Das blaue Blut der Pfeilschwanzkrebse kann Leben retten | Global Ideas | DW | 12.12.2018
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Das blaue Blut der Pfeilschwanzkrebse kann Leben retten

Jedes Jahr werden mehr als eine halbe Million Pfeilschwanzkrebse gefangen - ihr Blut ist wichtig für die Arzneimittelforschung. In Asien gelten sie als Delikatesse, ihr Lebensraum schrumpft - die Tiere sind gefährdet.

In den Gewässern entlang der Ostküste der USA und einiger ostasiatischer Länder lebt eine Spezies, die sich so entschlossen gegen jede Veränderung zu stemmen scheint, dass sie zu Recht als lebendes Fossil bezeichnet werden kann. Die Rede ist von Pfeilschwanzkrebsen.

"Sie krochen schon zwischen den Beinen von Dinosauriern herum. Und die lebten immerhin 150 Millionen Jahre lang auf der Erde", sagt John Tanacredi. Der Professor am Molloy College in New York gilt als ausgewiesener Experte auf dem Gebiet dieser erstaunlichen Spezies, von der viele wahrscheinlich noch nie gehört haben.

"Beim Massensterben vor 65 Millionen Jahren sind die Dinosaurier von der Erde verschwunden, sowohl an Land, als auch im Wasser. Umso bemerkenswerter ist es, dass diese Tiere überlebt haben", so Tanacredi.

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Bei den Pfeilschwanzkrebsen handelt es sich nicht wirklich um Krebse. Es sind zwar auch Gliederfüßer, sie sind jedoch eher mit den Spinnen verwandt.

Pfeilschwanzkrebse gehören zu den sogenannten Kieferklauenträgern, einer Gruppe der Gliederfüßern, die keine Fühler oder Antennen hat, stattdessen aber über besondere Beißwerkzeuge verfügt.

Ihr Aussehen allein macht die Tiere schon zu etwas Besonderem. Sie können etwa 60 Zentimeter groß werden, verfügen über helmartige Außenschalen und fünf Beinpaare. Der Mund befindet sich in der Mitte des Körpers und über den ganzen Körper verteilt sind mehrere Augen.

Das Geheimnis des blauen Blutes

Forschungen, die sich auch mit den zehn Augen des Pfeilschwanzkrebses beschäftigt haben, wurden 1967 mit dem Nobelpreis für Medizin ausgezeichnet. Noch bemerkenswerter ist allerdings, dass die Kreaturen Leben retten können. Bereits 1956 zeigten Studien, dass ihr hellblaues Blut reich an Amöbozyten ist, also Zellen, die unmittelbar auf Giftstoffe reagieren. Das bedeutet, dass das Blut der Pfeilschwanzkrebse für den Limulus-Amöbozyten-Lysat-Test (LAL) verwendet werden kann. Der Test kommt heutzutage bei Arzneimittel-Studien zum Einsatz.

Mehrere gefangene Pfeilschwanzkrebse in einem Boot (Imago/Zumapress/Sopa)

Der Mensch geht mit den Pfeilschwanzkrebsen nicht gerade zimperlich um - ob sie überleben scheint nicht immer wichtig

Die Entdeckung der lebensrettenden Eigenschaften hat eine riesige Industrie entstehen lassen, für die jedes Jahr mehr als eine halbe Million Tiere entlang der Atlantikküste gefangen werden.

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Der Mensch geht dabei nicht zimperlich vor. Sammler heben die Tiere auf, wenn sie zum Brüten an Land kriechen. Sie werden in Labors gebracht und dort mit einer Kanüle am Herzen angepiekst, um dann etwa ein Drittel ihres Blutes abzuzapfen. Danach bringt man sie zurück.

Da jedes Medikament, das heute von der US-amerikanischen Food and Drug Administration (FDA) zertifiziert wird, mit LAL getestet werden muss, ist das Blut äußerst gefragt. Das sollte dazu führen, dass alles getan wird, um das Überleben der Art zu sichern. Sowohl in den USA als auch in Asien. Doch so einfach ist es nicht.

Pfeilschwanzkrebse werden in einer Anlage angezapft, ihr blaues Blut fließt in Flaschen (Imago/Bluegreen Pictures)

Das hellblaue Blut der Krebse ist besonders für die Medizinforschung, weil es sehr schnell auf Giftstoffe reagiert

Es gibt viele Bedrohungen

Mal ganz abgesehen davon, dass weitgehend unklar ist, welchen Schaden die Tiere bei der Blutentnahme erleiden, oder was mit ihnen passiert, wenn sie wieder ins Wasser zurückgesetzt werden, gibt es noch ganz andere Bedrohungen: Pfeilschwanzkrebse werden von Aalfischern als Köder eingesetzt, ihre Lebensräume erodieren langsam aber sicher und in Asien werden sie zunehmend zu einer begehrten Delikatesse.

"In China landen die Tiere vorwiegend auf dem Teller", sagt Glenn Gauvry, Gründer der Ecological Research and Development Group (ERDG).

Bevor sie gegessen werden, wird ihnen auch ihr Blut abgezapft. Die pharmazeutische Industrie in Asien verwendet Tachypleus-Amöbozytenlysat (TAL). Im Prinzip ist es dasselbe wie LAL, stammt aber von einer anderen Art Pfeilschwanzkrebs. Anstatt ins Meer zurückgebracht zu werden, werden die Tiere im Anschluss an den Aderlass für den Lebensmittelmarkt geschlachtet.

"Addieren wir dazu den Verlust des marinen und terrestrischen Lebensraums, dann sehen wir ein ernstes Problem für die drei Arten in Asien", sagt Gauvry weiter.

Angesichts dieser Entwicklungen stufte die Weltnaturschutzunion (IUCN) die Tiere im Jahr 2016 als gefährdet ein. In anderen Worten: Nachdem sie selbst das Aussterben der Dinosaurier überlebt haben, stehen die Pfeilschwanzkrebse nun vor ihrer ultimativen Herausforderung in Gestalt des Menschen.

Asiatische Pfeilschwanzkrebse an einem Strand (Imago/imagebroker/SeaTops)

In Asien werden die Tiere gefangen und angezapft, danach landen sie aber nicht wieder im Wasser, sondern auf dem Teller

Wandel in der Wahrnehmung

Ihr zahlenmäßiger Rückgang betrifft auch Zugvögel wie den Knutt, eine Art aus der Familie der Schnepfen. Diese ernähren sich während der Brutzeit der Pfeilschwanzkrebse von deren Eiern. Dies geschieht über einen Zeitraum von mehreren Wochen im Frühsommer, wenn Millionen Tiere an Land krabbeln.

Glenn Gauvry hat dieses Ereignis mehrmals in seiner Stadt Little Creek an der Delaware Bay miterlebt. Hier brüten die meisten Pfeilschwanzkrebse. Durch die Hilfe, die er mit seiner Gruppe ERDG für Tiere nach Ölunfällen leistete, wurde ihm bewusst, dass niemand den Schutz der Pfeilschwanzkrebse auf dem Schirm hatte. Der Bereitstellung von Informationen auf seiner Website ist es unter anderem zu verdanken, dass die Öffentlichkeit neugierig auf die ungewöhnlichen Wasserbewohner geworden ist.

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"Vorher wurden Pfeilschwanzkrebse mehr oder weniger verachtet", sagt Gauvry der DW. "Sie kamen zum Laichen an den Strand und starben dort in großer Zahl. Sie haben also gestunken und Insekten angezogen."

Es sei nicht ungewöhnlich gewesen, dass man in den Küstengemeinden Bauunternehmer anheuerte und denen sagte, dass sie eine große Grube ausheben und alle Pfeilschwanzkrebse da reinwerfen sollen, egal ob lebendig oder tot. "Es gab keine Vorschriften", so Gauvry.

Eier eines Pfeilschwanzkrebses in einer Menschenhand (Imago/Bluegreen Pictures)

Eine Lösung für einen nachhaltigeren Umgang mit den lebenden Fossilien könnte die kontrollierte Zucht sein

Die Rolle der Technologie

Inzwischen hat sich einiges geändert. Nicht zuletzt durch Gruppen wie den ERDG, der jeden auffordert, die harmlosen Tiere wieder auf die Beine zu stellen, sollte man mal eines auf dem Rücken liegend auffinden.

Auch einige der Brutplätze an der Delaware Bay wurden inzwischen durch Zäune geschützt, damit weniger Tiere während der Laichzeit umkommen.

Gebannt ist die Gefahr aber noch nicht. Bemühungen, synthetische Ersatzprodukte für den TAL-Test in Asien zu entwickeln, scheitern an bürokratischen Hürden. Und auch bei den Aalfischern klemmt es. Sie sagen, dass sie keine geeignete Alternative haben und auf die Krebse angewiesen sind.

Stimmt nicht, sagen Anthony und Kristen Dellinger. Das Ehepaar ist für das Nanotechnologieunternehmen Kepley Biosystems in South Carolina tätig, wo jährlich hunderttausende Tiere ihr blaues Blut lassen.

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Beide arbeiten an der Verbesserung eines bereits existierenden synthetischen Köders, um ihn auch für das Fischen auf Aale anzupassen. Außerdem entwickeln sie ein Krebsei, das den Zugvögeln auch schmeckt. Und sie sehen Chancen für die Zucht von Pfeilschwanzkrebsen.

Eine kontrollierte Aufzucht "würde es ermöglichen, die Tiere lange bei guter Gesundheit zu halten", so Anthony Dellinger. Und er fügt hinzu, dass davon auch die Industrie profitieren würde. "Man könnte öfter Blut ernten, aber dafür weniger. Bisher passiert das ja nur einmal im Jahr zur Laichzeit, es müssen viele Tiere gefangen und ihnen eine beträchtliche Menge Blut entnommen werden."

"Alles, was Pfeilschwanzkrebse tun, folgt einem Ziel. Und das Ziel heißt: Überleben", sagt Glenn Gauvry. "Sie können sich sehr gut an alles mögliche anpassen. Aber wir Menschen bringen zu schnelle Veränderungen. Also sind und bleiben wir die große Herausforderung für Pfeilschwanzkrebse."

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