Darknet: Der digitale Untergrund | Deutschland | DW | 02.08.2018
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Kriminalität

Darknet: Der digitale Untergrund

Pädophile verabreden sich dort zum Kindesmissbrauch, Waffen und Drogen wechseln ihre Besitzer - das ist die dunkle Seite des Darknets. Für Oppositionelle kann es aber auch ein Schutzraum sein.

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Darknet: Online-Marktplatz für Verbrechen

Gleich zwei Strafprozesse beschäftigen sich derzeit mit der Rolle des Darknets als Marktplatz für sexuellen Kindesmissbrauch: Im hessischen Limburg beginnt der Prozess gegen die Betreiber der weltgrößten Pädophilen-Plattform "Elysium". Als die im Juni 2017 ausgehoben wurde, waren dort knapp 90.000 Mitglieder aktiv. Und an diesem Dienstag erging in Freiburg das Urteil im Prozess um einen schockierenden Missbrauchsfall. Eine Mutter und ihr Lebensgefährte wurden zu langjährigen Haftstrafen verurteilt. Das Gericht sah es als erwiesen an, dass die Mutter ihren heute neunjährigen Sohn selbst missbraucht und zwei Jahre lang über "Elysium" zur Vergewaltigung angeboten hatte. 

"Das Netz entwickelt sich zum zentralen Tatort für sexuelle Gewalt", urteilte Anfang Februar Johannes-Wilhelm Rörig beim dem Europäischen Polizeikongress in Berlin. Der unabhängige Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung sagte: "Das Darknet ist seit Jahren Schutzraum für perfide Täter."

Symbolbild Kinderpornografie im Darknet (picture-alliance/dpa/P. Nissen )

Kinderpornographie im Internet - ein Screenshot, veröffentlicht von US-Behörden

Dezentral und verschlüsselt

Dieser Tatort Darknet ist der dezentrale, anonyme und unkontrollierte Teil des Internets. Das Darknet arbeitet ohne zentrale Struktur. Einzelne Computer verbinden sich zu Netzwerken. Es gibt also tatsächlich nicht ein, sondern viele Darknets. Man kann sie nicht einfach per Google-Suche finden. Zusätzliche Hürde: Neue Mitglieder müssen häufig von Teilnehmern eingeladen oder akzeptiert werden. Stellenweise können das nur Teilnehmer mit besonderen Privilegien tun. Die Daten im Darknet werden normalerweise verschlüsselt übertragen, eine Überwachung wird dadurch noch schwieriger. Nahezu unmöglich wird die Kontrolle dadurch, dass der Zugang zum Darknet in der Regel über Programme wie den TOR-Browser erfolgt. Der sorgt dafür, dass jedes Datenpaket über drei zufällig ausgewählte Rechner verschickt wird, die zudem ständig wechseln. Mit jeder Zwischenadresse bekommt das Paket eine andere Absende Adresse - am Ende ist der ursprüngliche Absender nicht mehr nachvollziehbar. Er arbeitet nahezu vollkommen anonym.

Dream Market Screenshot (Dream Market)

So sieht ein Drogen-Marktplatz im Darknet aus

Im Zusammenspiel mit ebenfalls anonymisierten Kryptowährungen wie Bitcoin entsteht eine komplette Infrastruktur. Der britische Autor Jamie Bartlett hat intensiv im Darknet recherchiert und dabei auch Online-Markplätze untersucht. Der DW erläuterte Bartlett, es handle sich um wettbewerbsorientierte, hoch funktionale Marktplätze mit allen Kennzeichen moderner E-Commerce-Seiten - inklusive Kundenbewertungen. "In erster Linie werden sie für den Drogenhandel genutzt. Zehntausende oder gar Hunderttausende Käufe werden Jahr für Jahr über solche Seiten abgewickelt. Bezahlt wird mit der Krypto-Währung Bitcoin. Dann wird die Ware nach Hause geliefert, ganz so wie bei Amazon oder Ebay. Der einzige Unterschied: Hier geschieht alles unter dem Mantel der Anonymität", sagt Bartlett.

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Alltagstauglichkeit von Kryptowährungen

Auch Waffen werden auf Darknet-Marktplätzen gehandelt ebenso wie illegale Dienstleistungen aller Art: Botnetze können gemietet werden und Cyberangriffe. Wer Angriffswerkzeuge für die digitale Welt braucht, kann hier Viren, Würmer, Trojaner und auch sonst alles bekommen, was der digitale Untergrund hergibt.

Verlockende Anonymität

Für den Frankfurter Staatsanwalt Georg Ungefuk hat das Darknet die Welt der Kriminalität nicht grundsätzlich verändert, aber deren Möglichkeiten erweitert: Das gelte für alle Bereiche, insbesondere aber für die Kinderpornographie, sagt Ungefuk der DW. Der Sprecher der Zentralstelle für die Bekämpfung der Internetkriminalität, die auch die Ermittlungen im Fall der Kindesmissbrauchsplattform "Elysium" geführt hat, erläutert, "das Darknet zu nutzen für die Begehung von Straftaten ist für viele immer noch sehr verlockend, weil man in dem Glauben ist, der Strafverfolgung zu entgehen und sich anonym zu bewegen".

Die technischen Hürden seien relativ niedrig. Zumindest für die einfachen Stufen seien keine besonderen technischen Kenntnisse erforderlich. "Es gab auf jedem Szene-Board in der Vergangenheit immer auch einen Sicherheits- oder Technikbereich. Da wurden Mitglieder von derartigen Plattform angelernt oder hingewiesen auf bestimmte Sicherheitsvorkehrungen. Es wurden Tipps gegeben, wie man sich sicher verhält, wie man sicher kommuniziert, wie man die Strafverfolgungsbehörden möglicherweise auf eine falsche Fährte locken kann und wie man insgesamt anonym bleibt", berichtet der Frankfurter Cyber-Staatsanwalt.

Oberstaatsanwalt Georg Ungefuk Sprecher Generalstaatsanwaltschaft Frankfurt (picture-alliance/dpa/A. Dedert)

Georg Ungefuk von der Staatsanwaltschaft Frankfurt, die auch im Fall "Elysium" ermittelt hat

Schutzraum für Oppositionelle

Dabei ist das Darknet nicht nur eine Spielwiese für Kriminelle. Es ist auch ein Rückzugsort für Menschen, die geschützt kommunizieren wollen: vielleicht, weil sie in Staaten leben, in denen die Meinungsfreiheit eingeschränkt ist - vielleicht, weil sie nach den Enthüllungen von Edward Snowden über die umfangreiche Überwachungspraxis der Geheimdienste besorgt sind. Diese Nutzung des Darknets nimmt Georg Ungefuk wahr: "Das Darknet hat auch mit Freiheit zu tun und mit der Möglichkeit, der Strafverfolgung in Ländern zu entgehen, wo die Meinungsfreiheit nicht die Bedeutung hat wie bei uns." 

Weltweit setzen Oppositionsbewegungen auf das TOR-Netzwerk. Dafür hat es 2011 den Preis für gesellschaftlichen Nutzen von der Free Software Foundation erhalten. TOR habe rund 36 Millionen Menschen unzensierten Zugang zum Internet mit der Kontrolle über Privatsphäre und Anonymität ermöglicht, hieß es damals in der Begründung.

Deshalb wurde dasTOR-Projekt das den Aufbau und die Pflege des Anonymisierungsnetzwerks und die Weiterentwicklung des TOR-Browsers betreibt, 2015 auch vom deutschen Außenministerium unterstützt. Mit dem einfach herunterladbaren TOR-Browser kann man übrigens nicht nur im Darknet unterwegs sein, sondern sich auch anonym im World-Wide-Web bewegen. Die Sicherheit hat allerdings ihren Preis: Die Daten fließen deutlich langsamer.

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