Danke für die Spende, Herr Bezos | Amerika - Die aktuellsten Nachrichten und Informationen | DW | 24.02.2020
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Glosse

Danke für die Spende, Herr Bezos

Amazon-Eigner Jeff Bezos will jetzt zehn Milliarden spenden, um zur Rettung der Umwelt beizutragen. Wieso eigentlich nur zehn, wo er doch schon 130 Milliarden damit verdient hat, sie zu zerstören, fragt Barbara Wesel.

Jeff Bezos hat offensichtlich keinen Sinn für Ironie. Als er also ankündigte, zehn Milliarden für die Umwelt zu spenden, fand er sich dabei wahrscheinlich toll und tugendhaft. Tatsächlich lenkt er damit das Augenmerk auf den ökologischen Irrsinn hinter dem Geschäftsmodell von Amazon. In dieser Lage milde Gaben zu verteilen, ist eher eine Zumutung. Nach der Devise: Meine Villen, meine Jachten, mein Flugzeug, meine Spende für die Umwelt. 

So viel Plastik und so viele Kilometer

Es geht los mit einer Orgie von Verschwendung. Da wird gefühlt jedes Computerkabel in 10 Meter braunes Papier verpackt, mit Plastikkissen aufgepolstert und in einem Karton von mindestens einem halben Kubikmeter Umfang transportiert. Geht es um eine nur ansatzweise zerbrechliche Ware, sagen wir eine Waage fürs Bad, wird das Teil oft mit so viel Styropornudeln umgeben, dass man damit locker einen Sarg füllen könnte.

Das Verhältnis von versandter Ware zu Verpackung beträgt im Schnitt 1:10. Die maximale Verhüllung der Dinge scheint hier Prinzip. Mit dem Öffnen einer Lieferung entsteht ein Riesenhaufen Müll, der sofort in der häuslichen Abfalltonne landet. Haben Umweltorganisationen schon mal ausgerechnet, wie viel Bezos' Unternehmen eigentlich zur weltweiten Masse von Plastikmüll zu Lande, zu Wasser und in der Luft beiträgt?

Und dann die Lieferwagen. Jede bestellte Fernbedienung, Duftkerze oder Gewürzmischung für das vegane Rezept aus dem Öko-Kochbuch wird von einem Transporter gebracht, dessen gestresster und unterbezahlter Fahrer von seiner Wohnung zunächst 30 Kilometer weit zum Amazon Lagerhaus am Stadtrand gefahren ist und der dann weitere 100 Kilometer auf seiner Route zurücklegt, um den Krempel abzuliefern. Und das alles nur, damit man den neuesten Bestseller am nächsten Tag auf dem Nachttisch hat, wo man doch sowieso erst in den Ferien dazu kommt, das Teil zu lesen. Warum muss man eigentlich alles sofort haben?

Barbara Wesel Kommentarbild App *PROVISORISCH*

DW-Korrespondentin Barbara Wesel

Ein Service für Fußkranke

Und was ist eigentlich falsch daran, seine Besorgungen auf einen Zettel oder meinetwegen in das Smartphone zu notieren, um sie nach Feierabend oder am Samstag zu erledigen? So lange wir in Europa das Glück haben, dass es noch Läden gibt, in denen man Dinge anprobieren, aussuchen und kaufen kann, sollte es diese Mühe doch eigentlich wert sein, wenn man damit etwas zur Rettung der Umwelt tun kann. 

Unterwegs kann man ja auch ein paar Leute sehen, fühlen, wie das Wetter ist, und vielleicht einen Abstecher ins Café oder Gasthaus machen. Oder sind wir inzwischen dermaßen faul und fußkrank, dass sich das Ideal der "Sofa-Kartoffel" durchgesetzt hat? Dann bleibt halt hocken, Leute, und wartet bis euch die große Flut eines Tages mitsamt Sitzmöbel davonschwemmt.

Amazon Pakete (Reuters/M. Segar)

Ein Amazon-Paket: Ware mit viel Müll drumherum

Man kann übrigens vielerorts mit dem öffentlichen Nahverkehr, dem Fahrrad oder zu Fuß einen Laden erreichen. Es ist häufig nicht nötig, dafür das Auto zu benutzen. Fünf Kilometer am Tag zu latschen ersetzt garantiert eine halbe Stunde Fitness-Studio. Die Bewohner abgelegener Dörfer sollen von dieser Tirade ausdrücklich ausgenommen sein.

Und wozu brauchen wir eigentlich so viel Zeug? Noch ein Kinderspielzeug, eine Sporttasche, ein Stück Digitalkram sowie die letzte Mode bei Pullovern, regendichten Wanderjacken und Yogahosen? Es gibt sowieso bald keinen Schnee mehr, die alte Jacke geht noch und die Schränke sind schon jetzt voll. Man könnte einfach damit aufhören, immer mehr Krempel zu bestellen.

Ein paar Empfehlungen für Jeff Bezos

Abgesehen von unserem eigenen Beitrag zur Reduzierung des besinnungslosen Bestell- und Lieferwahns, hier noch ein paar Empfehlungen für Jeff Bezos: Statt mit Gönnergeste ein paar Milliarden auszustreuen, sollte er erst einmal die Arbeitsbedingungen in seinen Lagerhäusern verbessern. Aus denen melden britische Gewerkschaften gerade steigende Unfallzahlen. Und jeder kennt seit langem die Berichte über gehetzte Mindestlohnempfänger, die da auf Schritt und Tritt überwacht und angetrieben werden. Außerdem könnte er es zum Unternehmensziel erklären, den angerichteten ökologischen Schaden erst zu halbieren, dann zu vierteln und am Ende ganz zu eliminieren.

Und wenn danach Geld übrig ist: Unser Milliardär könnte gern weltweit größter Investor in erneuerbare Energien werden und die einschlägige Forschung bezahlen. Alles andere ist nur ein grüner Anstrich für diesen Profiteur des Turbo-Konsums. Außerdem meint man ja, selbst Jeff Bezos, der gerade 165 Millionen Dollar für ein Haus in Kalifornien ausgegeben hat, würde irgendwann mal genug Zeug besitzen. Aber darüber müsste er wohl mal mit seinem Therapeuten reden.

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