Darknet: Missbrauchsplattform ″Boystown″ zerschlagen | Welt | DW | 03.05.2021
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Sexueller Kindesmissbrauch

Darknet: Missbrauchsplattform "Boystown" zerschlagen

Eine der weltweit größten Plattformen für Kinderpornografie ist vom Netz, nach einer internationalen Polizeiaktion. Vier Männer wurden festgenommen. Aber die Arbeit der Ermittler geht weiter.

Symbolbild Hacker schreibt auf Tastatur

Brutaler Missbrauch, digital vervielfältigt: Darknetplattform "Boystown"

Der Zugang zur Kinderhölle im Darknet war leicht: Pädophile mussten keinen Cent bezahlen, um ein Konto bei "Boystown" einzurichten; Daten wie etwa eine E-Mail-Adresse wurden nicht abgefragt; eine Empfehlung durch einen Bürgen im Forum war nicht erforderlich; Benutzername und Passwort waren frei wählbar. Diese niedrigen Hürden für den Eintritt in die dunkle Welt des sexuellen Kindesmissbrauchs sorgten dafür, dass in knapp zwei Jahren über 400.000 Konten erstellt wurden und "Boystown" zu einer der größten Plattformen für kinderpornografische Inhalte wurde. Bis sie jetzt in einer internationalen Polizeiaktion unter Leitung des deutschen Bundeskriminalamtes vom Netz genommen wurde. Vier verdächtige Deutsche wurden verhaftet.

Darknet Internetseite Screenshot Boystown Kinderporno Kindesmissbrauch

Kinderhölle im Darknet: Missbrauchsplattform "Boystown"

"Enorme Dimension"

"Der Schlag gegen 'Boystown' zeigt, dass Produktion, Handel und Konsum von Missbrauchsdarstellungen enorme Dimensionen angenommen haben und hochgradig professionalisiert zu sein scheinen", sagt Johannes-Wilhelm Rörig, der unabhängige Beauftragte der Bundesregierung für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs, gegenüber der DW. Als 2017 die Kinderpornografieplattform "Elysium" ausgehoben wurde, hatte die nur gut 100.000 Nutzerkonten, ein Viertel soviel wie "Boystown".

Video ansehen 01:04

Staatsanwältin Julia Bussweiler zu den Ermittlungen

Hans-Joachim Leon leitet beim Bundeskriminalamt (BKA) die Gruppe "Gewalt- und Sexualdelikte", die im Fall "Boystown" die Ermittlungen geführt hat. Leon bestätigt gegenüber der DW den Trend zu größeren Plattformen. Auch der BKA-Mann spricht von einer "äußerst professionell organisierten, administrierten Plattform". Dazu gehört für Leon auch "ein eigener Bereich zum Thema Sicherheit, in dem die User instruiert wurden, wie man anonym unentdeckt vor Strafverfolgung hier Straftaten begehen kann".

Erschütterter Ermittler

Und diese Straftaten haben es in sich. Leon spricht von teilweise "schwerstem sexuellen Missbrauch" von Kindern, auch von Kleinkindern. Er erklärt, dass in einer Sektion der Plattform Bildmaterial getauscht wurde, wo Gewalt angewandt wurde. Der Kriminalbeamte zeigt sich erschüttert über die "Art und Weise, wie sich über Missbrauchshandlungen ausgetauscht wurde, über den Sprachgebrauch". Und er berichtet davon, wie belastend die Arbeit mit diesem Material für die Ermittler ist. Auch, weil die Ermittlungen langfristig geführt werden müssen: "Sie werden oftmals Zeuge und können nichts machen. Das ist teilweise so, dass sie fast verzweifeln daran."  

Drei der vier Festgenommenen stehen im Verdacht, Administratoren von "Boystown" gewesen zu sein, erläutert Staatsanwältin Julia Bussweiler von der Frankfurter Zentralstelle für die Bekämpfung der Internetkriminalität (ZIT) im DW-Gespräch. "Das bedeutet ganz konkret, dass sie die Server, die Infrastruktur auf der 'Boystown' gewesen ist, eingerichtet und betrieben haben, die auch gewartet haben, und dass sie sich auch um die Mitgliederbetreuung gekümmert haben sollen."

Dr. Julia Bussweiler, Staatsanwältin -Pressesprecherin ZIT- Zentralstelle für die Bekämpfung der Internetkriminalität in Frankfurt.

Julia Bussweiler: Kampf gegen Missbrauchsplattformen braucht Internationalität

Nicht Geld: Status

Dabei stehe für die Betreiber nicht der finanzielle Aspekt im Vordergrund. "Geld wird auf solchen Plattformen in der Regel nicht verdient", sagt Staatsanwältin Bussweiler. BKA-Ermittler Leon stimmt zu: "Es geht darum, einen bestimmten Status in der Gemeinschaft zu haben. Wenn Sie Administrator sind, sind Sie Herr über alles und können die Regeln bestimmen. Sie werden international hofiert und Sie befriedigen dabei auch eigene Bedürfnisse."

Neben dem BKA waren noch Polizeibehörden aus den Niederlanden, Schweden, Australien, Kanada und den USA an den Ermittlungen zu "Boystown" beteiligt. "Dieser Fall zeigt, wie wichtig die nationale und internationale Zusammenarbeit für den Erfolg gegen sexuellen Missbrauch ist", betont der Missbrauchsbeauftragte Rörig.

11.05.2020, Berlin: Johannes-Wilhelm Rörig, unabhängiger Beauftragter für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs, nimmt an einer Pressekonferenz zur Kriminalstatistik für das Jahr 2019 teil.

Johannes-Wilhelm Rörig: "Verhältnis von Kinderschutz und Datenschutz neu ausbalancieren"

Die Darknet-Plattformen kennen auch keine Ländergrenzen. "Die Personen, die sich da zusammenschließen, kommen aus allen Teilen der Welt", sagt Staatsanwältin Bussweiler. "Es gab bei 'Boystown' auch spezielle Sprachkanäle, damit sich die Personen in ihrer Muttersprache mit anderen Nutzern austauschen konnten."

Eine Spur führt zur nächsten

"Boystown" ist zwar abgeschaltet, die Hauptbeschuldigten sind in Haft, aber die Arbeit geht jetzt erst recht weiter. Denn den Ermittlern sind eine Fülle von Daten in die Hände gefallen, die neue Ermittlungsansätze bieten. "Wir haben viele Informationen zu Usern weltweit, die wir jetzt mit unseren internationalen Partnern austauschen", zeigt BKA-Mann Leon die nächsten Schritte auf. Um die gigantische Datenmenge bearbeiten zu können, werden die Bilder und Videos vermehrt mit Programmen vorgefiltert, die mit künstlicher Intelligenz arbeiten, "die immer besser werden", wie Leon sagt.

Johannes-Wilhelm Rörig fordert für die Verfolgung von sexuellem Kindesmissbrauch mehr Personal und Technik nicht nur beim BKA, sondern auch bei den Landeskriminalämtern. Der unabhängige Missbrauchsbeauftragte setzt sich auch ein für eine "eine EU-konforme Vorratsdatenspeicherung, damit nicht weiterhin tausende von Spuren zu den Tätern durch zu schnell gelöschte IP-Adressen verloren gehen". Generell muss laut Rörig das Verhältnis von Kinderschutz und Datenschutz neu ausbalanciert werden.