragen derzeit belastende Beweise gegen die lokalen Behörden zusammen.”

Die Esel waren lange Zeit entscheidend für die Infrastruktur und die Landwirtschaft auf der Insel. Allerdings hat Griechenlands Wandel zur Moderne den Tieren stark zugesetzt. Untersuchungen der Universität Athen zeigen, dass ihr Bestand im letzten halben Jahrhundert um etwas mehr als 96% gesunken ist -  von 508.000 im Jahr 1955 auf rund 12.000 im Jahr 2015. Von den verbliebenen Tieren leben etwa 2000 auf Santorini. Damit beheimatet die Insel eine der größten Esel-Gemeinschaften Griechenlands. "Die Esel müssen befreit werden, sonst könnten sie aussterben”, sagt Astraveni.

Das Leiden der Esel in Griechenland (Maria Atraveni)

Oftmals müssen die Esel viel zu schwere Lasten tragen

Wiederholte Versuche der DW, die örtlichen Behörden zu kontaktieren, blieben unbeachtet. Allerdings gab der Bürgermeister von Santorini, Nikos Zorzos, als Reaktion auf den Bericht von PETA eine Erklärung ab. Darin sagte er, dass die Behörden sich an das griechische Recht zum Schutz der Tiere halten. "Mehrere Organisationen" hätten die Insel inspiziert und festgestellt, dass die Tiere bei guter Gesundheit seien. "Wir kümmern uns um ihr Wohlergehen", sagte er und fügte hinzu, dass die Stadtverwaltung nicht zuständig sei für Werbekampagnen in Bussen oder Taxis, um im Namen von PETA zu intervenieren.

Die lokalen Eselhalter weigern sich unterdessen, ihre Eselsritte einzuschränken. Sie behaupten, dass ihr boomendes Geschäft sogar die bedrohte ursprüngliche Lebensart Santorins erhalte.

Die Redaktion empfiehlt